Ausgabe 06 | 2015

BERUFSBERATUNG

Befragung

Beratende sind Individualisten

Bildungs- und Berufsberatende fühlen sich primär den Ratsuchenden verpflichtet. Den Erfolg einer Beratung messen sie am eigenen Eindruck und an der Zufriedenheit der Ratsuchenden. Institutionelle Vorgaben und wissenschaftliche Theorien betrachten sie als nicht besonders hilfreich. Wichtig ist ihnen hingegen ihr eigener Handlungsspielraum.

Von Bernd-Joachim Ertelt, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim, Thomas Röser und Heiner Bleckmann, Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung

Beratende tun sich schwer damit, ihre Türen für Aussenstehende zu öffnen. (Bild: Fotolia/Jürgen Fächle)

Beratende tun sich schwer damit, ihre Türen für Aussenstehende zu öffnen. (Bild: Fotolia/Jürgen Fächle)

«Was verstehen Beratende unter individuellem Erfolg?» – Diese Frage steht im Zentrum eines Projekts des Deutschen Verbandes für Bildungs- und Berufsberatung (dvb). Wir berichten hier über erste Ergebnisse einer internationalen Befragung. Während in vielen Studien Ratsuchende im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen, haben wir die Beratenden in den Fokus der Betrachtung gestellt. Dadurch konnten wir originäre und präzise Informationen aus der Praxis erfassen und sie durch die Beratenden bewerten lassen. Bei den Interviewten handelt es sich um eine zufällig ausgewählte, nicht homogene Gruppe aktiver Beraterinnen und Berater. In Anlehnung an die «Qualitätsmerkmale guter Beratung» des Nationalen Forums Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung haben wir narrative Interviews, einen Nachfrageteil und vertiefende Fragen konzipiert. Der Aufbau des Erhebungsbogens orientierte sich am systemischen Modell arbeitsweltbezogener Beratung von Schiersmann. Zu den dort unterschiedenen Ebenen «Beratungssystem», «Organisationaler Kontext» und «Gesellschaftlicher Kontext» haben wir noch «Berufsberatung als Profession» hinzugefügt. Wir haben auch Personen und Verbände aus anderen Ländern angefragt, ob sie eine ähnliche Befragung durchführen möchten. Positive Rückmeldungen kamen aus der Schweiz, Frankreich, Polen, Tschechien, den Niederlanden, Spanien, Luxemburg. Entsprechend den unterschiedlichen Arbeits- und Organisationsbedingungen haben die Kolleginnen und Kollegen unseren Erhebungsbogen jeweils angepasst. So war es in der Schweiz nicht möglich, die verschiedenen Situationen und Meinungen der Berufsberatung in allen 26 Kantonen zu eruieren. Deshalb hat unser Schweizer Kollege Karl Giezendanner die wichtigsten Erkenntnisse zu den Abschnitten des Erhebungsbogens mit Beratungspersonen aus der Nordwestschweiz diskutiert und die Situation zusammengefasst. Vorläufig können wir feststellen, dass trotz der sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen in den verschiedenen Ländern die Ergebnisse sehr ähnlich ausfallen. Der folgenden Darstellung liegen 30 Interviews mit Beratungspraktikern aus Deutschland sowie die Zusammenfassungen der Befragungen in der Schweiz und in den Niederlanden zugrunde.

Erfolg ist subjektiv

Die Beratenden betrachten Erfolg fast durchgängig als vornehmlich subjektiv empfundene Angelegenheit. Seine Feststellung erfolgt über die persönliche Erfahrung, ob man den Ratsuchenden in seiner eigenständigen Berufsentscheidung (bei Jugendlichen auch unter Einbeziehung der Eltern) weitergebracht hat. Die Zufriedenheit des Ratsuchenden gilt als zentrales Erfolgskriterium, wobei es weniger um eine systematische Erhebung (schon gar nicht durch Externe) geht, sondern um den unmittelbaren Eindruck im Einzelfall. Ferner gibt es Hinweise auf eine innere Wertordnung (Beratungsethik), an der man den persönlichen Erfolg misst, auch unabhängig der Ratsuchenden. Beratende äussern häufig den Wunsch, bestimmte Standards der Beratungsorganisation einzuhalten und, wenn dies gelungen ist, die Handlungsfähigkeit des Ratsuchenden zu stärken. Die Bedeutung von Berufswahltheorien und operativen Theorien für die Beratung werden anerkannt, doch wird ihre Anwendung nur mit Blick auf den einzelnen Ratsuchenden als sinnvoll erachtet, ist also nicht Selbstzweck. Einer beraterischen Zielvereinbarung (im behavioristischen Sinne) stehen die Beratenden eher distanziert gegenüber. Offenbar werden in Deutschland negative Assoziationen mit der Eingliederungsvereinbarung gemäss Sozialgesetzbuch II wach. Wenn Zielvereinbarungen akzeptiert werden, dann vor allem als Hilfe für den Ratsuchenden. Die organisatorischen Rahmenbedingungen dürfen nach Ansicht der Beratenden eine unabhängige Beratung nicht behindern. Es gibt Hinweise darauf, dass deshalb manche organisatorische Vorgaben eigenständig interpretiert und befolgt werden. Dies betrifft auch das Verhältnis zu den Vorgesetzten. Teilweise werden die Freiheiten der Berufsberatung innerhalb der Bundesagentur für Arbeit lobend hervorgehoben. Die Berufsberatung als Profession zeigt sich nach Ansicht der Befragten vor allem in der Kompetenz und intrinsischen Motivation des Beratenden. In Bezug auf einen eigenständigen Berater-Habitus sind die Meinungen gespalten. Als wichtig wird jedoch die Zugehörigkeit zu einer Berater-Organisation betrachtet. Einheitlich wird die gesellschaftliche Bedeutung der Berufsberatung vor allem mit Blick auf ihren Beitrag zur Chancengleichheit betont. Doch auch hier ist der Fokus immer wieder auf den einzelnen Ratsuchenden gerichtet. Insgesamt fiel bei den narrativen Interviews auf, dass Aussagen zur gesellschaftlichen Verpflichtung der Bildungs- und Berufsberatung vor allem im Nachfrageteil gemacht wurden. Dies könnte darauf hindeuten, dass dieser Aspekt für die Beratenden nicht von primärer Wichtigkeit ist.

