Ausgabe 04 | 2015

ARBEITSMARKT

Forschungsprojekt

Lohnmodelle und Finanzierungsquellen von Schweizer Sozialfirmen

Sozialfirmen wurden in letzter Zeit wiederholt infrage gestellt. Die Beschäftigten seien staatlich subventionierte Billigarbeitskräfte, und ein Grossteil der staatlichen Gelder fliesse in die Administration, heisst es. Das «INSOCH-Projekt» geht solchen Fragen nach.

Von Daniela Schmitz (FFHS) und Domenico Ferrari (SUPSI)

Viele Sozialfirmen sind in der Industrie, Logistik und Gastronomie tätig. (Bild: Niklaus Spoerri)

Viele Sozialfirmen sind in der Industrie, Logistik und Gastronomie tätig. (Bild: Niklaus Spoerri)

Seit 25 Jahren gewinnen Sozialfirmen an Bedeutung; heute bieten in der Schweiz über 400 Sozialfirmen rund 43'000 Klientinnen und Klienten eine Beschäftigung – darunter Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung (18% bzw. 16%) Sozialhilfebezügerinnen (11%) und ALV-Bezüger (19%). Sie sind mehrheitlich im industriellen Bereich, in der Logistik, in der Gastronomie und im Handel und Verkauf tätig. Je nach Schwerpunkt der Sozialfirma steht die Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt oder die dauerhafte Beschäftigung in einem geschützten Rahmen im Vordergrund. Sozialfirmen werden nicht selten kritisiert. Bemängelt werden fehlende Lohnzahlungen an Klientinnen und Klienten, mangelhafte Betreuung oder die luxuriöse Ausstattung mit öffentlichen Geldern. Das Forschungsprojekt «INSOCH» geht dieser Kritik nach und analysiert 21 Sozialfirmen auf ihre betriebswirtschaftliche Funktionsweise. Die Auswahl der Firmen ist repräsentativ.

Zwei Drittel zahlen einen Lohn

Der Erhalt eines Lohnes hat eine grosse Bedeutung für die Klientinnen und Klienten; er bestätigt den Wert der geleisteten Arbeit und ist motivierend. In zwei Dritteln der 21 untersuchten Sozialfirmen bekommen die Beschäftigten eine Form von Entlohnung. Die Modelle reichen dabei von einer Rentenaufstockung (43%), einem Taggeld (19%) bis hin zu produktivitätsbezogenen (43%) oder gar branchenüblichen Löhnen (19%). Die Ausgestaltung des Lohns ist individuell in Arbeitsverträgen geregelt und richtet sich nach verschiedenen Kriterien, zum Beispiel nach den Fähigkeiten und Fertigkeiten der betroffenen Person, der Art der Tätigkeit oder der zuweisenden bzw. finanzierenden Stelle. Die Organisationen können diese Kriterien frei definieren, sie werden aber im Rahmen von Leistungsvereinbarungen von den Sozialpartnern geprüft – nicht zuletzt um Lohndumping vorzubeugen. Die Frage, ob ein Lohn ausbezahlt wird und wie hoch er ist, wird in den Organisationen allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt. Eine angemessene, das heisst leistungsbezogene, Entschädigung würde fundierte Beurteilungsinstrumente erfordern; sie sind nur teilweise vorhanden. Andere Klientengruppen erhalten keinen Lohn, da sie beispielsweise über ein Beschäftigungsprogramm entschädigt werden. In einzelnen Kantonen ist es zudem aufgrund von gesetzlichen Regelungen nicht möglich, branchenübliche Löhne zu bezahlen. Die Frage der Lohnzahlung ist insofern immer auch abhängig von den sozialversicherungsrechtlichen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus besteht bei allen untersuchten Organisationen ein vielfältiges Angebot an nichtmonetären Leistungen; dazu zählen Bewerbungstrainings, Weiterbildungskurse oder eine psychosoziale und sozialpädagogische Betreuung. Davon profitieren die Beschäftigten mindestens genauso wie von einer Lohnzahlung – nämlich im Hinblick auf eine professionelle Begleitung und eine erfolgreiche Wiedereingliederung. Diese Effekte werden in einer späteren Projektphase detaillierter ausgewiesen.

Unbeständige Finanzierungssituation

Die untersuchten Sozialfirmen machen keine Profite auf Kosten der Allgemeinheit. Sie dürfen Gewinne nicht ausschütten, sondern müssen diese in der Organisation einbehalten, und finanzieren sich auf vielfältige Weise. Wichtig sind gemäss Analyse der Jahresrechnungen 2012 neben den öffentlichen Beiträgen (37,5%, Median), Spenden (1,0%, Median) und übrigen Erträgen vor allem die Erlöse aus dem Verkauf eigener Produkte und Dienstleistungen (57,6%, Median). Mehr als die Hälfte der untersuchten Sozialfirmen erzielt am Markt also mehr Erträge als durch öffentliche Beiträge. Die öffentlichen Zuschüsse sind in erster Linie Entgelte für erbrachte Dienstleistungen, beispielsweise die Betreuung und Begleitung der Klientinnen, Coachings, Ausgleich für die eingeschränkte Produktivität der Klientinnen und Klienten. Sie fliessen in keinem Fall à fonds perdu. Die Finanzierungssituation der untersuchten Sozialfirmen ist unbeständig – nicht zuletzt aufgrund schwankender Verkaufserträge. Ebenso schwanken die öffentlichen Beiträge, etwa nach der Anzahl von zugewiesenen Personen oder der Art von Leistungsvereinbarungen. Sie bieten in keinem Fall einen finanziellen Ausgleich zum unternehmerischen Risiko der Sozialfirma. Ein Viertel der untersuchten Organisationen verzichtet ganz auf öffentliche Beiträge; andere Sozialfirmen streben an, die Markterlöse zu steigern und den Anteil der öffentlichen Beiträge zu reduzieren. Die finanzielle Unabhängigkeit gegenüber den zuweisenden bzw. finanzierenden Stellen entspricht dem Selbstverständnis der Sozialfirmen, die sich mehr als Unternehmen denn als soziale Institution sehen.

Links und Literaturhinweise

www.grstiftung.ch

Kasten

INSOCH-Projekt – worum geht es?

Im Rahmen des von der Gebert-Rüf-Stiftung finanzierten nationalen Forschungsprojekts «INSOCH» untersuchen die Fachhochschule der Südschweiz (SUPSI), die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) erstmals systematisch die Schweizer Sozialfirmenlandschaft. In den weiteren Phasen wird sich das INSOCH-Projekt insbesondere einer Stakeholder-Analyse, der Identifikation von Erfolgsfaktoren sowie der Beschreibung eines Wirkungsmodells widmen (siehe auch «Im Spannungsfeld von sozialen und ökonomischen Zielen», PANORAMA 3/2014, www.panorama.ch).

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