Ausgabe 02 | 2016

BERUFSBERATUNG

Masterarbeit

Zeichentrickfilme zementieren Berufsstereotypen

Eine Analyse von Zeichentrickfilmen für Kinder und Jugendliche zeigt, dass sie traditionelle Berufsbilder vermitteln. Damit beeinflussen sie die spätere Berufswahl. Beim Abbau der Vorurteile spielt die Berufsberatung eine wichtige Rolle.

Von Mathieu Archinard, Berufs- und Laufbahnberater, sowie Ariane Froidevaux, Berufs- und Laufbahnberaterin, Doktorandin an der Universität Lausanne

Kinder bekommen in Zeichentrickfilmen schon früh mit, welche Berufe für ihr Geschlecht infrage kommen und welche nicht. (Bild: Fotolia/Myst)

Kinder bekommen in Zeichentrickfilmen schon früh mit, welche Berufe für ihr Geschlecht infrage kommen und welche nicht. (Bild: Fotolia/Myst)

Die zahlreichen Informationen, die über die Medien im Allgemeinen und die Zeichentrickfilme im Besonderen transportiert werden, erweitern das Wissen von Kindern und Jugendlichen und tragen nicht unwesentlich zur Entstehung von Berufswünschen bei. Eine gemeinsame Medienkultur unter Gleichaltrigen kann zudem eine stark integrative Wirkung haben. Im Rahmen der hier vorgestellten Studie wurden die vom Westschweizer Fernsehen RTS ausgestrahlten Zeichentrickfilme daraufhin analysiert, welche Berufsbilder sie den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern vermitteln. Dafür wurden per Los 20 Zeichentrickfilmserien ausgewählt, das entspricht rund zwei Dritteln der gesendeten Trickfilmserien. Von jeder Serie schauten die Forschenden fünf Folgen an und analysierten sämtliche dargestellten Berufe anhand eines Rasters. Die Ergebnisse zeigen, dass in den folgenden vier Beobachtungsfeldern Stereotypen dargestellt wurden:

- Geschlecht
Die Analyse ergab, dass beachtliche zwei Drittel der in den beobachteten Filmen dargestellten Berufsrollen gemäss schweizerischen und französischen Beschäftigungsstatistiken als stereotyp einzuschätzen sind. Allgemein werden weniger weibliche als männliche Berufstätige dargestellt – der Unterschied ist mit 22 Prozent deutlich. Zudem haben weibliche Trickfilmfiguren zweimal häufiger Berufe, die traditionell dem anderen Geschlecht zugeordnet sind. Arbeiten diese weiblichen Charaktere in «Männerberufen» mit höherem Prestige, sind sie in der Regel negativ oder lächerlich dargestellt. Arbeiten sie jedoch in «Männerberufen» mit geringerem Prestige – z. B. als Buschauffeuse – sind sie als fleissige, verantwortungsbewusste und angenehme Personen angelegt. In den von RTS ausgestrahlten Zeichentrickfilmen werden Frauen also nicht grundsätzlich abgewertet, wenn sie einen traditionellen Männerberuf ausüben, wohl aber, wenn sie einer prestigeträchtigen «männlichen» Tätigkeit nachgehen.

- Ethnie
Die dargestellten Berufstätigen haben weitaus häufiger eine weisse als eine andere Hautfarbe. Nur gerade ein Fünftel der menschlichen Zeichentrickfiguren, die einen Beruf ausüben, haben eine dunklere Hautfarbe. Darunter sind wiederum mehr Figuren mit brauner als solche mit schwarzer Hautfarbe.

- Berufstypen
Die dargestellten Berufe sind hauptsächlich den Interessentypen realistisch, sozial und künstlerisch zuzuordnen (nach J. L. Holland). Konkret kommen in den untersuchten Zeichentrickfilmen am häufigsten Berufe aus den Bereichen angewandte Kunst, Musik, Recht, Sicherheit und Polizei sowie Verkehr, Logistik und Fahrzeuge vor. Weibliche Zeichentrickfiguren sind hauptsächlich in den Bereichen Unterricht, Pflege, Kunst und Verkehr tätig. Männliche Figuren üben mehrheitlich Berufe in den Bereichen Landwirtschaft, Sicherheit und Kunst aus. Intellektuelle, unternehmerische und konventionelle Berufstypen werden am seltensten dargestellt.

- Berufsmerkmale
In den von RTS ausgestrahlten Zeichentrickfilmen werden vor allem visuelle Berufsmerkmale wie Materialien und Werkzeuge sowie typische Aktivitäten gezeigt. Insbesondere verbale Merkmale wie mündliche Erläuterungen zur Arbeitsweise sind stark unterrepräsentiert. Die für die Ausübung eines Berufs notwendige Ausbildung wird praktisch nie thematisiert.

