Ausgabe 03 | 2015

ARBEITSMARKT

Schaffhauser Jobmarkt

Arbeitsvermittlung neu gedacht

Rund 60 Prozent der Arbeit suchenden Personen im Kanton Schaffhausen haben gute oder sehr gute Qualifikationen. Mit dem Jobmarkt organisiert das Arbeitsamt ein Forum, an dem Stellensuchende und Arbeitgeber in Kontakt kommen – in einer entspannten und doch verbindlichen Umgebung.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Von aussen ist nicht zu erkennen, wer eine Stelle sucht und wer eine anbietet. (Bild: Daniel Fleischmann)

Von aussen ist nicht zu erkennen, wer eine Stelle sucht und wer eine anbietet. (Bild: Daniel Fleischmann)

Kaffee, Gipfeli, Orangensaft – am zweiten Jobmarkt des Arbeitsamts des Kantons Schaffhausen herrscht eine entspannte Atmosphäre. In den gepflegten Räumen des neuen Hotels Arcona Living begegnen sich Vertreterinnen von 21 Unternehmen und über 40 Arbeit suchende Personen. Es sind Herren im Anzug und Damen im Casual-Look da. Von aussen ist nicht zu erkennen, wer beim RAV angemeldet ist und wer eine Stelle anzubieten hat. Einer der Stellensuchenden ist Arnulf Thorn. Er blickt auf eine langjährige Laufbahn bis Stufe Produktionsleiter in Betrieben mit 250 Mitarbeitenden zurück. Zuletzt hat sich der Sohn des Betriebsinhabers einer Optik-Firma in seine Tätigkeit einführen lassen und ihn danach entlassen. Thorn spricht ohne Bitterkeit, er war einer der teuren Mitarbeiter, sagt er, und hätte ebenfalls so entschieden. Nun ist er zum ersten Mal in seinem Leben ohne Arbeit – ein Fachmann für Hochvakuum und Verfahrenstechnik, der erstaunt darüber ist, wie lange die Suche nach Arbeit dauert.

Proaktive Mitarbeitersuche

Die Stellensuchenden am Jobmarkt hatten zuletzt Führungs- oder Fachfunktionen in einem kaufmännischen, technischen oder dienstleistenden Bereich inne. Sie sind an fünf Ständen gruppiert, die aus runden Tischen und einzelnen Stellwänden bestehen. Auf den Tischen liegen kleine Prospekte der Arbeitsuchenden. Seitens der Arbeitgeber sind Firmen da, die freie Stellen zu besetzen haben, aber auch Unternehmen, die für allfällige Vakanzen gewappnet sein möchten. Sie handeln nach dem Credo, das Fabian Lang, HR Country Lead von Unilever Schweiz, in einem kurzen Referat zu Beginn des Jobmarkts formuliert: Die Pflege und Gewinnung von Personal müsse angesichts des sich rasch verändernden Qualifikationsbedarfs «proaktiver» werden. Personaldienstleister sind ebenfalls anwesend, Laura Rheinwald von Hays (Schweiz) zum Beispiel. «Wir sind sehr proaktiv auf der Suche nach geeigneten Kandidaten», sagt sie, «und wir wollen nicht nur Qualifikationen, sondern auch den Menschen kennenlernen. Der Jobmarkt bietet dafür eine ideale Gelegenheit.» Angenehmer Nebeneffekt: Der Jobmarkt eröffnet den Personalvermittlern die Möglichkeit, auch mit ausgewählten Firmen in Kontakt zu treten.

