Ausgabe 05 | 2014

ARBEITSMARKT

Längsschnittstudie TREE

Zögerlicher, aber gelingender Einstieg in den Arbeitsmarkt

Zehn Jahre nach Erfüllung der Schulpflicht sind über 80 Prozent der jungen Menschen in der Schweiz erwerbstätig, rund 25 Prozent in Ausbildung, die meisten von ihnen auf Tertiärstufe und parallel zum Erwerb. Etwa 10 Prozent der 26-Jährigen haben keinerlei nachobligatorischen Ausbildungsabschluss. Dies zeigen neue Ergebnisse der Längsschnittstudie TREE.

Von Thomas Meyer, Bildungssoziologe und Co-Leiter der TREE-Studie

Die TREE-Ergebnisse verdeutlichen eindrücklich, in welchem Ausmass sich die Transitionen oder Übergänge von der Phase der Erstausbildung ins Erwerbsleben heute bis weit ins junge Erwachsenenalter hinein erstrecken. Zehn Jahre nach Entlassung aus der Schulpflicht, im Alter von durchschnittlich 26 Jahren, befindet sich immer noch ein Viertel des beobachteten Schulabgangs-Jahrgangs in Ausbildung, vorwiegend auf der Tertiärstufe. Rund 60 Prozent der Schulabgänger/innen haben zu diesem Zeitpunkt ein Zertifikat der Sekundarstufe II als höchsten Bildungsabschluss erworben (eidg. Fähigkeitszeugnis, gymnasiale Maturität o. Ä.), knapp 30 Prozent eines auf Tertiärstufe (inklusive höherer Berufsbildung). 10 Prozent stehen ohne jeglichen nachobligatorischen Bildungsabschluss da. Überdurchschnittlich hoch ist der Anteil dieser «Ausbildungslosen» insbesondere in der französischsprachigen Schweiz (16 Prozent) und unter den jungen Migrantinnen und Migranten (16 Prozent bei den «Secondos», fast 30 Prozent bei der ersten Einwanderungsgeneration). Weitere Risikofaktoren für «Ausbildungslosigkeit» sind ein tiefer Bildungsstand der Eltern, der Besuch eines Schultyps mit Grundanforderungen auf Sekundarstufe I (Real- oder Oberschule, Sek C, usw) und Einstiegsverzögerungen beim Übergang zwischen den Sekundarstufen I und II. Insgesamt beunruhigt, wie stark in der Schweiz der Einfluss leistungsfremder Faktoren wie der sozialen Herkunft oder Strukturmerkmale des Bildungssystems auf den Bildungserfolg ist. Wenn man diejenigen berücksichtigt, die sich noch in Ausbildung befinden, dürfte die definitive Abschlussquote auf Tertiärstufe in Zukunft noch gegen 40 Prozent steigen (Tertiär A und B zusammen). An der 10-Prozent-Quote der «Ausbildungslosen» dürfte sich allerdings auch in Zukunft kaum mehr etwas ändern.

Tessin: Geringere Erwerbstätigenquote

Zehn Jahre nach Austritt aus der obligatorischen Schule sind über 80 Prozent der TREE-Kohorte erwerbstätig, zwei Drittel ausschliesslich, ein Sechstel parallel zu einer laufenden Ausbildung (siehe Grafik). Der Übertritt ins Erwerbsleben vollzieht sich in der Schweiz langsam, aber stetig: Drei Jahre zuvor hatte die Quote der (ausschliesslich) Erwerbstätigen erst bei rund 50 Prozent gelegen. Rund 5 Prozent der TREE-Kohorte sind zehn Jahre nach Erfüllung der Schulpflicht erwerbslos, knapp 10 Prozent befinden sich ausschliesslich, das heisst ohne erwerbstätig zu sein, in Ausbildung. Die Tabelle verdeutlicht zudem, dass zum Teil beträchtliche Unterschiede bezüglich Erwerbstätigkeit bzw. Erwerbslosigkeit bestehen. Überdurchschnittlich hoch ist Letztere in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz, bei den Migrantinnen und Migranten der ersten Einwanderungsgeneration und bei denjenigen, die über keinen nachobligatorischen Abschluss verfügen. In der italienischsprachigen Schweiz fällt die deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt liegende Erwerbstätigenquote von lediglich gut 60 Prozent auf.