Einfluss auf die Berufswahl

Die von den Zeichentrickfilmen vermittelten Berufsbilder können einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die spätere Berufswahl der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer haben. Deshalb ist es besonders wichtig, dass Fachpersonen wie Berufs- und Laufbahnberater/innen sich dieser Problematik bewusst sind. Für Berufsberaterinnen und Berufsberater geht es in erster Linie darum, ihren jungen Klientinnen und Klienten verständlich zu machen, dass alle Berufe von beiden Geschlechtern ausgeübt werden können. Das heisst, sie müssen darauf achten, dass die Jugendlichen nicht mögliche Wege ausschliessen, nur weil sie aufgrund von Vorurteilen gewisse Berufe einem Geschlecht zuordnen. Die untersuchten Sendungen vermitteln den Jugendlichen die Botschaft, dass von Männern ausgeübte Berufe ein höheres Prestige haben. Aus derselben Haltung heraus werden Frauen, die einer Tätigkeit mit hohem Prestige nachgehen, in den Filmen als böse oder skurril dargestellt. Diesen Bezug von Geschlecht und Prestige, der in den Zeichentrickfilmen festzustellen ist, hat die Psychologin Linda Gottfredson als «kognitive Landkarte» definiert, die jedes Individuum entwickelt und die festlegt, welche Berufe ihm nach seiner subjektiven Wahrnehmung zur Wahl stehen. Es ist entscheidend, dass Berufsberatende diese kognitive Landkarte zusammen mit den Jugendlichen erkunden, damit diese sich frei darüber äussern können, wo ihre Berufswahlmöglichkeiten bezüglich Geschlecht und Prestige verortet sind. Im Zusammenhang mit der ethnischen Identität sollten sich Berufsberaterinnen und -berater vor allem bewusst sein, dass Zeichentrickfilme für Jugendliche ausländischer Herkunft keine Vorbilder anbieten und dass sie deshalb mit ihnen über andere berufliche Vorbilder – etwa in der eigenen Familie oder unter bekannten Persönlichkeiten – nachdenken sollten.

Aufgaben für die Berufsberatung

Einige Berufskategorien sind in Zeichentrickfilmen völlig unterrepräsentiert. Berufsberatende sollten deshalb solche «blinden Flecken» ans Licht bringen, indem sie den Jugendlichen beispielsweise konventionelle, intellektuelle oder unternehmerische Berufstypen vorstellen und so sicherstellen, dass nicht gewisse Kategorien von vornherein ausgeschlossen werden. Dadurch kann die Übergewichtung gewisser Berufstypen (insbesondere Berufe im künstlerischen und medialen Bereich) ausgeglichen werden. Berufsberaterinnen und -berater können auch eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von beruflichen Merkmalen – beispielsweise der Ausbildung – spielen, die in Zeichentrickfilmen kaum angesprochen werden. Schliesslich können die Beratenden auch Berichte der Jugendlichen über Lieblingsserien oder -zeichentrickfilme nutzen, da diese, gemäss Mark Savickas, die vorhandenen Interessen offenlegen. Im Sinne eines Life-Design-Ansatzes, der sich auf das Verstehen der individuellen Berufs- und Lebenslaufbahn konzentriert, können die Beraterinnen und Berater den Jugendlichen anhand solcher Berichte helfen, selbst beschränkende Vorstellungen (z. B. bezüglich Geschlecht) und kulturelle Barrieren (z. B. bezüglich Ethnie) abzubauen. So können sie auf die von den jugendlichen Klienten entwickelte kognitive Landkarte der Berufe einwirken und die Grenzen des Möglichen hinsichtlich Geschlecht und Prestige erweitern. In einem zweiten Schritt sollte an der gemeinsamen Rekonstruktion gearbeitet werden, um die erzählte Identität der Jugendlichen in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Die im Rahmen dieser Studie gemachten Feststellungen – insbesondere zur Dominanz von männlichen und weissen Figuren in prestigeträchtigen Berufen – sind insofern bedauerlich, als Zeichentrickfilme gerade auch wegen ihrer fantastischen und imaginären Dimension die Chance böten, sich ein Stück weit von der realen Berufswelt und traditionellen Berufsrollen zu entfernen. Es wäre zu wünschen, dass die nächste Generation von Zeichentrickfilmen eine grössere Vielfalt an Personen und Berufen anbietet, denn dieses Medium spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Berufswünschen bei Kindern und Jugendlichen.

Links und Literaturhinweise

Archinard, M. (2015): Les métiers dans les dessins animés: ce qu’il en est montré aux jeunes Romands. Masterarbeit in Beratungs- und Berufswahlpsychologie. Universität Lausanne, Fakultät für Sozialwissenschaften und Politologie.
Gottfredson, L. S. (1981): Circumscription and compromise: A developmental theory of occupational aspirations. In: Journal of Counseling Psychology (Nr. 6[28], S. 545-579).
Savickas, M. L. (2015): Life designing with adults – Developmental individualization using biographical bricolage. In: Nota, L. & Rossier, J. (Hrsg.), Handbook of life design (S. 135-149). Boston, Hogrefe Publishing.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.