Ausgabe 05 | 2015

ARBEITSMARKT

Berufliche Eingliederung

Stipendien statt Sozialhilfe

Junge Erwachsene ohne Berufsabschluss werden im Kanton Waadt lückenlos begleitet – von der Berufswahl über die Berufsbildung bis zum Stellenantritt. Statt Sozialhilfe erhalten sie Stipendien in gleicher Höhe. Das Modell könnte in der Schweiz Schule machen.

Von Christine Bitz, PANORAMA-Redaktorin

Die Betreuung wird nach dem Lehrabschluss noch einige Monate weitergeführt, um den Übergang in die Arbeitswelt zu erleichtern. (Bild: Fotolia/contrastwerkstatt)

Die Betreuung wird nach dem Lehrabschluss noch einige Monate weitergeführt, um den Übergang in die Arbeitswelt zu erleichtern. (Bild: Fotolia/contrastwerkstatt)

Die Altersklasse der 18- bis 25-Jährigen bezieht häufiger Sozialhilfe und hat ein grösseres Risiko, den Anschluss an den Arbeitsmarkt dauerhaft zu verlieren, als der Durchschnitt der Schweizer Bevölkerung. Das Fehlen eines anerkannten Berufsabschlusses erschwert den Weg zur beruflichen Eingliederung und finanziellen Unabhängigkeit dieser jungen Erwachsenen zusätzlich. Um diese Situation zu verbessern, werden zurzeit verschiedene Konzepte und Massnahmen entwickelt. So hat die Bundesversammlung kürzlich die von der sozialdemokratischen Fraktion eingereichte Motion «Strategie zur Reduktion der Abhängigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen von der Sozialhilfe» angenommen. Im eingereichten Text wird der Bundesrat beauftragt, eine Strategie auszuarbeiten und dabei bereits vorhandene erfolgreiche Modelle zu berücksichtigen. Als Beispiel nennen die Motionäre das bereits vor zehn Jahren eingeführte Waadtländer Programm FORJAD, das Sozialhilfeleistungen durch Stipendien ersetzt. Das FORJAD-Modell will sozialhilfeabhängigen jungen Menschen die Aufnahme oder Weiterführung einer Ausbildung bis zu einem anerkannten Abschluss und damit eine dauerhafte berufliche Eingliederung ermöglichen. Im Rahmen des Programms werden die jungen Erwachsenen aus der Sozialhilfe entlassen und erhalten stattdessen ein Stipendium in derselben Höhe. Zudem werden sie während der gesamten Ausbildungszeit individuell begleitet. Das Programm wurde ins Leben gerufen, um mehreren Herausforderungen Herr zu werden: Zum einen hatte die Zahl der 18- bis 25-jährigen Sozialhilfebezüger/innen seit den 2000er-Jahren stetig zugenommen. Zum andern war in dieser Gruppe der Anteil der Personen ohne Berufsabschluss besonders hoch. Ausserdem schaffte die Tatsache, dass Sozialhilfeleistungen deutlich höher waren als Stipendien, einen Schwelleneffekt und negative Anreize.

Ein Paradigmenwechsel

Der Staatsrat des Kantons Waadt beauftragte das Departement für Gesundheit und Soziales, das Departement für Bildung, Jugend und Kultur sowie das Departement für Wirtschaft und Sport, sich gemeinsam dieser Problematik anzunehmen. Daraus entstand das Programm FORJAD, das 2006 als Pilotprojekt gestartet und 2009 dank ermutigender Ergebnisse und breiter politischer Unterstützung definitiv eingeführt wurde. Die Institutionalisierung dieser politischen Massnahme brachte mehrere wesentliche Veränderungen mit sich: Der Lebensunterhalt der Teilnehmenden wird nicht mehr von der Sozialhilfe, sondern über den kantonalen Stipendienfonds finanziert. Die Beträge der Sozialhilfe- und der Stipendienleistungen wurden harmonisiert und die Stipendien in die Sozialrechnung aufgenommen, die vom Kanton und von den Gemeinden paritätisch getragen wird. «Die Umsetzung erforderte und erfordert auch heute noch eine enge Koordination zwischen den zuständigen Departementen. Viele Anpassungen waren nötig, um eine Gleichbehandlung aller jungen Menschen zu gewährleisten», sagt Emmanuelle Rossier, Leiterin der für das Programm zuständigen Abteilung. Ein weiterer wichtiger Schritt: Parallel zum Programm führte der Kanton zahlreiche Aktionen zur Lehrstellenförderung bei öffentlichen und privaten Arbeitgebern durch.

