Ausgabe 02 | 2016

Fokus "Digitale Identität"

Gegenbewegung

Online oder offline?

Offliner bieten der digitalen Transformation in unterschiedlichem Ausmass Widerstand. Die digitale Transformation bringt aber auch neue Berufe, Funktionen und Netzwerke hervor.

Von Joël Luc Cachelin, Gründer und Geschäftsführer der Wissensfabrik

Die digitale Transformation scheint unaufhaltsam. Wir stehen am Anfang eines exponentiellen Veränderungsprozesses, der unser Leben grundsätzlich und unumkehrbar verändert. Das Internet der Dinge, die Augmented Reality, Big Data und Anwendungen der künstlichen Intelligenz digitalisieren unser Leben zusätzlich. Wir werden noch mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen. Unsere digitale Aura erweitert sich ständig durch neue Geräte, die durch Clouds miteinander kommunizieren. Auf einer anthropologischen Ebene stellt sich die Frage, ob wir durch die Digitalisierung nicht auch das Wesen des Menschen verändern, wird dieses doch immer maschinenähnlicher. Nun keimt Widerstand gegen eine selbstverständliche und fremdbestimmte Digitalisierung. Es gibt immer mehr Skeptiker und Verlierer der digitalen Transformation, die laut fragen, in welcher digitalen Zukunft wir leben wollen. Widerstand regt sich nicht so sehr gegen die Digitalisierung an und für sich. Vielmehr geht es einerseits um die Nebenwirkungen der Digitalisierung, also um deren Folgen für Wirtschaft, Natur und Gesellschaft. Anderseits verändert die digitale Transformation die heutigen Machtverhältnisse. Sie bringt mächtige Digitalisierungstreiber hervor, welche die Digitalisierung aus Eigeninteresse vorwärtstreiben. Es taucht die Dystopie einer digitalen Monokultur auf, in der die Digitalisierungstreiber über uns bestimmen. Je düsterer die Zukunftsprognosen und je vielseitiger die Kritikpunkte, desto wahrscheinlicher wird das Aufleben einer Gegenkultur, diejenige der Offliner. Offliner sind keine geeinte Gegenbewegung. Dafür gibt es zu viele unterschiedliche Kritikpunkte und Gegenentwürfe. Folglich ist es auch schwierig, die Stärke der Gegenkultur zu messen. Bei den Offlinern handelt es sich vorerst also um ein Gedankenkonstrukt von Beobachtern der digitalen Gesellschaft, das die Widerstände einfangen will, die sich gegen die Digitalisierung und ihre Treiber formieren. Es können 16 unterschiedliche Typen von Offlinern unterschieden werden (siehe Abbildung). Diese verteilen sich auf die wirtschaftliche, politische, soziale und technologische Fraktion. Während Verlierer der digitalen Transformation und Kapitalismus- und Globalisierungskritiker der wirtschaftlichen Fraktion zugeordnet werden können, geht es Datenschützern und Selbstverwaltern primär um die Frage der Macht. Auch die sozialen und technologischen Offliner wollen die digitale Zukunft mitbestimmen. Sie umfassen eine breite Palette an Skeptikern – von den Entschleunigern über die Romantiker, die Situationisten, die Paranoiden, die Gottesfürchtigen und die Anti-Transhumanisten. Die Typologie beansprucht keine Trennschärfe. Vielmehr will sie für die Breite und die Heterogenität der Motive sensibilisieren, die einer einseitigen Digitalisierung gegenüberstehen. Das heisst, dass die Skeptiker nicht strikt einem Offliner-Typus zugeordnet werden können. Zudem funktionieren die meisten von uns in beiden Welten, leben also situativ analog und digital. Vielleicht gilt sogar, dass je mehr man die digitale Welt kennt, desto mehr Mängel man auch an ihr erkennt. Diese Vielfalt passt zu zeitgemässen Identitätskonzepten, wonach wir nicht eine einzige Identität haben. Wir leben in unterschiedlichen Lebenswelten, stehen in vielfältigen Netzwerken, nehmen zahlreiche Rollen wahr. Wir sind also viele, wobei die Digitalisierung uns einerseits einlädt, diese Vielfalt online zu erkunden und zu kultivieren und anderseits auch zu ordnen – damit wir uns nicht in den Möglichkeiten verlieren. Das Gefundene sollen wir anschlies-send auf den Märkten der Multioptionsgesellschaft kommunizieren. Die Netzwerke wollen wissen, wer wir sind, was wir wollen und was wir können. Die Identitäten gilt es gleichzeitig im analogen und im digitalen Raum zu pflegen. In einer Gesellschaft, die immer mehr von der Digitalisierung geprägt ist, umschliessen auch unsere Identitäten vermehrt entsprechende Einstellungen und Präferenzen. Sie geben Antwort auf die Frage, wie digital man leben will, welche Identitäten man digital preisgibt und wann man warum offline geht.

