Ausgabe 03 | 2015

BERUFSBILDUNG

Berufsfachschulen

Was bringt kollegiales Feedback wirklich?

Kollegiales Feedback zwischen Lehrpersonen wird an Schweizer Berufsfachschulen standardmässig durchgeführt. Doch welche Ziele verfolgen Schulleitungen damit? Ist es wirksam? Eine Studie kommt zu widersprüchlichen Ergebnissen.

Von Patrizia Salzmann, Leiterin Berufsbildungsforschung und Dozentin, Institut Professionsforschung und Kompetenzentwicklung der PH St. Gallen

Kollegiales Feedback: Das Potenzial wird noch zu wenig genutzt. (Bild: Fotolia/kasto)

Kollegiales Feedback: Das Potenzial wird noch zu wenig genutzt. (Bild: Fotolia/kasto)

«Durch Reflektieren und Spiegeln der eigenen Unterrichtstätigkeit erwarte ich eine vertiefte Auseinandersetzung und deshalb vielleicht qualitativ einen etwas besseren Unterricht. Der zweite Punkt, der für mich mindestens so wichtig ist, ist das Vertrauen, dass man im Team voneinander lernen kann, das Öffnen der Schultüre, die fächer- und berufsübergreifende Zusammenarbeit.» Diese Aussage eines Rektors illustriert, dass Schulleitungen mit der Durchführung kollegialen Feedbacks eine Steigerung der Unterrichtsqualität und eine vermehrte Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen erreichen wollen.

Lehrpersonen sehen positive Wirkung

Diese Ziele werden aus der Sicht der befragten Lehrpersonen denn auch erreicht. 82 Prozent der befragten Personen (Kasten) berichteten von einer positiven Wirkung kollegialen Feedbacks auf ihren Unterricht, 18 Prozent hatten keine Wirkung auf ihren Unterricht wahrgenommen, negative Wirkungen auf den Unterricht wurden keine erwähnt. Für 73 Prozent der Lehrpersonen hatte sich kollegiales Feedback bisher positiv auf die Zusammenarbeit mit anderen Lehrpersonen ausgewirkt, 26 Prozent nahmen in diesem Bereich keine Wirkung wahr, und lediglich ein Prozent berichtete von negativen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit anderen Lehrpersonen. Die Bedingungen für das kollegiale Feedback und die Intensität und Qualität der Nutzung lassen es aber als eher unwahrscheinlich erscheinen, dass eine bedeutsame Verbesserung der Unterrichtsqualität und eine positive Wirkung auf die Leistung der Lernenden stattfindet. Zwar ist kollegiales Feedback vielversprechend, weil es schulintern teilweise direkt im Unterricht stattfindet und Lehrpersonen mit anderen Lehrpersonen zusammenbringt. Doch zeigen die Ergebnisse der Studie, dass bei der Durchführung wesentliche Abweichungen von den Merkmalen festzustellen sind, die wirksame Lern- und Weiterbildungsangebote von Lehrpersonen und deren Nutzung kennzeichnen.

Merkmale wirksamer Lernangebote

Erstens war kollegiales Feedback an den meisten Schulen nur für Lehrpersonen ab einem bestimmten Unterrichtspensum verbindlich, und über 70 Prozent der befragten Lehrpersonen führten lediglich ein gegenseitiges kollegiales Feedback pro Jahr oder alle zwei Jahre durch. Pro Durchführungstermin investierten sie im Durchschnitt rund zwei Stunden Zeit. Zudem war an den meisten Schulen nicht vorgesehen, dass die gleichen Lehrpersonen über einen längeren Zeitraum (zum Beispiel mehrere Jahre) hinweg zusammenarbeiten. Insgesamt boten sich den Lehrpersonen damit wenige Lernmöglichkeiten. Es wäre wünschenswert, dass Lehrpersonen kollegiales Feedback verbindlich und über eine längere Zeit mit den gleichen Kolleginnen und Kollegen durchführen und dabei die gleichen Beobachtungsschwerpunkte mehrfach aufgreifen, systematisch Veränderungen planen, diese im Unterricht umsetzen und deren Wirksamkeit fortlaufend evaluieren. Zweitens hatte rund ein Drittel der befragten Lehrpersonen vorgängig keinen Beobachtungsschwerpunkt formuliert. Beobachtungen fanden somit wenig zielgerichtet statt. In der Literatur gelten enge fachspezifische Beobachtungsschwerpunkte, die Lern- und Verstehensprozesse bei den Lernenden ins Zentrum stellen und zu fachdidaktischen Überlegungen führen, als wichtige Merkmale wirksamer Lernaktivitäten von Lehrpersonen. Dies spricht dafür, dass (mit Ausnahmen) vor allem Fachlehrpersonen zusammen ihren Unterricht analysieren und darauf basierend fachdidaktische Überlegungen anstossen. Den Fokus sollten sie dort setzen, wo bei den Lernenden in Bezug auf bestimmte Bildungsziele Lernbedarf besteht, um darauf bezogen ihre eigenen Kompetenzen und ihren Unterricht weiterzuentwickeln. Und drittens scheint die Durchführung kollegialen Feedbacks weder auf ein übergeordnetes Ziel ausgerichtet noch mit anderen Lern- und Weiterbildungsangeboten verbunden zu sein. Als isolierte Einzelmassnahme ist der Erfolg kollegialen Feedbacks anzuzweifeln. Eine grös-sere Wirkung wäre dann zu erwarten, wenn es mit anderen Lernaktivitäten und Formen der Zusammenarbeit (z. B. spezifischen Weiterbildungen) verknüpft würde, die alle auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind. In Japan sind solche Formen intensiver Lern- und Weiterbildungsaktivitäten von Lehrpersonen unter dem Namen «lesson study» bekannt.

