Ausgabe 02 | 2016

ARBEITSMARKT

Arbeitsintegration

«Neuenburg bildet zu Unrecht das Schlusslicht»

Der Kanton Neuenburg hat eine neue Strategie für die berufliche Eingliederung erarbeitet. Staatsrat Jean-Nathanaël Karakash und Fabio Fiore vom kantonalen Arbeitsamt stehen PANORAMA Rede und Antwort.

Interview: Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Sie wollen eng mit den Grossbetrieben im Kanton zusammenarbeiten: Jean-Nathanaël Karakash, Staatsrat (rechts), und Fabio Fiore stv. Leiter des kantonalen Arbeitsamtes Neuenburg (links). (Bild: Christine Bitz)

Sie wollen eng mit den Grossbetrieben im Kanton zusammenarbeiten: Jean-Nathanaël Karakash, Staatsrat (rechts), und Fabio Fiore stv. Leiter des kantonalen Arbeitsamtes Neuenburg (links). (Bild: Christine Bitz)

PANORAMA: 2015 haben Sie die neue Strategie für die berufliche Eingliederung vorgestellt und im März 2016 einstimmig grünes Licht vom Grossrat erhalten. Wo stehen Sie heute? Jean-Nathanaël Karakash: Es laufen verschiedene Aktionen, wir stehen aber noch ganz am Anfang. Die Neuorganisation der Unterstützungsangebote und der Aufbau der Partnerschaften bilden das Rückgrat unserer neuen Strategie. Es wird Jahre dauern, bis die beiden Massnahmen ihre volle Wirkung entfalten. Wir sind gerade daran, die Prozesse in konkrete Aktionen und Abläufe umzuwandeln. Zudem sind wir im Rahmen des sogenannten «New Deal pour l’Emploi» erste Partnerschaften mit Grossbetrieben des Kantons eingegangen. All dies erfordert Ressourcen. Wir können nicht an allen Baustellen gleichzeitig arbeiten.

Sie mussten nicht bei null anfangen. 2012 wurde ja bereits «ProEntreprises» auf die Beine gestellt. Welchen Mehrwert bringt «New Deal»?
Jean-Nathanaël Karakash: Die Idee ist, die Beziehungen mit etwa 30 Grossbetrieben im Kanton, mit denen wir langfristig eine direkte Partnerschaft aufbauen möchten, zu systematisieren. Neben den Kontakten, die wir im Rahmen der Rekrutierung pflegen, führen wir halbjährliche Standortbestimmungen mit den Betrieben durch. Bei den KMU ist eine direkte Partnerschaft nicht möglich, dort pflegen wir Beziehungen zu den Berufsverbänden. Es geht nicht darum, ein Problem des Kantons zu lösen, sondern darum, auf die Bedürfnisse der Betriebe einzugehen.
Fabio Fiore: «ProEntreprises» zielt ausschliesslich auf vakante Stellen ab. Hinter «New Deal» steht die Idee, weitere Aspekte einzubinden, etwa Überlegungen zu den Berufen und Bildungsgängen der Zukunft oder zu den Ausbildungen, die im Kanton geschaffen werden müssen. Die Kontakte zu den Grossunternehmen erleichtern dieses Vorhaben. Es geht also um mehr als die blosse Bewirtschaftung offener Stellen. Deshalb steht das Projekt «New Deal» momentan auch unter der Leitung des Amts für Wirtschaft.