Zukünftige Rollen und Branchen

Beobachter gehen davon aus, dass die digitale Transformation bis zur Hälfte die heutigen Unternehmen, Berufe und Stellen zerstört. Betrachtet man den Auflösungsprozess positiv, entstehen viele neue Dinge. Die Schweiz wird vom digitalen Wandel stark betroffen sein, befinden sich doch einige unserer Kernbranchen in einem späten Lebenszyklus (Pharma, Versicherungen, Banken). Aufgrund unserer Stärken in Bildung, Infrastruktur und politischer Stabilität wird es uns gelingen, Zukunftsbranchen zu etablieren. Recycling, die Ausbildung von Managern, Datensicherheit oder Offlinetourismus könnten Eckpfeiler dieser künftigen Volkswirtschaft sein. Genauso ist es denkbar, die Pharmabranche, die Versicherungen und Banken digital neu zu formen. Jedenfalls wird sich die künftige Arbeitswelt auch auf der Mikro-Ebene anders als heute präsentieren. Die Präsenz von Robotern in den Unternehmen und die Algorithmen und Anwendungen der künstlichen Intelligenz in der Wissenschaft verändern die Rolle der Menschen. Die Tätigkeiten der Mitarbeitenden werden sich stark in die Richtung des Fragenstellens, des Analysierens, des Erfindens, des Vernetzens und Kombinierens verlagern. Das prägt auch die Arbeitswelten: Die digitale Zusammenarbeit, das Home-Office und Kreativzonen werden und wichtiger, die Rolle von Führungskräften sich entsprechend anpassen. Zuletzt stellt sich die Frage, welche Tätigkeitsbündel in diesen Organisationen entstehen werden. Die digitale Transformation erhöht nicht nur die Anzahl der Maschinen, sie formt auch neuartige Netzwerke. Viele von diesen sind geprägt von zwei unterschiedlichen Tempi: von jenem des Tagesgeschäfts und jenem der radikalen Veränderung. Dies erfordert neue Rollen. Einige werden dazu dienen, Organisationen noch digitaler zu machen. Andere werden Unternehmen helfen, das richtige Verhältnis von on- und offline zu finden. Sicherlich wird es auch Rollen geben, die explizit darauf abzielen, Offlinemomente zu kultivieren. Diese helfen den Mitarbeitenden, sich von der Beschleunigung und ständigen Erreichbarkeit zu erholen und sie dazu zu befähigen, ihre kreativen Potenziale auszuschöpfen. Zu den neu entstehenden Rollen digitaler Organisationen gehören zum Beispiel die Plattform-Designer. Diese entwerfen die Internetseiten, die entweder dazu dienen, mit den Kunden zu interagieren oder aber die digitale Zusammenarbeit der Mitarbeitenden zu fördern. Bei beiden fallen Daten an, welche für die Entwicklung von Produkten, Prozessen und Unternehmen an Bedeutung gewinnen. Ebenso wichtig dürften Wissenskuratoren sein, welche das Wissen der Organisation bündeln und in geeigneter Form weiterleiten. Projektcoaches helfen bei Problemen in der Zusammenarbeit und stellen Querbezüge zwischen den immer zahlreicheren Projekten eines Unternehmens her. Schliesslich hat die digitale Transformation auch Konsequenzen auf die geforderten Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeitenden. Medien-, Innovations-, Kommunikations-, Selbst- und Veränderungskompetenzen sind die Schlüsselkompetenzen der Zukunft.

Links und Literaturhinweise

Cachelin, J. L. (2015): Offliner – Die Gegenkultur der Digitalisierung. Bern, Stämpfli.

Kasten

Was bedeutet die Digitalisierung für die Berufsberatung?

Wie bei Unternehmen stellt sich auch bei der Berufsberatung die Frage von on- und offline. Mittels der digitalen Präsenz können Berufsberatungsstellen auf Angebote aufmerksam machen und die Vereinbarung von Terminen ermöglichen. In einer digital transparenten Welt möchte man sich darüber hinaus im Vorfeld einer Beratung umfassend über die Institutionen und deren Beteiligte informieren können. Das schafft Vertrauen, klärt erste Fragen und unterstützt die Passung von Klientin und Beraterin. Digitaler werden auch die Hilfsmittel, welche die verschiedenen Identitäten und Fähigkeiten eines Menschen sichtbar machen. Um Ergebnisse und Zukunftsvarianten zu besprechen, ersetzen Tablets das Papier.
Offline bleiben auch in Zukunft die beratenden Gespräche. Der Dialog im uns bekannten analogen Raum scheint unersetzlich, um einen Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen. Unsere digitalen Spiegelbilder verraten zwar immer mehr über uns, sind aber noch weit davon entfernt, uns mit unseren vielfältigen und widersprüchlichen Identitäten vollständig erfassen zu können. Weil Berufsbilder und Stellen viel dynamischer werden, rückt der Fokus der Berufsberatung auf die Skillsets und Identitäten. Eine Beratung soll mir helfen zu erkennen, welche Möglichkeiten es gibt, um ins Berufsleben einzusteigen oder mich dort weiterzuentwickeln. Denn wir werden in Zukunft viel mehr Arbeitgeber haben als früher, uns immer wieder neu erfinden und Karrieren mehrmals planen. Das wird auch dazu führen, dass in Zukunft mehr ältere Menschen bei der Gestaltung ihres Berufslebens mit Fragen konfrontiert sind, die sie mit jemandem besprechen möchten.

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