Ausgabe 05 | 2014

Fokus "Kompetenzen"

Schulische Anforderungsprofile

Was sich Lernende in der Schule aneignen sollten

Wenn die Volksschule und die Lehrbetriebe von Kompetenzen sprechen, verwenden sie unterschiedliche Sprachen. Ein Projekt will Übersetzungshilfe leisten – mit schulischen Anforderungsprofilen für die berufliche Grundbildung.

Von Walter Goetze. Er ist Projektleiter sowie Leiter der BfB Büro für Bildungsfragen AG in Thalwil.

Ab Ende 2014 legt das Projekt «Schulische Anforderungsprofile für die berufliche Grundbildung» nach dreijähriger Laufzeit für die meisten Grundbildungen Profile vor, die präziser als je zuvor die Anforderungen zeigen. Wie sehen diese aus? Jedes Anforderungsprofil umfasst vier Fachbereiche mit insgesamt 21 Einzelpositionen. Die besonders bedeutsamen Kompetenzen sind mit einem Ausrufezeichen markiert. Die Beschreibung einer typischen Arbeitssituation zeigt, wie die besonders bedeutsamen schulischen Kompetenzen im Berufsalltag zur Anwendung kommen. Firmenspezifische oder regionale Besonderheiten sowie weitere wichtige Anforderungen runden das Bild ab. Einem Anforderungsprofil können also folgende Informationen entnommen werden:
– Die Anforderungshöhe des gesamten Fachbereiches wie zum Beispiel «Mathematik» oder «Deutsch».
– Die erforderliche Ausprägung der einzelnen Kompetenzen des jeweiligen Fachbereichs, also zum Beispiel «Form und Raum» oder «Hören».
– Die Bedeutsamkeit. Kompetenzen, auf die es in der Lehre besonders ankommt, sind mit einem Ausrufezeichen markiert.
– Die Beschreibung einer beruflichen Situation während der Grundbildung, in der die besonders bedeutsamen Kompetenzen erforderlich sind. Beschreibungen existieren vorerst für einen Teil der Profile und werden laufend ergänzt.

Das Beispiel des Kompetenzprofils Metallbauer/in

Die Abbildung zeigt einen Auszug aus dem Kompetenzprofil Metallbauer/in. Diesem kann entnommen werden, dass im Fachbereich Mathematik mittlere Anforderungen gestellt werden, wobei die Anforderung an Geometrie, an räumliches Denken besonders ausgeprägt ist. Drei der Positionen im Fachbereich sind bedeutsam, auf diese Kompetenzen kommt es also an. Mittlere Anforderungen werden wohl von den meisten Abgängerinnen und Abgängern der Volksschule erfüllt. Aufmerksamkeit verdienen in diesem Profil die beiden Kompetenzen mit hohen Anforderungen. Wie diese in der Lehre zum Einsatz kommen, geht aus der beschriebenen Arbeitssituation hervor. Hier der entsprechende Auszug: «Wieder in der Werkstatt angekommen, erstellt Pascal mithilfe der zuvor gemachten Skizzen eine massstabsgetreue Werkstattzeichnung und führt die erforderlichen Berechnungen durch. (...) Anhand der überprüften Zeichnungen muss Pascal nun eine Zuschnittsliste der Metallprofile erstellen.» Es geht also um geometrisches Zeichnen, um exaktes Vermassen und den richtigen Umgang mit Masseinheiten. Ein diesbezüglicher Fehler bedeutet rasch einmal einige Tonnen falsch zugeschnittenen Metalls auf der Baustelle. Deshalb sind diese Kompetenzen bedeutsam.