Inwiefern ist die neue Strategie innovativ, vor allem im Vergleich mit anderen Kantonen?
Jean-Nathanaël Karakash: Innovativ ist etwa, dass verschiedene Dienste bei der Beziehungspflege mit Grossbetrieben einen gemeinsamen Ansatz verfolgen und dass alle an der beruflichen Eingliederung Beteiligten in einen Gesamtprozess eingebunden werden. Unseres Wissens gibt es das nirgendwo sonst auf Kantonsebene, weder bezüglich der Steuerung der Angebote noch bezüglich der Organisation von Nahtstellen. Heute unterstützen verschiedene Ämter – das Arbeitsamt, die IV-Stelle, die Sozial- und die Migrationsämter – die Klienten bei der Integration. Sie arbeiten zwar vielmals zusammen, aber ohne strategische Gesamtführung.
Fabio Fiore: Tatsächlich gibt es in vielen Kantonen eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Stellen, vor allem zwischen der Sozialhilfe und den RAV. Aber kein Kanton führt ein ganzheitliches Projekt durch, das alle Dienste einbezieht, die Klienten in den RAV als Kompetenzzentren für die berufliche Eingliederung kanalisiert und es jedem Dienst ermöglicht, sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.

Die Strategie scheint vorwiegend auf Personen ausgerichtet zu sein, die in der Lage sind, in den ersten Arbeitsmarkt einzusteigen. Und die anderen?
Jean-Nathanaël Karakash: Die Priorität des Staatsrats ist klar: Im Vordergrund steht die Verbesserung der Angebote für die berufliche Eingliederung. Funktionieren diese, werden alle nachgelagerten Unterstützungsangebote entlastet. Wir wollen auch nicht dort investieren, wo bei der Stellensuche gar keine Unterstützung benötigt wird, sondern dort ansetzen, wo unsere Hilfe einen Unterschied macht. Überdies sind unsere Mittel sehr beschränkt. Nach dem System der arbeitsmarktlichen Massnahmen gilt: Je höher die Arbeitslosenquote, desto weniger Mittel stehen für die Stellensuchenden zur Verfügung.
Fabio Fiore: Um effizient arbeiten zu können, müssen wir bei der steigenden Zahl von Stellensuchenden ansetzen, für die wir etwas tun können. Wir möchten auch ein Hin und Her zwischen der ALV und der Sozialhilfe vermeiden. Dafür haben wir einen gemeinsamen Raster, gemeinsame Merkmale und einen einheitlichen Standpunkt in Bezug auf die Arbeitsmarktfähigkeit der Klienten.

Wie steht das SECO zur Strategie?
Fabio Fiore: Wir haben die Strategie mehrmals vorgestellt. Die Rückmeldungen waren ziemlich positiv, das SECO hält unsere Strategie für sehr ambitioniert. Das Aargauer Projekt «Pforte Arbeitsmarkt» (siehe PANORAMA 2/2015) ist unserem Projekt im Geiste ähnlich, allerdings eher regional ausgerichtet. Die Neuenburger Strategie entspricht voll und ganz der Absicht des SECO, die Zusammenarbeit zwischen der Sozialhilfe und den RAV auszubauen. Sie nimmt insbesondere die Schlussfolgerungen des «Berichts Arbeitsgruppe Arbeitsmarktfähigkeit» auf, der der ALV und der Sozialhilfe eine einheitliche Definition von Arbeitsmarktfähigkeit empfiehlt.

Das Arbeitsamt hat schwierige Zeiten hinter sich. Erklärt das zumindest teilweise die aktuell hohe Arbeitslosenquote?
Jean-Nathanaël Karakash: Die Schwierigkeiten begannen bereits 2008. Sie haben ihren Ursprung nicht in der politischen oder operativen Führung, sondern in der Subprime-Krise, die sich auf einen der Wirtschaftsmotoren des Kantons, die Exportwirtschaft, niederschlug. In wenigen Monaten stieg die Arbeitslosigkeit von 3 auf 7 Prozent, so stark wie in keinem anderen Kanton. Der Kanton reagierte aber sehr schnell, die Arbeitslosenquote sank rasch, ging jedoch nie auf das Niveau vor der Krise zurück. Das liegt nicht zuletzt am Wandel der Berufe: Es wurden nicht mehr die gleichen Stellen geschaffen wie jene, die zuvor gestrichen worden waren. In der gleichen Zeit, von 2009 bis 2011, durchlebte Neuenburg zudem eine politische Krise. Die damit verbundenen Veränderungen in der politischen und operativen Führung zu einem Zeitpunkt, als neue Stellen geschaffen wurden, waren dem Aufbau enger Beziehungen mit der Industrie nicht gerade förderlich. Das Arbeitsamt hat diesen widrigen Umständen getrotzt und Menschen in schwierigsten Situationen begleitet.

