Ausgabe 02 | 2016

Fokus "Digitale Identität"

Ungern im Flugmodus

Sie suchen die grosse Welt und finden sie in ihren kleinen Smartphones – die Jugendlichen von heute. In einer neuen Zeichensprache schreiben sie über alte Dinge wie Freundschaft, Liebe und Hass.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

(Bild: Adrian Moser)

(Bild: Adrian Moser)

Sie heisst Web 2.0 Suicide Machine. Die App erlaubt, sein Alter Ego im Internet demonstrativ zu löschen – sei es auf LinkedIn, Twitter, Myspace oder einem anderen Dienst. Auch Self Control ist nützlich, wenngleich weniger rabiat. Die App blockiert zu definierten Zeiten den Zugang zu ablenkenden Inhalten. Shut App funktionert noch simpler. Sie sagt ihrem Nutzer ab und zu, dass es gut wäre, eine Auszeit zu nehmen und die Freundschaften zu pflegen. Und sei es nur, um gemeinsam eine «challenge» zu starten, wer die App häufiger nutzt. «It’s time to shutapp our phones» – eine zehnte Klasse am Berufsbildungszentrum Pfäffikon hat vor einigen Monaten ernst damit gemacht. Die Jugendlichen haben während einer Woche auf die Nutzung von internetbasierten Diensten verzichtet und ihr Smartphone zum langweiligen Ding werden lassen, das diese Geräte vor Kurzem noch waren: drahtlose Telefone. Zwanzig Jugendliche haben mitgemacht. Aber nur vier haben die fünf Tage Abstinenz ertragen; drei schafften es wenigstens mehrere Tage, 13 führten schon nach einem Tag ihre Finger wieder über das Display ihres Smartphones. Ich chatte, also bin ich. «Ich habs bis Donnerstagnachmittag geschafft», sagt Christian.

Gamen, posten, chatten

Christian ist einer von fünf Jugendlichen der zehnten Klasse, die bereit sind, PANORAMA ein wenig über ihre Internetnutzung zu erzählen. Er ist der Gamer in der Gruppe. Unter dem Nickname «King» spielt er mit Freunden, eine oder zwei Stunden, nicht täglich, aber fast. «Klar habe ich mich am Donnerstagabend ein wenig schlecht gefühlt», sagt Christian, aber von «Sucht» würde er nicht reden. Sarah hat alle fünf Tage geschafft, aber sie spricht dennoch von Sucht: Sie sei ständig online und mache alles übers Netz. Sie hört Musik und schaut Videos, liest 20Minuten und chattet mit ihren Freundinnen, postet Fotos auf Instagram und verfolgt die Tweets von interessanten Leuten. «Politiker zum Beispiel», sagt Sarah. «Das machen viele in unserer Klasse. Wir interessieren uns durchaus für Politik.» Von all diesen Diensten kann Laetitia nur träumen. Ihre Eltern verbieten ihr die Nutzung vieler sozialer Medien – nach WhatsApp ist Schluss. Laetitia findet das Verbot irgendwie gut, aber auch nervig. «Meine Eltern halten die digitale Welt für gefährlich und vertrauen mir nicht genug.» Auch Benjamin nutzt bisher nur WhatsApp, er hat erst im Sommer ein Smartphone gekauft. Aber jetzt nennt er sich «Windows10» und holt auf. Nächstens meldet er sich bei Facebook an, sein Vater habe auch schon ein Konto eingerichtet. Dass auch seine Eltern Facebook nutzen, ist für Julian eher -.- (in der Welt der Nicht-Wörter: nicht so toll). Aber ihm sind Instagram, Snapchat oder WhatsApp Ersatz genug. «Ich poste selten Bilder, aber ich kommuniziere oft über Internet», sagt er. «Das verbindet mich mit Freunden und Bekannten, die eine halbe Stunde oder weiter weg von mir wohnen. Ich geniesse es, mit ihnen zusammen zu sein, ohne dass ich sie sehen muss. Und wenn etwas nervt, ist man schnell off.» Bei manchen Lehrern muss die Klasse das Handy auf Flugmodus stellen. Das findet Julian an sich gut. Aber wenn er mitten in einem Chat sei und abbrechen müsse, fühle sich das an, wie wenn sein Körper eine Störung hätte.

Verschiedene Identitäten

Im Internet kann man sich anders zeigen, als man in Wahrheit ist – eine digitale Identität annehmen eben. Als Einzige der Gesprächsrunde nutzt Sarah dieses Potenzial. Auf Instagram zeigt sie sich etwas düsterer, als sie ist – «deep, aber nicht so krass». Auf diesem Weg habe sie schon neue Leute kennengelernt und Kontakt zu einem Punkshop in den USA aufgenommen. Ihr Account ist öffentlich, sie habe 60 Follower, aber darum gehe es nicht. «Eine Klassenkollegin hat 17'000 Follower mit Posts zu beauty fashion.» In diesen Posts sei die Kollegin ziemlich anders als sonst. Von einem Jungen, der sie auf dem Pausenhof gemobbt habe, habe sie einige Monate später via WhatsApp nette Botschaften und eine Entschuldigung erhalten. Jetzt wisse sie nicht so recht, was sie davon halten soll. Umgekehrt erlebte es Christian: Ein «Hater», der seinen Bruder über Internet dumm angemacht habe, habe sich in Wirklichkeit als recht umgänglich entpuppt. Er selber wolle so scheinen, wie er wirklich sei, sagt Christian. «Du bist immer anders, wenn du schreibst», entgegnet Julian, «du musst dich ja irgendwie geben. Mich fasziniert es, dass man im Internet anders als sonst sein kann.» Laetitia sieht das weniger positiv: «Wenn du jemanden fragst, wie es ihm geht, erhältst du lauter Smileys, auch wenns nicht stimmt. Überall sind Smileys. Und wenn du einmal eins weglässt, obwohl es der andere erwartet, ist es nicht mehr weit zum Missverständnis. Mich stört das. Eigentlich funktioniert diese Kommunikation nur mit Leuten, denen du wirklich vertraust.» Christian erzählt eine Geschichte, die dazu passt: Einmal habe er einen Kollegen aus Versehen beleidigt, eine Anspielung auf die Familie, und es gab Streit. Später habe er sich via Chat entschuldigt. «Aber was tat der andere? Er hat die Botschaft gelesen, aber nicht reagiert. Ging ohne Antwort off. Im real life kannst du nicht einfach offline gehen.»

Links und Literaturhinweise

www.voegelekultur.ch/bulletin

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Connected but alone

Über E-Mail werden täglich rund zwei Billionen Mitteilungen verschickt. 1,6 Milliarden Menschen sind weltweit bei Facebook angemeldet, der tägliche Stromverbrauch für Internet liegt bei über drei Millionen Megawatt. Das Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon zeigte kürzlich eine Ausstellung zur Frage, wie die neuen Formen der zwischenmenschlichen Kommunika­tion die Menschen verändert. Die Bildstrecke in diesem Heft zeigt Eindrücke aus der Ausstellung. Diese bleibt auch dank einem 51-seitigen Bulletin weiterhin zugänglich. Die Ausstellung arbeitete zum Beispiel die Geschichte der Künstlerin Amalia Ulman auf, die sich auf Instagram eine märchenhafte Biografie zulegte und damit über 100'000 Followern deutlich machte, dass im Internet nichts so ist, wie es scheint. Hingewiesen sei auch auf die TED-Rede von Sherry Turkle «connected but alone», die man über Suchmaschinen leicht findet; dazu werden Untertitel in vielen Sprachen angeboten.

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