Frauen: Von Anfang an diskriminiert

Die ausschliesslich Erwerbstätigen verdienen monatlich brutto rund 5200 Franken (Vollzeitäquivalent). Die Löhne der Frauen, der Erwerbstätigen in der italienisch- und französischsprachigen Schweiz sowie derjenigen ohne nachobligatorischen Abschluss liegen zum Teil deutlich unter diesem Gesamtdurchschnitt. Schon frühere TREE-Auswertungen hatten ergeben, dass der Durchschnittsverdienst von Frauen auch dann tiefer ist als der der Männer, wenn man Faktoren wie den erlernten Beruf, den Bildungsabschluss oder die Sprachregion berücksichtigt. Inzwischen ist mit weiteren Analysen der TREE-Daten belegt worden, dass Frauen tatsächlich bereits zu Beginn ihrer Erwerbslaufbahn gegenüber Männern Lohndiskriminierung erfahren. Die meisten Erwerbstätigen arbeiten unter geordneten Beschäftigungsbedingungen. Unter denjenigen, die ausschliesslich erwerbstätig sind, weist rund ein Sechstel prekäre Beschäftigungssituationen auf wie befristete Arbeitsverhältnisse, Arbeit auf Abruf oder Unterbeschäftigung. Die untersuchte Kohorte ist im durchschnittlichen Alter von 26 Jahren insgesamt grösstenteils (zu über 90 Prozent) mit ihrer Lebenssituation zufrieden. Sie ist im jungen Erwachsenenalter angekommen, was sich unter anderem darin manifestiert, dass rund 60 Prozent zusammen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin im selben Haushalt leben. Die Familienphase steht den allermeisten TREE-Befragten allerdings noch bevor: Der Anteil derjenigen, die mit durchschnittlich 26 schon Kinder haben, liegt deutlich unter 10 Prozent.

Ausblick

TREE gehört heute zu den meistgenutzten sozialwissenschaftlichen Datensätzen der Schweiz (siehe Kasten). Dutzende von Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland analysieren ökonomische, soziologische, erziehungswissenschaftliche und psychologische Fragestellungen auf der Basis der TREE-Daten. Das vollständige Publikationsverzeichnis umfasst inzwischen rund 200 Titel (siehe Projekt-Website). Die längsschnittliche Beobachtung der TREE-Kohorte wird fortgesetzt. Die neunte Nachbefragung im Alter von nunmehr durchschnittlich 30 Jahren nähert sich ihrem Abschluss. Weitere Nachbefragungen sind – vorbehältlich Finanzierung – vorgesehen. Ausserdem hat der Schweizerische Nationalfonds die Finanzierung einer neuen Schulabgangs-Kohorte genehmigt. 2016 wird die erste Befragung stattfinden. TREE wird somit zur Multikohorten-Studie ausgeweitet, mit der sich Kohortenvergleiche anstellen lassen.

Links und Literaturhinweise

Scharenberg, K., Rudin, M., Müller, B., Meyer, Th., Hupka-Brunner, S. (2014): Ausbildungsverläufe von der obligatorischen Schule ins junge Erwachsenenalter: Die ersten zehn Jahre. Ergebnisübersicht der Schweizer Längsschnittstudie TREE, Teil I. Universität Basel.
www.tree.unibas.ch

Kasten

TREE

Die Längsschnittuntersuchung TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) untersucht die Ausbildungs- und Erwerbsverläufe von Jugendlichen, die im Jahr 2000 aus der Schulpflicht entlassen wurden. Eine gesamtschweizerisch und sprachregional repräsentative Stichprobe von ursprünglich gut 6000 jungen Menschen wird im Rahmen von TREE auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben wissenschaftlich begleitet. Die Probandinnen und Probanden wurden zwischen 2001 und 2010 insgesamt acht Mal nachbefragt, eine neunte Nachbefragung steht kurz vor dem Abschluss. Verfügbar sind zurzeit Daten und Ergebnisse bis und mit 2010. Zu diesem Zeitpunkt war die TREE-Stichprobe aus 3424 Personen durchschnittlich 26 Jahre alt. Bei den dargestellten Ergebnissen handelt es sich nicht um exakte Messungen, sondern um stichprobenbasierte Schätzwerte, die einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit unterliegen.

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