Ausgabe 05 | 2014

BERUFSBILDUNG

«Die Akademisierungsfalle»

Ein Plädoyer für die Berufsbildung

Im Buch «Die Akademisierungsfalle» warnt Rudolf Strahm vor einer zunehmenden Akademisierung der Bildungs- und Arbeitswelt und plädiert dafür, die Berufsbildung zu stärken. Viele seiner Thesen sind plausibel, aber bewiesen sind sie noch nicht.

Von Jürg Schweri. Er ist Bildungsökonom und leitet den Forschungsschwerpunkt «Steuerung der Berufsbildung» am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP.

(Bild: zvg)

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Strahm spannt den Bogen vom Nutzen der Berufsbildung für die Lernenden bis zum Nutzen für die Volkswirtschaft, einschliesslich des Beitrags zur Bekämpfung von Armut und Fachkräftemangel. Die zentrale These dieser Ausführungen lautet, dass die Berufsbildung «bezüglich der Arbeitsmarktfähigkeit (...) dem vollschulischen Bildungssystem überlegen» sei. Strahm entwickelt seine Argumente verständlich und belegt sie mit vielen Fakten. Als Leser, der selbst von den Vorteilen der Berufsbildung überzeugt ist, stimmt man seinen Analysen daher grossteils zu. Fraglich ist, ob sich auch Skeptiker überzeugen lassen wie jener Mitautor des «Weissbuchs», der die Berufsbildung vor einigen Jahren als «Auslaufmodell» bezeichnete. Herausgegriffen sei als Beispiel das Argument der unterdurchschnittlichen Jugendarbeitslosigkeit in Staaten mit Berufsbildung (Dänemark, Deutschland, Niederlande, Österreich, Schweiz) gegenüber solchen ohne. Der Zusammenhang zwischen tiefer Jugendarbeitslosigkeit und arbeitsmarktnaher Berufsbildung scheint plausibel, lässt sich jedoch mit Länderrankings letztlich nicht beweisen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens gibt es zu viele weitere Unterschiede zwischen den Staaten, welche die Unterschiede in der Jugendarbeitslosigkeit ebenso verursachen könnten wie die Unterschiede bezüglich Berufsbildung. Zweitens beeinflusst die Wahl der Vergleichsländer das Resultat: Verwendet man die OECD-Daten statt rein europäischer Daten wie Strahm, finden sich auch Korea und Japan in der Spitzengruppe mit niedriger Jugendarbeitslosigkeit. Diese Staaten kennen keine duale Berufsbildung, dafür sehr hohe Maturitätsquoten. Der Zusammenhang zwischen Berufsbildung und tiefer Jugendarbeitslosigkeit wird unklar. Generell lässt sich festhalten: In der Forschung finden sich einige Belege für Vorteile der Berufsbildung, aber kein Nachweis für eine einseitige Überlegenheit. Um die Vor- und Nachteile von berufsbildenden und allgemeinbildenden Wegen systematisch zu prüfen und nachzuweisen, braucht es daher weitergehende Analysen im Rahmen der (Berufs-)Bildungsforschung.

Widersprüchliche Forderung

Das Buch enthält eine Vielzahl von Empfehlungen, wie die schweizerische Bildungspolitik im nachobligatorischen Bereich zu verbessern sei. Strahm fordert beispielsweise, Fachpersonen in der Sozialarbeit vermehrt für die Beratung zur Berufsintegration auszubilden oder «die Nachholbildung insbesondere für Eltern und Migrationspersonen» zu intensivieren. Bei manchen Vorschlägen scheint auch Strahms Wirken als Politiker und Vertreter des Schweizerischen Verbandes für Weiterbildung auf. Die Forderung nach quasi-akademischen Titeln (Professional Bachelor und Master) für die höhere Berufsbildung erscheint angesichts der Warnungen vor der Akademisierung allerdings etwas widersprüchlich. Naheliegender schiene es, das Profil der Abschlüsse in der höheren Berufsbildung weiterzuentwickeln und zu schärfen. Strahm würdigt als Stärke der beruflichen Grundbildung, dass in einem fünfzehnjährigen Reformprozess die berufsspezifischen Kompetenzanforderungen und Lernziele für jeden Beruf klar definiert wurden. Dieser Reformansatz liesse sich auch auf die höhere Berufsbildung übertragen: Hier steht die systematische Ausrichtung aller Prüfungsordnungen auf die im Beruf benötigten Handlungskompetenzen noch aus. Sehr optimistisch erscheint folgender Vorschlag zur Behebung des Fachkräftemangels: Die Kantone sollen das Studienplatzangebot der Universitäten durch Leistungsaufträge auf die Arbeitsmarktbedürfnisse ausrichten. Es ist fraglich, ob die Kantone in der Lage wären, den Fachkräftebedarf viele Jahre im Voraus richtig zu prognostizieren. Angesichts der raschen Veränderungen auf den Arbeitsmärkten ist es eher wahrscheinlich, dass der in Auftrag gegebene Mix an Uniabsolvierenden nach mehreren Jahren Studium nicht dem tatsächlichen Bedarf der Wirtschaft entspräche. Auch das von Strahm ausführlich kritisierte Beispiel des Numerus Clausus in der Medizin zeigt, wie wenig staatliche Steuerung die Marktentwicklungen zu antizipieren vermag. Schliesslich darf man bezweifeln, dass die in ihrer Autonomie beschnittenen Universitäten (und Studierenden) noch gleich viel Innovation hervorbrächten. Strahms Buch sei allen an Bildungsfragen interessierten Leserinnen und Lesern empfohlen als kompetente und prägnante Diskussion aktueller Herausforderungen im Bildungswesen. Erwähnenswert sind auch die gelungenen Berufsbiografien von Rahel Eckert-Stauber, die zentrale Aussagen des Buches mit den Erfahrungen von Lernenden und Studierenden illustrieren. Auch wenn man bei manchen Vorschlägen nicht mit dem streitbaren Rudolf Strahm einig gehen mag – die Lektüre regt im besten Sinne zum Nach-Denken an.

Links und Literaturhinweise

Strahm, R. H. (2014): Die Akademisierungsfalle. Bern, hep Verlag.
Akademien der Wissenschaften Schweiz (Hrsg., 2009): Zukunft Bildung Schweiz: Anforderungen an das schweizerische Bildungssystem 2030. Bern.

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