Kein Selektionsinstrument

Die Anforderungsprofile orientieren sich an den HarmoS-Kompetenzmodellen und den nationalen Bildungsstandards (Grundkompetenzen), die von der EDK entwickelt und im Sommer 2011 freigegeben worden sind. Die Anforderungsprofile sind als Orientierungshilfe im Berufswahlprozess zu verstehen, sie sind kein Selektionsinstrument. Sie sollen
– eine gezielte, frühzeitige Auseinandersetzung der Jugendlichen mit den Anforderungen und den eigenen Fähigkeiten auslösen;
– den Jugendlichen zu einer Einschätzung verhelfen, ob die angestrebte Berufswahl realistisch ist;
– ihnen zeigen, wie das jetzt in der Volksschule Gelernte später in der Berufslehre gebraucht werden kann und sie dadurch auch im letzten Schuljahr zum Lernen motivieren;
– eine frühzeitige Förderung der Lernenden im Hinblick auf den Übertritt in die Berufsausbildung ermöglichen.
Die Anforderungsprofile können einer individuellen Beurteilung der Schülerin oder des Schülers gegenübergestellt werden. Diese Beurteilung kann auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen:
– Beurteilung durch die Lehrperson in einem Gespräch
– Beurteilung durch eine Fachperson der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung
– Objektive individuelle Standortbestimmung in der Schule (siehe auch nebenstehendes Interview)
– Zeugnisse
– Selbsteinschätzung
– Fremdeinschätzung, zum Beispiel nach einer Schnupperlehre
Jede Beurteilung erfolgt aus einer etwas anderen Sicht. Für eine fundierte Einschätzung sind sie deshalb, möglichst unter fachkundiger Begleitung der Berufsberatung oder Lehrperson, zu kombinieren.

Links und Literaturhinweise

www.anforderungsprofile.ch (ab Ende 2014)
Interview mit Walter Goetze
Beschreibung der Grundkompetenzen

Interview

«Pädagogische Massnahmen haben immer Nebeneffekte»

Interview: Stefan Krucker

Urs Moser: «Ich staune immer wieder, wie unkritisch die Leute gegenüber Punktzahlen sind.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Sie haben den Stellwerk-Check entwickelt und arbeiten nun an «Check-Dein-Wissen». Warum? Urs Moser: Die vier Kantone des Bildungsraums Nordwestschweiz wollen die Leistungsmessung von der Primar- bis zur Sekundarschule koordinieren. So kann der Schüler während seiner ganzen Laufbahn sehen, wo er steht. Bei Check-Dein-Wissen stellen wir stärker den Lernfortschritt ins Zentrum als das einzelne Ergebnis.

Sie waren nie wirklich glücklich mit Stellwerk und den Anforderungsprofilen auf «Jobskills».
Als Wissenschaftler bin ich an gewisse Standards gebunden. Die Messgenauigkeit der Profile ist unzureichend. Es versteht sich von selbst, dass ein ungenaues Test-profil nicht in Beziehung zu einem Anforderungsprofil gesetzt werden soll.

Man sagt, die Checks würden förderorientiert genutzt. Gleichzeitig laden Anforderungsprofile aber dazu ein, sie in der Selektion zu verwenden.
Vier standardisierte Checks während der obligatorischen Schulzeit reichen für ein förderorientiertes Vorgehen nicht aus. Wir stellen den Lehrpersonen deshalb eine Aufgabensammlung zur Verfügung, mit der sie jederzeit individuelle Standortbestimmungen von der 3. bis zur 9. Klasse durchführen können.

Wird der Check der 8. Klasse künftig den Lehrstellenbewerbungen beigelegt?
Das kann durchaus sein, entspricht aber nicht dem Ziel: Mit dem Check sieht der Schüler, wo er die Anforderungen allenfalls noch nicht wie erwartet erfüllt hat. Wenn ein Schüler nach dem Check in der 8. Klasse zulegen kann, zeigt sich das im Check in der 9. Klasse.

Die Lehrer werden den Unterricht gezielt auf die Checks ausrichten und andere Aspekte vernachlässigen.
Das wäre eine falsche Entwicklung, deren Gefahr dann gross ist, wenn die Check-Ergebnisse nicht wie geplant förderorientiert genutzt werden. Es liegt in der Verantwortung der einzelnen Lehrkraft, wie sie den Unterricht gestaltet.

Warum stellen Sie ihr trotzdem diese Instrumente zur Verfügung?
Weil ich vom ganzen System überzeugt bin: Schülerinnen und Schüler können von der 3. bis 9. Klasse immer wieder überprüfen, wo sie bezüglich ausgewählter Kompetenzen stehen. Sie erhalten zusätzlich zu den Noten ein Feedback, das unabhängig vom Schultyp, von der Klasse und der Lehrperson ist. Das motiviert.

Werden sich die Lehrerinnen mit den Profilen neu auch als Berufsberaterinnen betätigen?
Ich hoffe nicht. Jede pädagogische Massnahme hat aber einen ungewollten Nebeneffekt. In diesem Fall ist es die Gefahr der Überbewertung von Testergebnissen und die unkritische Haltung gegenüber Punktzahlen. In unserem Projekt werden die Lehrpersonen diesbezüglich geschult.

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