Ausgabe 02 | 2015

BERUFSBERATUNG

Berufliche Laufbahnen

In Übergängen die Anpassungsfähigkeit aktivieren

Laufbahn-Adaptabilität wirkt sich positiv auf die Bewältigung von beruflichen Herausforderungen aus. Viele Menschen können ihre Anpassungsfähigkeit in Übergangsphasen steigern. In der Laufbahnberatung kann sie ebenfalls gefördert werden.

Von Grégoire Bollmann, Senior SNF Researcher für den Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES, Universität Lausanne

Berufsberatende können die Entwicklung von Laufbahn-Adaptabilität unterstützen. (Bild: Fotolia/Jeanette Dietl)

Berufsberatende können die Entwicklung von Laufbahn-Adaptabilität unterstützen. (Bild: Fotolia/Jeanette Dietl)

Aktuelle Entwicklungen haben den Schweizer Arbeitsmarkt unsicherer gemacht. Dies erfordert von der Erwerbsbevölkerung in naher Zukunft eine höhere Anpassungsfähigkeit in der beruflichen Laufbahn. Diese sogenannte Laufbahn-Adaptabilität setzt sich aus einer Reihe von individuellen Ressourcen zusammen, die es einer Person ermöglichen, ihre berufliche Laufbahn zu erkunden, zu planen und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Diese Ressourcen umfassen vier Dimensionen:
– Interesse – die Fähigkeit, die eigene berufliche Laufbahn bewusst wahrzunehmen und zu planen
– Kontrolle – das Gefühl, die Zukunft autonom und selbstbestimmt gestalten zu können
– Neugierde – die Neigung, das eigene Umfeld und die sich darin bietenden Chancen zu erkunden
– Zuversicht – die Überzeugung, konkrete Herausforderungen der eigenen Laufbahn zu meistern
Adaptabilität ist ein Instrumentarium zur Selbstregulation, das in beruflichen Übergangsphasen oder in der Laufbahnberatung mobilisiert werden kann. Dank ihres dynamischen Charakters lässt sie sich sehr gut in berufsberaterische Interventionen integrieren. Die entsprechenden Ressourcen helfen den Klientinnen und Klienten dabei, die Bedürfnisse und Fähigkeiten auf die Erfordernisse des beruflichen Umfelds und des Arbeitsmarkts abzustimmen. Sie sind zwar mit gewissen Persönlichkeitsmerkmalen (gewissenhaft, extrovertiert, nicht neurotisch) verknüpft, sind aber weniger starr als die Persönlichkeitsmerkmale selbst, die nur beschränkt aktiviert werden können. Es hat sich gezeigt, dass Laufbahn-Adaptabilität verschiedene Faktoren des Wohlbefindens, etwa die selbst wahrgenommene Gesundheit oder die Lebenszufriedenheit, positiv beeinflusst und sich auch auf verschiedene Verhaltensweisen und Haltungen im Arbeitsumfeld – wie Stressbewältigung, Engagement und Arbeitszufriedenheit – günstig auswirkt. Sie erklärt teilweise, wie persönliche Eigenschaften diese Verhaltensweisen und Haltungen beeinflussen, und sie kann negative Emotionen reduzieren. Personen, die über eine höhere Laufbahn-Adaptabilität verfügen, sind auch zuversichtlicher, dass sie ihr Leben meistern.

Dynamische Ressourcen

Im beruflichen Übergangsprozess verfügen Stellensuchende, ob arbeitslos oder auf der Suche nach einer Veränderung, über eine höhere Adaptationsfähigkeit als die übrige Erwerbsbevölkerung. Sie zeigen insbesondere grössere Neugierde, haben ein stärkeres Gefühl, die Kontrolle zu haben, und sind zuversichtlicher, dass sie die Zukunft meistern werden. Stellensuchende, die über eine höhere Anpassungsfähigkeit verfügen als andere, erhalten zudem dank ihrer explorativen und gleichzeitig zielgerichteten Suchstrategien mehr Stellenangebote. Daraus lässt sich schliessen, dass die adaptiven Ressourcen bei verschiedenen beruflichen Übergängen aktiviert werden können und ein dynamisches System bilden, das sich situationsabhängig mobilisieren lässt und sich vermutlich weiterentwickeln kann. Mit anderen Worten: Wer über diese Ressourcen verfügt, kann aktiv und konstruktiv mit der in Übergangsphasen entstehenden Belastung umgehen. Kürzlich durchgeführte Untersuchungen zeigen, dass Migranten und Migrantinnen, die auf dem Schweizer Arbeitsmarkt aktiv sind, über eine höhere Adaptationsfähigkeit verfügen als Schweizer Erwerbstätige. Einige durch den Arbeitsmarkt verursachte Belastungen lassen sich allerdings kaum auf konstruktive Weise bewältigen und führen im Gegenteil zu einem Abbau der Ressourcen. Wenn beispielsweise eine Person ihre Arbeitssituation als unsicher empfindet, reduziert sich ihre Anpassungsfähigkeit. Diese Beobachtung ist nicht auf Migranten und Migrantinnen beschränkt. Sie trifft, wenn auch in einem geringeren Mass, auch auf die übrigen Erwerbstätigen zu. Unsere Studien zeigen, dass viele Menschen über eine Palette von Ressourcen verfügen, die aktiviert werden können, um verschiedene Situationen der Verletzbarkeit, etwa eine berufliche Übergangsphase oder einen Migrantenstatus, durch Anpassung an das Umfeld zu bewältigen. Gewisse Merkmale dieser Übergangsphasen interagieren jedoch gleichzeitig mit der erlebten Verletzbarkeit, was bestehende Ressourcen gefährden kann.