Begleitung nach Mass

Das FORJAD-Programm gliedert sich in drei Phasen: die Vorbereitung auf die Berufsbildung, die berufliche Grundbildung und die Integration ins Erwerbsleben. Die Vorbereitung auf die berufliche Grundbildung besteht unter anderem in der Wahl eines Berufsziels, etwa mithilfe von Schnupperlehren. Für diese Vorbereitung stehen den Teilnehmenden fast 20 soziale Integrationsmassnahmen verschiedener Anbieter zur Verfügung. Zu deren Leistungen gehört auch die Unterstützung der Jugendlichen bei der Lehrstellensuche. Ist der Lehrvertrag einmal unterschrieben, werden die jungen Erwachsenen während ihrer beruflichen Grundbildung im Rahmen der Massnahme AccEnt betreut. Die individuelle Begleitung durch AccEnt, die mit fünf Regionalstellen im ganzen Kanton vertreten ist, erstreckt sich über die gesamte Ausbildungsdauer. Dafür müssen die Teilnehmenden einen Vertrag mit FORJAD abschliessen. Die sozialpädagogische Begleitung erstreckt sich über vier Hauptebenen: die berufliche Ebene (regelmässiger Kontakt mit dem Arbeitgeber, Mediation), die pädagogische Ebene (Lernstrategien, Stützunterricht), die soziale und administrative Ebene (Unterstützung bei administrativen und finanziellen Belangen) sowie die persönliche Ebene (Förderung von Selbstkompetenzen, Eigenressourcen und Gesundheit). Die Betreuung durch AccEnt wird nach dem Lehrabschluss noch einige Monate weitergeführt, um den Übergang in die Arbeitswelt zu erleichtern. Jugendliche, die nicht sofort eine Stelle finden, werden automatisch beim RAV angemeldet.

Eine wirtschaftlich tragbare Lösung

Seit 2006 wurden 2236 Personen ins FORJAD-Programm aufgenommen. 705 haben inzwischen einen Berufsabschluss erlangt. Weitere 697 absolvieren zurzeit eine berufliche Grundbildung. Die durchschnittliche Abbruchquote über die ersten neun Jahre liegt bei 37 Prozent. Die Ursachen für diese Lehrabbrüche liegen vor allem in den oft komplexen und vielschichtigen Problemen der betreuten Jugendlichen oder in einer falschen Berufswahl. Für den Kanton ist das Programm eine wirtschaftlich tragbare Lösung und eine lohnende Investition. Allein die Einsparungen, die sich durch die neu erlangte finanzielle Unabhängigkeit der jungen Erwachsenen ergeben, reichen aus, um das Programm zu finanzieren. Gemäss einer 2014 durchgeführten Studie konnten 83 Prozent der Personen, die im Rahmen von FORJAD einen Abschluss erlangt hatten, vollständig aus der Sozialhilfe entlassen werden. Trotz einiger Kritikpunkte (selektives Programm, Ungleichbehandlung von jungen Erwachsenen gegenüber anderen Altersgruppen in der Sozialhilfe) ist man sich weitgehend einig, dass das Programm ein Erfolg ist. Das hat den Kanton Waadt dazu veranlasst, das Programm auf Sozialhilfebezüger/innen im Alter von 26 bis 40 Jahren auszuweiten. Dafür hat der Waadtländer Staatsrat Anfang 2014 das fünfjährige Pilotprojekt FORMAD initiiert. Dieses ermöglicht den Teilnehmenden eine längere oder ergänzende Ausbildung (EFZ, Weiterbildung, Validierung von Bildungsleistungen usw.) und bietet ihnen individuelle Begleitung. Bis März 2015 wurden 216 Personen ins Programm aufgenommen. Wie die von National- und Ständerat angenommene Motion zeigt, könnten die Waadtländer Massnahmen auch in die künftigen Debatten auf eidgenössischer Ebene einfliessen. Eine Rolle spielen könnten sie etwa bei der Revision der SKOS-Richtlinien, die eine Reduktion der Sozialleistungen für 18- bis 25-Jährige vorsieht, oder beim «Nationalen Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut 2014–2018», das unter anderem die Chancengleichheit von sozial benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zum Thema hat.

Kasten

Erfahrungsbericht

Sabine* gehörte zu den ersten FORJAD-Teilnehmenden. Mithilfe des Programms konnte sie ihre Lehre zur Kauffrau EFZ erfolgreich abschliessen. Davor verlief ihre Bildungslaufbahn alles andere als problemlos. 2003, als sie ihre berufliche Grundbildung begann, lebte Sabine allein und war von Sozialhilfe abhängig. Ihre persönliche und familiäre Situation war sehr schwierig. Innerhalb von drei Jahren brach sie ihre Lehre zweimal ab. 2006 wurde sie ins Pilotprojekt FORJAD aufgenommen und durch AccEnt begleitet. Dank dieser Unterstützung fand sie eine neue Lehrstelle bei einem Arbeitgeber, der Rücksicht auf ihre besondere Situation nahm. Im FORJAD-Programm erhielt sie ein Stipendium und war nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. «Dass ich wie eine junge Erwachsene behandelt wurde, stärkte mein Selbstvertrauen», erzählt sie. In der zweiten Hälfte ihrer beruflichen Grundbildung hatte Sabine auch Zeiten, in denen sie wenig motiviert war und manchmal der Arbeit fernblieb. Doch weder ihr Arbeitgeber noch sie selbst gab auf. «Die Betreuer liessen mich nicht im Stich», sagt sie heute mit einem Lächeln. Mit 22 Jahren und dem EFZ in der Tasche suchte sie mit der Unterstützung ihrer Betreuungsperson eine Arbeitsstelle. In weniger als acht Monaten fand sie eine Stelle als administrative Mitarbeiterin im öffentlichen Dienst, wo sie bis heute arbeitet. «Es war mein Glück, dass ich das Programm kennengelernt habe», erzählt Sabine. «FORJAD und der Wille, es zu schaffen, waren für mich die Schlüssel zum Erfolg.»

* Name von der Redaktion geändert

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