Ameisenhaufen

Eine Stunde nach Veranstaltungsbeginn gleicht die Gruppe einem Ameisenhaufen. Stellensuchende unterhalten sich miteinander, Arbeitgeberinnen blättern in den Leporellos von Kandidaten oder sprechen mit ihnen, RAV-Mitarbeiterinnen machen Arbeitgeber gezielt auf bestimmte Personen aufmerksam. Arnulf Thorn beispielsweise wird von einer Vertreterin von Georg Fischer angesprochen und um Kontaktangaben gebeten, auch wenn das Unternehmen aktuell keine freien Stellen anbietet. Bei einer zweiten Firma war nur eine Stelle im Einkauf frei – ein Bereich, der dem Profil von Arnulf Thorn zu wenig entspricht. «Ich bin trotzdem froh über die Möglichkeit, dank dem Jobmarkt persönlich Arbeitgeber kennenzulernen. Es läuft etwas», sagt der 57-Jährige. Eine andere Stellensuchende ist Michèle Lienberger, Kauffrau mit E-Profil, die zuletzt bei der Firma Abbott arbeitete. Sie wird von Oliver Dommen, einem Personalberater von Inova Job Schaffhausen, zu einem verbindlichen Gespräch eingeladen. Diese fünf- bis zehnminütigen Gespräche finden in einem zweiten Raum statt, der über zehn locker im Raum verteilte Tischchen verfügt. Die Inova Job sucht am heutigen Anlass vor allem Kaufleute mit guten Französischkenntnissen, eine Anforderung, auf die Michèle Lienberger zurückhaltend reagiert: «Es ist 20 Jahre her, dass ich intensiv Französisch gesprochen habe.» Trotzdem notiert sich Oliver Dommen Stichwörter zu ihrer Laufbahn und zur letzten Tätigkeit: «Ich melde mich bei Ihnen, wenn wir einen passenden Stellenvorschlag für Sie haben.»

Gute Vorbereitung ist wichtig

So unkompliziert die Begegnungen am Jobmarkt zustande kommen – der Recruiting-Event ist das Ergebnis intensiver Vorarbeiten aller beteiligten Personen. Eine zentrale Grösse bilden Bildungsangebote des Arbeitsamts Schaffhausen, die auf die Bildungsvoraussetzungen, das Alter und die Bedürfnisse der Stellensuchenden zugeschnitten sind. Diese Angebote werden von der «Schule für berufliche und allgemeine Weiterbildung» organisiert und bestehen aus einer Vielzahl von Workshops in festen Gruppen, einer Palette an Weiterbildungskursen sowie der Möglichkeit, mithilfe eines Mentorings individuelle Probleme anzugehen. Obligatorisch ist einzig der Workshop «Eigene Fähigkeiten, Ressourcen, Netzwerke», in dem sich die Teilnehmenden auch auf den Jobmarkt vorbereiten. Hier arbeiten die Stellensuchenden ihren beruflichen Werdegang auf, erarbeiten mögliche Perspektiven und gestalten einen kleinen Prospekt in eigener Sache. Diese Qualifikationsprofile werden den Arbeitgebenden im Vorfeld des Jobmarktes anonymisiert zugänglich gemacht – verbunden mit der Einladung, via RAV persönliche Gespräche mit den Inhabern der entsprechenden Profile zu reservieren. Laura Rheinwald beispielsweise buchte zehn Gespräche, insgesamt wurden rund 50 vertiefende Gespräche geführt. Allmählich geht es gegen zwölf Uhr, die ersten Personen verlassen die beiden Räume des Jobmarktes. Die meisten von ihnen gehen mit einem guten Gefühl, wie eine Umfrage unter den Arbeitgebern ergibt: Über 90 Prozent finden das Konzept des Jobmarkts gut oder sehr gut, ebenso viele sahen ihre Erwartungen gut oder sehr gut erfüllt. Das Arbeitsamt Schaffhausen wird den Jobmarkt nun dreimal im Jahr anbieten – wieder fokussiert auf die erwähnten Branchen. Für eine Ausdehnung des Angebots auf andere Berufsgruppen sei das Mengengerüst des Kantons Schaffhausen zu klein, sagt Amtschef Vivian Biner. Sie würden Kooperationen mit Nachbarkantonen erfordern, wo es aber noch keine entsprechenden Gefässe gibt.