Bitte kein «kollegiales Schulterklopfen»

Feedback zu geben und Feedback zu erhalten, sind – wie der Name schon sagt – Kernelemente kollegialen Feedbacks. Feedbackprozesse, die auf Unterrichtsbeobachtungen basieren, bergen ein grosses Lernpotenzial in sich und können eine Form der gegenseitigen Anerkennung darstellen. Sie sind aber auch sehr anspruchsvoll und voraussetzungsreich. Qualitativ hochstehendes Feedback zeichnet sich dadurch aus, dass das Feedback als nützlich wahrgenommen wird, spezifisch ist, so ausführlich ist, dass Lernprozesse stattfinden können, und dass das Feedback nicht nur positive Informationen beinhaltet, sondern auch Aspekte angesprochen werden, die nicht gut gelungen sind. Aber gerade wenn kritisches Feedback gegeben wird, ist die Gefahr gross, dass sich das Gegenüber verletzt oder angegriffen fühlt und das Feedback der zwischenmenschlichen Beziehung schadet. Auch kann kollegiales Feedback nur dann wirkungsvoll sein, wenn im Tandem bzw. in der Gruppe die nötige Expertise vorhanden ist und diese entsprechend genutzt wird. Es gilt deshalb zu überlegen, wie Lehrpersonen ihren Unterricht gemeinsam weiterentwickeln können, ob kollegiales Feedback wirklich das geeignete Instrument dazu ist und wie Lehrpersonen dafür sensibilisiert und trainiert werden können, Feedback zu geben, das nicht «kollegialem Schulterklopfen» gleichkommt.

Links und Literaturhinweise

Salzmann, P. (2015): Lernen durch kollegiales Feed-back – Die Sicht von Lehrpersonen und Schulleitungen in der Berufsbildung. Münster, Waxmann.

Kasten

Was ist kollegiales Feedback?

Kollegiales Feedback (oder Hospitation) ist ein Lern- und Weiterbildungsangebot für Lehrpersonen im Beruf nach Abschluss der Ausbildung. Dabei beobachten Lehrpersonen abwechslungsweise und gegenseitig ihren Unterricht, geben sich anschliessend Feedback und analysieren und reflektieren den Unterricht gemeinsam. Kollegiales Feedback ist in der Praxis weit verbreitet und ein fixer Bestandteil der meisten Qualitätssicherungssysteme an Schweizer Berufsfachschulen. Das Hauptziel dieses Instruments ist es, die Unterrichtsqualität zu sichern und zu verbessern.

Kasten

Informationen zur Studie

Es wurden Interviews mit 17 Rektoren der grössten Berufsfachschulen in der Deutschschweiz und eine Fragebogenuntersuchung mit 304 Lehrpersonen an vier dieser Schulen durchgeführt. Für eine Teilstichprobe von Lehrpersonen machten zusätzlich Lernende Angaben zur Unterrichtsqualität. Die Studie wurde von Patrizia Salzmann an der Universität Freiburg in der Schweiz im Rahmen des Leading House «Qualität der beruflichen Bildung» durchgeführt und als Dissertation veröffentlicht.

3 Fragen

Einmal pro Jahr reicht nicht

an Daniel Adank, Dozent Ausbildung am EHB

Überraschen Sie die Ergebnisse der Studie «Kollegiales Feedback»? Keineswegs. Vorbehalte klingen bereits bei der Aussage des Rektors an, der einen etwas besseren Unterricht erhofft. Das ist doch sehr vage. Es ist gut, wenn versucht wird, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen; aber das muss über eine längere Zeitdauer geschehen und ist mit einem kollegialen Feedback pro Jahr kaum möglich.

Die befragten Lehrpersonen sehen das Feedback aber positiv.
Diese Einschätzung fusst eher auf dem gemeinsamen Kontakt selber und weniger auf dem kollegialen Feedback. Die Studie macht gute Angaben über die Bedingungen, wie kollegiales Feedback den Unterricht verbessern kann. Als Einzelmassnahme ist es anzuzweifeln, insbesondere, wenn nicht mit einer gewissen Kontinuität gearbeitet werden kann!

Welche institutionellen Vorkehrungen sind dafür nötig?
Kollegiales Feedback ist meist in ein Qualitätssystem eingebunden und wird von vielen Lehrerinnen oder Dozenten als Pflichtaufgabe wahrgenommen: «Wir müssen noch …» anstelle von «hast du Zeit für mich, ich hätte da …». Das Anliegen des kollegialen Hospitierens kann nicht gesetzt werden, es muss den inneren Beweggründen der Lehrpersonen erwachsen. Denkbar wäre der Schritt hin zu einer kooperativen Begleitung oder Beratung, stets ausgehend von einem gemeinsamen (fachdidaktischen) Anliegen. Eine andere Möglichkeit wären (anfänglich professionell begleitete) Intervisionen. (dfl)

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.