Dem Kunden verpflichtet

Die Zufriedenheit des Ratsuchenden ist für die Beratungspersonen das zentrale Erfolgskriterium, doch bleibt offen, ob dieses eher situativ oder mittelfristig zu verstehen ist und ob es auf systematischer oder fallweiser Rückmeldung beruht. Dass Beratende externe Erhebungen ablehnen, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sie sich sehr der Schwierigkeit bewusst sind, alle intervenierenden Variablen angemessen zu berücksichtigen. Dass die Beratenden den Beratungserfolg subjektiv beurteilen – auch unabhängig von den Ratsuchenden – findet ihre Begründung in einem eigenständigen Ethikbezug (Anwaltschaft für den Ratsuchenden, fachliche Empathie als persönlicher Wertemassstab – auch mit christlich-humanistischem Hintergrund) und im Wunsch nach Einhaltung bestimmter Standards. Die Distanz zu den grundlegenden Theorien der Berufsentwicklung und Beratung sehen wir kritisch. Diese beruht möglicherweise auf einer nicht ausreichend differenzierten Beschäftigung mit diesen Theorien. So liesse sich etwa das durch uns vermutete Missverständnis hinsichtlich der Funktion einer Zielvereinbarung im Beratungsgespräch deuten. In den Bewertungen zu den Rahmenbedingungen spiegelt sich nach unserer Einschätzung ein bisher kaum gelöster Konflikt zwischen den Anforderungen der Organisation und den Anforderungen einer selbstdefinierten professionellen Herangehensweise wider. Ein wesentlicher Grund für diese unbefriedigende Situation ist möglicherweise, dass in der Beraterschaft noch keine eigenständige Professionsbildung und dementsprechend keine tragfähige Definition des Beratungsstatus existiert. Umso wichtiger erscheint den Befragten daher die Zugehörigkeit zu einer Berater-Organisation, der offenbar eine wesentliche identitätsstiftende Funktion zukommt. In der Sicht auf die gesellschaftliche Bedeutung der Berufsberatung steht die Anwaltschaft für den Einzelnen deutlich im Vordergrund: «Keiner soll verloren gehen», lautet das Motto. Hier deuten sich interessante nationale Unterschiede an: Während die Befragten aus den Niederlanden ihren Beitrag eher auf individueller Ebene sehen, stellen diejenigen aus der Schweiz ihre Beratungstätigkeit stärker in einen grösseren volkswirtschaftlichen Zusammenhang.

Austausch statt Controlling

Eine zukunftsfähige Reaktion auf die überwiegend subjektiv ausgerichtete Erfolgswahrnehmung der Berufsberatenden kann kaum in einer Verstärkung externer Messungen oder Controlling-Verfahren liegen. Vielmehr liegt es nahe, den systematischen Erfahrungsaustausch unter den Beratenden zu fördern. Dabei kommt den Berater-Organisationen eine wichtige Funktion zu, etwa bei der Zusammenführung, der fachlichen Einordnung der Ergebnisse sowie der Rückspiegelung dieses Erfahrungsaustauschs. In der Subjektivität der Erfolgsfeststellung sehen wir eine durchaus angemessene Antwort auf die täglich erfahrene Einzigartigkeit jeder Beratung, was vor entindividualisierender Routine schützt. Doch diese Orientierung kann nur in Verbindung mit fachwissenschaftlicher Kompetenz und beratungsethischer Einbindung zu einer eigenständigen Professionalität führen, die den Anspruch auf beraterische Freiheit glaubwürdig macht.

Links und Literaturhinweise

www.dvb-fachverband.de
Ertelt, B.-J., Griepentrog, M. (2013): Praxis trifft Wissenschaft – das Forschungsforum im dvb. In: dvb-forum (Nr. 1, S. 59-60). Bielefeld, Bertelsmann Verlag.
Ertelt, B.-J., Kraatz, S. (2011): Introduction: Professionalisation of career guidance –Changes, chances, and challenges. In: Kraatz, S., Ertelt, B.-J. (Hrsg.),  Professionalisation of career guidance in Europe: Training, guidance, research, service organisation and mobility. Tübingen, dgtv-Verlag.
Gläser, J., Laudel, G. (2010): Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse. Wiesbaden, Springer VS.
Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung/Forschungsgruppe Beratungsqualität am Institut für Bildungswissenschaft der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (2012): Qualitätsmerkmale guter Beratung. Berlin/Heidelberg.
Schiersmann, Ch. (2013): Beratung im Feld Bildung, Beruf, Beschäftigung. In: Schiersmann, Ch., Weber, P. (Hrsg.), Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung – Eckpunkte und Erprobung eines integrierten Qualitätskonzepts. Bielefeld, Bertelsmann Verlag.
Schiersmann, Ch., Ertelt, B.-J., Katsarov, J., Mulvey, R., Reid, H., Weber, P. (Hrsg., 2012): NICE handbook for the academic training of career guidance and counselling professionals. Universität Heidelberg.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.