Ausgabe 02 | 2016

BERUFSBILDUNG

Evaluationsbericht

Kulturelle Integration an Berufsfachschulen

Die Hirschmann-Stiftung hat während sieben Jahren Integrationsprojekte an Berufsfachschulen unterstützt. Eine Evaluation zeigt positive Wirkungen. Einige Projekte wären allerdings auch ohne Unterstützung durchgeführt worden.

Von Nicole Kaiser, Marie-Christine Fontana und Barbara Haering, econcept AG

Gruppenaktivitäten sollen das gegenseitige Vertrauen fördern. (Bild: Fotolia/ARochau)

Gruppenaktivitäten sollen das gegenseitige Vertrauen fördern. (Bild: Fotolia/ARochau)

Berufsfachschulen sind aufgrund der Durchmischung Lernender unterschiedlicher Herkunft, Sprache und Kultur ein wichtiger Ort der Integrationsförderung. Aus diesem Grund initiierte die Hirschmann-Stiftung im Jahr 2008 in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen (SDK) die Förderung handlungsorientierter Integrationsprojekte. Durch Projektarbeit oder Erlebnisse im Umfeld der Berufsfachschulen sollten Lernende verschiedener Herkunft erfahren, wie Sprach-, Herkunfts- oder Mentalitätsschranken überwunden werden können. Dabei standen gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen sowie Respekt und Erfolg durch gemeinsames Arbeiten im Fokus. Nach mehrmaligen Verlängerungen wird die Hirschmann-Stiftung ihre finanzielle Unterstützung Ende 2016 beenden. Als Grundlage für eine allfällige Weiterführung der Integrationsprojekte wurde die Erstellung einer Evaluation in Auftrag gegeben, über die wir hier berichten. Sie basiert auf verschiedenen, sich ergänzenden Untersuchungsmethoden.

Rassismus eher selten

Im Verlauf der achtjährigen Projektdauer wurden 168 Integrationsprojekte mit über 45'000 Lernenden durchgeführt. Es beteiligten sich 56 Berufsfachschulen aus den meisten Kantonen und aus allen Sprachregionen; viele Schulen führten mehrere Projekte durch. Die Nachfrage lag aber eher unter den Erwartungen: Rund ein Achtel aller Berufsfachschulen nahm teil. An gut der Hälfte der befragten Berufsfachschulen gibt es hohe Anteile von Lernenden mit Migrationshintergrund. Rassistische Äusserungen, wenig Respekt oder Konflikte kommen aber eher selten vor. Berufsfachschulen, die ein Integrationsprojekt durchführten, weisen tendenziell einen höheren Anteil Lernender mit unterschiedlichem kulturellem oder religiösem Hintergrund auf und mehr Berufe, für deren Ausübung interkulturelle Kompetenzen wichtig sind. Zudem sind Probleme zwischen Lernenden etwas häufiger als an nichtbeteiligten Schulen. Im Rahmen der erlebnisorientierten Integrationsprojekte standen Fragen des sozialen Umgangs, die Förderung der gemeinsamen Kreativität oder der Abbau gegenseitiger Vorurteile im Zentrum. Die Projekte variierten stark bezüglich Dauer (von einem Tag bis zu einem Jahr), Teilnehmerzahl (eine Klasse bis zur ganzen Schule), Hauptaktivität (Workshops, Theater, Teamaktivitäten) und Förderbetrag. Die Projekte waren je etwa zur Hälfte Neukonzeptionen und Wiederholungen/Weiterentwicklungen. Zwei Drittel der Projekte wurden teilweise oder ganz in Zusammenarbeit mit externen Partnern organisiert. Rund ein Drittel der Projekte wurde mit dem maximalen Betrag von 20'000 Franken unterstützt.

Projekte zeigen Wirkung

Die Integrationsprojekte wirkten bei den Lernenden auf verschiedenen Ebenen. Sie zeigten Möglichkeiten zur Überwindung sprachlicher und kultureller Barrieren auf, die von den Teilnehmenden oft genutzt wurden. Gleichzeitig weckten die Projekte Offenheit für anderes, förderten das gegenseitige Verständnis und stärkten das Selbstvertrauen sowie die eigene Identität. Zudem sei, so die Beobachtungen von Lehrpersonen, auch der gegenseitige Respekt und die Hilfsbereitschaft innerhalb der Projektgruppe gestärkt worden. Die Evaluation weist darauf hin, dass die Wirkungen im Bewusstsein oder Handeln der Lernenden zumindest für die Dauer der Ausbildung Bestand haben. Die längerfristige Wirkung bleibt offen. Die Evaluation erhob auch Angaben zu vergleichbaren Integrationsprojekten, die ohne die Hirschmann-Stiftung – meist über das reguläre Schulbudget finanziert – durchgeführt wurden. In einigen Fällen fanden solche Projekte vor oder auch nach der Unterstützung durch die Hirschmann-Stiftung statt – ein erhoffter Effekt. Zugleich zeigt die Evaluation aber auch einen beachtlichen Mitnahmeeffekt: Es wurden auch Projekte gefördert, die wahrscheinlich auch ohne externe Unterstützung durchgeführt worden wären.

So geht es weiter

Mit den «Integrationsprojekten an Berufsfachschulen» wurde ein Angebot geschaffen, das an vielen Schulen in der ganzen Schweiz genutzt wurde und die Durchführung unterschiedlicher Integrationsprojekte erlaubte. Die Projekte wurden von den befragten Beteiligten geschätzt und die erwünschten Wirkungen – Abbau von Vorurteilen und von Sprach- und Herkunftsschranken bei Lernenden an Berufsfachschulen – oft erreicht. Die Table Ronde der berufsbildenden Schulen und die Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) suchen nun nach Möglichkeiten, die Projekte ohne die Hirschmann-Stiftung weiterhin zu fördern oder sich für die Förderung stark zu machen. Dazu ist sicherzustellen, dass die Schulen über die erforderlichen Mittel verfügen. Als zweite Hilfestellung sollen die Erfahrungen aus den bisherigen Projekten zusammengestellt und an einer zentralen Stelle zugänglich gemacht werden. Die Stellungnahme der SBBK und ein Vorschlag für die Ausgestaltung einer zentralen Informationsstelle sollen im Sommer 2016 vorliegen.

Links und Literaturhinweise

Hirschmann-Stiftung/TR BS/econcept AG (erscheint demnächst): Integrationsprojekte an Berufsfachschulen: Evaluation. St. Gallen/Zürich.
www.integration-berufsfachschulen.ch
www.hirschmann-stiftung.ch

Kasten

Die Hirschmann-Stiftung

Die Hirschmann-Stiftung ist eine gemeinnützige schweizerische Stiftung. Sie wurde 1985 vom Unternehmer und Aviatik-Pionier Carl W. Hirschmann gegründet. Sein Familienunternehmen war in den Bereichen Werkzeugmaschinenhandel, Private Banking, Hotelindustrie, Tourismus und Transport, Landwirtschaft und Immobilien tätig und wurde 2005 verkauft. Die Stiftung fördert die berufliche Aus- und Weiterbildung, Forschung und Wissenschaft, die Entwicklungszusammenarbeit und soziale Ziele.

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