Links und Literaturhinweise

www.amosa.net

Kasten

Amosa-Kantone wollen Dienstleistungen verbessern

Die RAV sollen ihre Vermittlungsleistung bei Fachkräften verbessern. Dies ist einer der Schlüsse aus der neuen Studie der «Arbeitsmarktbeobachtung Ostschweiz, Aargau, Zug und Zürich» (Amosa), die Ende März den Medien vorgestellt wurde.
Die Studie «Arbeitsmarktmobilität und Fachkräftemangel» zeigt, dass in den untersuchten Branchen (Metallverarbeitung und Maschinenbau, Informatik, Baugewerbe sowie Ingenieur- und technische Berufe) Fachkräfte fehlen und gleichzeitig eine beachtliche Anzahl an gut ausgebildeten Personen arbeitslos ist. So liegt die Quote der Stellensuchenden bei den Informatikern bei 2,3%; sie hat trotz Fachkräftemangel in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Noch stärker betroffen sind Personen mit Bauberufen sowie Berufsleute aus der Metallverarbeitung und dem Maschinenbau (5,3% respektive 3,7%). In diesen Bereichen könnten die Arbeitsvermittlungen viel bewirken, so die Studie. Bei den Ingenieuren befänden sich für jede gemeldete Stelle vier passende Bewerber bei den RAV, bei den Informatikerinnen gar deren sieben. Laut Edgar Spieler, Leiter Arbeitsmarkt im Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit, seien die RAV aber «nicht die erste Wahl bei der Fachkräfte-Suche». Mit der Verabschiedung der Studie haben sich die Arbeitsämter der zehn Amosa-Kantone zu vier Massnahmen verpflichtet. Sie sollen in den kommenden Monaten umgesetzt werden:
1. Stellensuchende und Arbeitgebende sollen schneller zusammengeführt werden – etwa durch Speed-Datings.
2. Anforderungs- und Qualifikationsprofile sollen präziser werden.
3. Programme zur Nachqualifikation oder zur Validierung von informell erworbenen Fähigkeiten sind zu fördern.
4. Die Arbeitsmarktbehörden sensibilisieren die Verantwortlichen präventiv für die Personalentwicklung (Weiterbildungen).

3 Fragen

«RAV soll erste Anlaufstelle sein»

an Vivian Biner, Leiter Arbeitsamt Schaffhausen

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Jobmarkt durchzuführen? Jobmessen und Speed-Datings sind interessante Formen der Stellenvermittlung, aber sie haben auch Nachteile. Der Jobmarkt ermöglicht, sich auf unkomplizierte Art kennenzulernen, aber er erlaubt auch gezielte, verbindliche Gespräche. Wichtig ist, dass sich Arbeitgebende im Vorfeld über die anwesenden Qualifikationsprofile ins Bild setzen können. Zudem müssen die Stellensuchenden sinnvoll gruppiert werden. Nach der Erfahrung von heute würde ich keine Gruppe «Führungskräfte» mehr einrichten, das ist zu abstrakt.

Ist es für Stellensuchende nicht hart, wenn sie nicht angesprochen werden?
Natürlich ist es schöner, wenn man angesprochen wird. Aber die Stellensuchenden sind auf die Situation vorbereitet und kennen sich durch den Besuch der Workshops. Der gemeinsame Besuch dieser Kurse schweisst sie zusammen, sie helfen sich gegenseitig, auch am Jobmarkt. Viele treffen sich sogar ausserhalb der Kurse und schliessen diese ab, auch wenn sie schon Arbeit gefunden haben. Es existieren sogar Vereinigungen von Ehemaligen.

Sind Sie zufrieden mit der Teilnahme seitens der Arbeitgeber?
Am ersten Jobmarkt waren 10 Arbeitgebende besucht, jetzt waren es 21. Viele von ihnen haben wir persönlich angesprochen. Ich bin sehr zufrieden. Der Jobmarkt ist für uns auch ein Instrument, das RAV als erste Anlaufstelle bei Personalvakanzen zu positionieren.

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