Ausgabe 03 | 2015

ARBEITSMARKT

Teillohnmodell und Supported Employment

Arbeit richtet auf

Es gibt Menschen, die zwischen alle Maschen fallen – Personen zum Beispiel, die in ihrer Leistung beeinträchtigt sind, aber keine Invalidenrente beziehen. Die Städte Bern und Zürich versuchen mit zwei neueren Modellen, Personen aus der Sozialhilfe in den ersten Arbeitsmarkt zu führen.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Patrik D. an seiner neuen Stelle beim Polizeiinspektorat der Stadt Bern: Vor Freude geweint. (Bild: Daniel Fleischmann)

Patrik D. an seiner neuen Stelle beim Polizeiinspektorat der Stadt Bern: Vor Freude geweint. (Bild: Daniel Fleischmann)

Als Patrik D. 20 wurde, erlitt er eine Psychose, die sein Leben aus den Fugen warf. Er musste seine Lehre abbrechen und konnte später dank Medikamenten zwar wieder arbeiten, aber immer nur in ungelernten Jobs – unterbrochen von Phasen der Angst und Depression. Heute ist Patrik D. 39. Er steht endlich wieder auf sicherem Boden, seit sechs Monaten hat er eine Festanstellung. Als er sie bekam, hat er vor Freude geweint.

Berner Teillohnmodell

Patrik D. ist eine von 21 Personen, die in den letzten zwei Jahren im Rahmen des Berner Teillohnmodells Arbeit gefunden haben. Das Projekt startete im Februar 2013 und richtet sich an Sozialhilfe beziehende Personen mit Leistungseinschränkungen, die nicht zu einer IV berechtigen, ihre Stellensuche aber massiv erschweren und oft verunmöglichen – Personen mit Konzentrationsproblemen, mangelnden Sprachkompetenzen oder einer eingeschränkten Stressresistenz etwa oder Personen in fortgeschrittenem Alter. Anbieter ist «Jobtimal», ein Verein für Arbeitsintegration, der von Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Stadt und Kanton Bern getragen wird. «Jobtimal» wählt geeignete Personen aus, sucht nach passenden Stellen, legt zusammen mit Betroffenen und Arbeitgebenden einen möglichst fairen, reduzierten Lohn fest und fungiert während maximal 24 Monaten als Personalverleih. Der bezahlte Teillohn wird bis zum Existenzbedarf mit Sozialhilfe ergänzt. Betriebe und Teillohnangestellte werden durch einen Coach unterstützt und begleitet. Unterhalt der Fahrzeuge, Bewirtschaftung von Büromaterial und Infrastruktur, Post verteilen – Patrik D. ist glücklich, dass er endlich eine Arbeit gefunden hat, die ihm entspricht. Zuletzt war er in Programmen des Sozialamtes tätig, aber er kam damit nicht zurecht: «Das menschliche Umfeld deprimierte mich eher», blickt er zurück. Inzwischen ist seine Teillohnstelle in eine Festanstellung umgewandelt worden, sein Lohn liegt nun bei 100 Prozent. Damit zählt Patrik D. zu einer Minderheit im Teillohnprojekt, wie eine Evaluation zeigt. Von 52 Personen, die betreut wurden, konnten 21 vermittelt werden; von ihnen schafften aber nur gerade zwei den Übergang in eine Direktanstellung. «Wir stehen noch am Anfang», kommentiert Job Coach Andreas Dörig. Auch die Evaluation hält fest, dass die Laufzeit der Untersuchung keine Aussagen darüber zulasse, in welchem Ausmass sich über Teillohnanstellungen nachhaltige berufliche Integrationen erreichen lassen. Trotzdem soll das Berner Teillohnmodell gemäss Evaluationsempfehlung in den definitiven Betrieb überführt werden. Entscheide dazu stehen noch aus, da die Pilotphase bis Ende 2015 dauert. Zwar liege die Zahl der Vermittlungen tiefer als erwartet; ebenso habe sich die Suche nach Arbeitgebern als sehr schwierig erwiesen. Dennoch konnten die finanziellen Ziele erreicht werden, weil die Teillöhne insgesamt höher und die ergänzenden Sozialhilfezahlungen dadurch tiefer ausgefallen sind als budgetiert. Laut Evaluation liegt die Entlastung der Sozialhilfe ab dem zweiten Projektjahr über dem Total der Projektkosten. Die durchschnittliche Leistungsfähigkeit der Teillohnangestellten lag bei 62 Prozent, das Pensum im Durchschnitt bei 55 Prozent, wobei in manchen Fällen im Laufe der Anstellung eine Erhöhung stattfand. Positiv sei zudem, dass das Modell dank der Coachings für unterschiedliche Zielgruppen funktioniere. «Arbeit richtet auf», sagt Andreas Dörig, «die allermeisten Menschen wollen arbeiten und auf eigenen Füssen stehen.» Erschwerend sei nur, dass sich die Akteure der Arbeitsintegration um die (wenigen) potenziellen Stellen gegenseitig konkurrenzieren und sich durch den Ausbau des ergänzenden Arbeitsmarktes eine gewisse Kultur für Einsätze ohne Lohn etabliert habe.