Wie nehmen die Mitarbeitenden die neue Strategie auf?
Fabio Fiore: Gut. Allerdings wird es durch den aktuellen Anstieg der Arbeitslosenzahlen immer schwieriger, die erforderlichen Ressourcen aufzubringen. Veränderungen lassen sich bei guter Konjunkturlage besser umsetzen. Die Mitarbeitenden haben an der Neugestaltung der Unterstützungsangebote mitgewirkt. Die gemeinsamen Raster für die neu eingeführten Prognosen zur Arbeitsmarktfähigkeit werden ebenfalls mit der Basis, vor allem den Mitarbeitenden des IIZ-Netzwerks, erarbeitet.
Jean-Nathanaël Karakash: Die Regierung ist überzeugt, dass die neue Strategie an sich weder mehr noch weniger Ressourcen erfordert. Sie zielt darauf ab, die vorhandenen Ressourcen bestmöglich zu nutzen und das Verhältnis von Aufwand und Ertrag zu maximieren. Wir wollen dem Personal nicht mehr Arbeit aufbürden, und doch ist klar, dass Veränderungen mit Mehraufwand verbunden sind. Gegenwärtig sind alle Mitarbeitenden besorgt und fragen sich, wie sie das alles bewältigen sollen. Doch wir haben es mit einer mehrjährigen Baustelle zu tun. Wir nehmen einen Schritt nach dem anderen und konsolidieren die Etappen. Dies beruhigt die Teams.

Die Baustelle umfasst auch die Entwicklung eines gemeinsamen IT-Tools, richtig?
Jean-Nathanaël Karakash: Mit seinem Votum hat der Grossrat seine Zustimmung zu einer Gesetzesrevision gegeben, die die Entwicklung des für die Umsetzung der Strategie notwendigen IT-Tools möglich macht. Wir waren nicht auf eine formelle Genehmigung durch das Parlament angewiesen, um weiterzukommen, aber ohne dieses Tool könnten wir unser Projekt nicht wie geplant umsetzen. Die Datenbank soll nicht die bestehenden Tools ersetzen, sondern der Aufzeichnung und Nachverfolgung der Kontakte der Stellensuchenden mit den verschiedenen Ämtern dienen.

Die Datenbank soll Ende 2017 in Betrieb genommen werden. Ist das nicht etwas ehrgeizig?
Jean-Nathanaël Karakash: Die Planung bildet den Idealfall ab, jede einzelne Etappe müsste also auf Anhieb und ohne Anpassungen abgeschlossen werden können. Ob uns das gelingt, wissen wir nicht, aber es bleibt unser Ziel. Die mit der Umsetzung der Strategie beauftragte Arbeitsgruppe trifft sich einmal wöchentlich. Es gilt keine Zeit zu verlieren, wir müssen vorwärtskommen. Eine gewisse Begeisterung ist auf allen Hierarchiestufen zu spüren, ebenso aber eine gewisse Beunruhigung in den Teams. Und wir wissen um die Erwartungen der Arbeitgeber. Unserer Meinung nach bildet Neuenburg in der Arbeitslosenstatistik zu Unrecht das Schlusslicht. Ich selbst bin zuversichtlich. Der Erfolg wird sich natürlich nicht sofort einstellen, sondern eine Weile auf sich warten lassen. Wir wissen nicht, ob unser Vorgehen richtig ist, aber mit einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent haben wir nichts zu verlieren.

Links und Literaturhinweise

www.ne.ch/medias

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.