Praktische Umsetzung

Laufbahn-Adaptabilität bezieht sich konkret auf die höhere Anpassungsfähigkeit, welche der Schweizer Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren von einem Teil der Erwerbsbevölkerung fordern wird. In einem unsicheren und instabilen Arbeitsmarkt verändern sich die Anforderungen an die Berufs- und Laufbahnberatung. Die Forschung ist gefordert, passende Lösungen zu liefern. Die Ressourcen der Laufbahn-Adaptabilität scheinen hierfür ein vielversprechendes Instrument anzubieten. Berufsberaterinnen und -berater können das Konzept in den Beratungsprozess integrieren und so die Klientinnen und Klienten bei der Entwicklung ihrer Anpassungsfähigkeit unterstützen. Eine aktuelle Fallstudie hat ergeben, dass die Mobilisierung der Adaptationsfähigkeit den Beratungsprozess bereichern kann, wenn sie mit den herkömmlichen Testserien kombiniert wird. Während der Diskussion der langfristigen Lebensziele und beim Beschreiben der gesuchten Arbeitsstelle können die Berufsberaterinnen und -berater das Interesse ihrer Klienten wecken und sie im Gefühl, die Kontrolle über die berufliche Zukunft zu haben, stärken. Die Betrachtung der Testergebnisse und die Eruierung der Stärken bieten Gelegenheit, die Neugierde der Klienten zu aktivieren und damit ihr Selbstvertrauen und die Zuversicht zu fördern, dass sie die nötigen Laufbahnübergänge meistern können. In den nächsten Jahren wird die Studie «Berufliche Laufbahnen» klarer eingrenzen, für wen, wie und unter welchen Bedingungen Laufbahn-Adaptabilität berufliche Übergänge erleichtert. Sie untersucht zudem, mit welchen Mitteln das Wohlbefinden der Erwerbsbevölkerung angesichts der Auswirkungen erhalten werden kann, welche die jüngsten geldpolitischen Entscheidungen auf den Arbeitsmarkt haben dürften. Ausserdem soll die Studie eine Weiterentwicklung der Laufbahnberatung ermöglichen und sozialpolitische Massnahmen vorschlagen, um so den Herausforderungen des Schweizer Arbeitsmarktes zu begegnen.

Links und Literaturhinweise

www.lives-nccr.ch

Kasten

Verletzbarkeit und Ressourcen erforschen

«Berufliche Laufbahnen» ist eine Längsschnittstudie unter der Leitung von Professor Jérôme Rossier. Sie verfolgt unter anderem das Ziel, die Ressourcen der Laufbahn-Adaptabilität besser zu verstehen. Im Projekt wird eine für die Schweizer Bevölkerung repräsentative Stichprobe von Personen im Erwerbsalter über längere Zeit beobachtet. Dabei wird untersucht, wie die Personen Übergänge in der beruflichen Laufbahn bewältigen. Dazu gehören etwa Arbeitslosigkeit, Erwerbsunterbruch (zum Beispiel aufgrund von Krankheit oder Mutterschaftsurlaub), Funktions- und Stellenwechsel. Das Forscherteam hat eine Reihe von Instrumenten zur Ermittlung von Laufbahn-Adaptabilität entwickelt, deren deutsche und französische Version validiert und die Ergebnisse mit anderen internationalen Stichproben verglichen. Nun geht es darum, die Funktionsweise der Adaptabilität zu verstehen. «Berufliche Laufbahnen» ist eines von neun Forschungsprojekten des Nationalen Forschungsprogramms «Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens» (LIVES). Ziel von LIVES ist, das Auftreten von Verletzbarkeit und die für ihre Überwindung nötigen Fähigkeiten besser zu verstehen, um dadurch die Umsetzung innovativer sozialpolitischer Massnahmen zu unterstützen.

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