Stadtzürcher Supported Employment

Das Berner Teillohnmodell richtet sich an Personen, die zwar arbeits-, aber nicht arbeitsmarktfähig sind. Diese Zielgruppe steht auch im Zentrum des Supported Employment der Stadt Zürich, das ab September 2012 in Ergänzung zum bereits bestehenden Arbeitsintegrationsangebot erprobt wurde und seit Januar 2015 zum festen Angebot zählt. Im Zentrum steht die Idee, Personen, die schon seit Längerem aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind, direkt in eine Stelle des ersten Arbeitsmarktes zu marktüblichen Konditionen zu vermitteln (Place-Phase) und die Nachhaltigkeit der beruflichen Integration mit einem Coaching von Arbeitgeberin und Arbeitnehmer sicherzustellen. Die Place-Phase dauert sechs bis zwölf Monate, die Train-Phase zwölf Monate. Dieses Vorgehen unterscheidet sich von traditionellen Ansätzen der Arbeitsinte-gration, in denen die Integration über eine stabilisierende und qualifizierende Beschäftigung in einem Umfeld ohne marktübliche Löhne angestrebt wird. Vom Angebot Supported Employment profitiert zum Beispiel Herr O. Der 47-jährige Ghanaer ist Vater von zwei Kindern und hat in seinem Heimatland ein politisches Studium abgeschlossen. Seine mangelnden Deutschkenntnisse und fehlende Vertrautheit mit dem hiesigen Arbeitsmarkt liessen ihn bei der Stellensuche scheitern; vor seinem Eintritt ins Programm hatte er sich über 150 Mal erfolglos beworben. Herr O. konnte inzwischen eine Stelle als Verkäufer in einem Tankstellenshop antreten, wo er 21 Franken pro Stunde verdient. In der Pilotphase haben 40 Personen am Angebot teilgenommen, das in einer Evaluation von den Akteurinnen und Teilnehmern positiv gewürdigt wird. So betrug die Vermittlungsquote der Austritte von der Place-Phase in den ersten Arbeitsmarkt bis zum Auswertungszeitpunkt 48 Prozent. Zentraler Wert des Angebotes ist die individuelle, intensive und längerfristig angelegte Begleitung der Stellensuchenden. So findet etwa alle zwei Wochen ein einstündiges Beratungsgespräch statt. Hier werden die nächsten Schritte im Bewerbungsvorgehen festgelegt und in einer Zielvereinbarung festgehalten. Bewerbungsstrategie, Motivation oder kritische Rückmeldungen von Arbeitgebenden sind weitere Themen. Gleich mehrere Befragte hoben hervor, dass sich diese intensive Betreuung positiv von den Beratungen im RAV unterscheide. «Hier wird endlich richtig hingeschaut», lautet die Äusserung eines Teilnehmers. Dass sich dieser Aufwand auch rechnet, zeigt ein Blick auf die Tarife der einschlägigen Angebote: Supported Employment kostet 734 Franken pro Monat, Einsätze in herkömmlichen Angeboten der Arbeitsintegration das Mehrfache.

Unqualifizierte Arbeitsverhältnisse als Zwischenschritt

Dass Supported Employment nicht nur auf eine rasche, sondern vor allem auf eine nachhaltige Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet ist, erfährt auch Herr O., der seine Arbeit bei der Tankstelle gerne gegen eine anspruchsvollere und weniger anstrengende Beschäftigung tauschen würde – als Diabetiker hat er Mühe, stundenlang zu stehen. Sein Berater hilft ihm bei der Suche. Teamleiter Mike Lüscher betont denn auch, dass man im Rahmen des Supported Employment unqualifizierte Arbeitsverhältnisse nur als «Zwischenschritt» in Kauf nehme. Grund: Kontakte und Erfahrungen im ersten Arbeitsmarkt hätten für die Teilnehmenden eine hohe Bedeutung und sind ein Erfolgsfaktor für die langfristige Arbeitsintegration. Zudem liegt auch in Zürich die grösste Herausforderung darin, dass die Akquise geeigneter Stellen schwierig und aufwendig ist, weil jeder Fall individuell sei. Etablierte Kontakte zu Arbeitgebern seien erst in Ansätzen vorhanden, Praktika und Einarbeitungszuschüsse, die den Einstieg erleichtern könnten, konnten bisher wenig genutzt werden. Der Erfolg der Begleitung im Rahmen des Supported Employment hängt nicht von Merkmalen wie Alter, Herkunft, Familiensituation, Gesundheit, Bildungsniveau oder Berufserfahrung ab – auch im Berner Teillohnmodell ist das nicht anders. Wichtiger sei, so Mike Lüscher, dass die Leistungsbereitschaft und die Motivation der Betroffenen hoch seien. Rückschläge gehören dazu: 2014 haben zehn Personen die Train-Phase erfolgreich abgeschlossen, vier Arbeitsverhältnisse jedoch wurden im Laufe der Train-Phase von den Arbeitgebern aufgelöst. Der Prozess einer nachhaltigen Integration gestaltet sich aufwendig und verläuft selten geradlinig.

Links und Literaturhinweise

Berner Teillohnmodell: www.jobtimal.ch
Zürcher Supported Employment: www.aoz.ch/supportedemployment

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