Ausgabe 04 | 2015

Fokus "Lebenslanges Lernen"

Weiterbildungsgesetz

Schläflis Traum

Die Schweiz hat seit einem Jahr ein Weiterbildungsgesetz, in diesen Wochen finden die Diskussionen über die Verordnung ihren Abschluss. Grundkompetenzen dürften künftig besser gefördert werden. Wie viel Geld dafür da ist, entscheidet sich aber erst später.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

André Schläfli: «Weiterbildung ist endlich anerkannt». (Bild: zvg)

André Schläfli: «Weiterbildung ist endlich anerkannt». (Bild: zvg)

Wenn in diesen Wochen die letzten Beratungen zum Weiterbildungsgesetz (WeBiG) beendet werden, geht für André Schläfli ein Traum in Erfüllung. Schläfli ist seit 1992 Direktor des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung (SVEB) und hat wie niemand sonst für dieses Gesetz gekämpft. 1998 war er Mitverfasser des ersten Weiterbildungsberichtes, später verrichtete sein SVEB unermüdlich Lobbyarbeit. Schläfli sagt heute: «Endlich haben wir dieses Gesetz. Die Weiterbildung ist jetzt als Teil des Bildungssystems anerkannt.» Kritiker sprechen von einem Pyrrhussieg. Schläfli entgegnet mit Artikel 1 des Gesetzes, wonach die Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens gestärkt werden soll. Massiv wird diese Stärkung nicht sein. Als Rahmengesetz macht das WeBiG vor allem einheitliche Vorgaben zur Förderung der Weiterbildung in rund 80 Spezialgesetzen. In diesem Rahmen investiert der Bund rund 600 Millionen Franken, etwa die Hälfte für Bildungsmassnahmen im Bereich der Arbeitslosenversicherung. Die vom Gesetz zusätzlich genannten Massnahmen werden zudem nur unterstützenden oder ergänzenden Charakter haben und insbesondere
– einen Beitrag zur Chancengleichheit von Frauen und Männern leisten;
– den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderungen Rechnung tragen;
– die Integration von Ausländern/-innen erleichtern;
– den Wiedereinstieg ins Berufsleben erleichtern.
Konkret können Bund und Kantone zum Beispiel Verfahren der Qualitätssicherung und -entwicklung unterstützen, um bei den Bildungsgängen und -abschlüssen Transparenz zu schaffen. Auch kann das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) Organisationen der Weiterbildung finanziell unterstützen. Verbindlich setzen sich Bund und Kantone schliesslich dafür ein, Erwachsenen den Erwerb und den Erhalt von Grundkompetenzen zu ermöglichen. Dazu zählen Lesen und Schreiben in einer Landessprache, Mathematik und IT-Anwendung, nicht aber soziale, politische oder alltagspraktische Fähigkeiten. Über den Erfolg der Massnahmen führt das SBFI ein Monitoring durch. Welche Konsequenzen das WeBiG haben wird, ist nur teilweise klar, da nur für Artikel 12 (Finanzhilfen an Organisationen der Weiterbildung) sowie für die Artikel 13–16 (Erwerb und Erhalt von Grundkompetenzen Erwachsener) eine Verordnung erarbeitet wird. Der Entwurf dazu befindet sich bis 2. Oktober in Anhörung. Bei Artikel 12 fällt die Festlegung auf, dass Finanzhilfen in der Regel auf der Grundlage eines Leistungsvertrags gewährt und nur für Aktivitäten im Bereich Information, Koordination und Qualitätssicherung geleistet werden. Zur Förderung der Grundkompetenzen Erwachsener vereinbaren Bund und Kantone unter Einbezug der Organisationen der Arbeitswelt strategische Ziele. Sie werden alle vier Jahre überprüft. Das Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung legt nach Anhörung der Kantone den Verteilschlüssel der finanziellen Beiträge an die kantonalen Programme fest, wobei der Bund maximal die Hälfte der jeweiligen Aufwendungen der Kantone einbringt. Die weiteren Artikel des Gesetzes bleiben zum Bedauern des SVEB vorerst ohne Ausführungsbestimmungen, so Artikel 6 (Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung), Artikel 7 (Anrechnung von Bildungsleistungen an die formale Bildung) und Artikel 9 (Wettbewerb). Die Auswirkungen des neuen Gesetzes werden schliesslich auch von der Finanzierung abhängen. Diese erfolgt über die Botschaft zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2017–2020, deren Beratungen im Frühling 2016 beginnen dürften. «Ich werde unsere Position wieder einbringen», sagt André Schläfli. Aus dem Traum muss Wirklichkeit werden.

Kasten

Definition Weiterbildung

Weiterbildung – das ist gemäss Definition in Artikel 3 des Weiterbildungsgesetzes strukturierte Bildung ausserhalb der formalen Bildung (nicht-formale Bildung). Ihr steht die formale Bildung gegenüber, die staatlich geregelt ist und zu entsprechenden Abschlüssen führt. Als «strukturiert» gelten Bildungen namentlich in organisierten Kursen, mit Lernprogrammen und einer definierten Lehr-Lern-Beziehung. Sie sind von «informeller Bildung» zu unterscheiden, in der Kompetenzen ausserhalb strukturierter Bildung erworben werden.

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