Ausgabe 05 | 2014

Fokus "Kompetenzen"

Westschweizer Lehrplan PER

Kompetenzen für eine bewusste Berufswahl

Die Zeit der Berufswahl ist für Jugendliche eine entscheidende Phase. Der neue Westschweizer Lehrplan gibt den Rahmen für einen kompetenzorientierten Berufswahlunterricht vor. Die Umsetzung in den Kantonen ist sehr unterschiedlich.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Die berufliche Orientierung gehört im Plan d’études romand (PER) – wie auch im Deutschschweizer Lehrplan 21 – zu den fächerübergreifenden Themen. Es handelt sich also nicht um ein Fach. Vielmehr ist der Berufswahlunterricht in diesen Themenbereich eingebettet: «Ein persönliches Projekt im Hinblick auf eine berufliche oder eine allgemeinbildende Ausbildung erarbeiten», so lautet die Vorgabe. Der Berufswahlunterricht erstreckt sich über die letzten drei obligatorischen Schuljahre. Die Kantone haben bei der Umsetzung des PER grossen Handlungsspielraum, und so gestaltet sich der Berufswahlunterricht denn auch je nach Kanton anders: In den einen ist vom 9. bis 11. Schuljahr wöchentlich Unterrichtszeit dafür vorgesehen, in anderen dagegen findet er in über zwei oder drei Jahre verteilten Unterrichtsblöcken statt. Teilweise werden Berufswahlthemen auch in die anderen Fächer integriert.

Richtlinien zu Lerninhalten, Zielen und Kompetenzen

Der PER enthält Richtlinien zu den Lerninhalten, Zielen und zu den fächerübergreifenden Kompetenzen, die sich die Schüler aneignen sollen: Mithilfe von Informationsmaterial und Veranstaltungen wie Berufsmessen, Schnupperaufenthalten in Betrieben oder Berufspräsentationen durch Fachleute tauchen die Jugendlichen schrittweise in die Arbeitswelt ein. Das Kennenlernen neuer Berufe hilft ihnen, die Möglichkeiten zu erfassen, die ihnen offenstehen. Die Schülerinnen und Schüler werden auch ermutigt, sich selbst zu hinterfragen und sich ihrer Interessen, Vorlieben und Ressourcen bewusst zu werden: Sie sollen erkennen, wozu sie fähig sind, und lernen, sich selbst einschätzen zu können. So erarbeiten die Jugendlichen Schritt für Schritt ihre beruflichen Ziele für die Zukunft.

Unterschiedliche Umsetzung in den Kantonen

Im Berufswahlunterricht erwerben die Schülerinnen und Schüler praktische Fertigkeiten, die ihnen den Übergang in die Berufswelt erleichtern, wie zum Beispiel sich zu präsentieren und ein Bewerbungsschreiben zu verfassen. Die Kantone Waadt und Neuenburg haben Wahlfächer in den Bereichen Technologie, Technik, Handwerk und Gestaltung vorgesehen, in denen die Jugendlichen die in ihrem Wunschberuf verlangten Kompetenzen ausbauen können. Im Wallis erhalten die Schüler am Ende des 10. Schuljahrs von ihrer Lehrperson einen Kompetenznachweis, der die Fähigkeiten auflistet, die in bestimmten Berufen gefragt sein könnten. Er hält etwa fest, wenn ein Schüler sich durch Kommunikationsfähigkeit oder durch handwerkliches Geschick auszeichnet, und zeigt auf, wie diese Talente in einem Beruf von Nutzen sein können.

Die Schule nur mit konkreten Laufbahnideen verlassen

In einigen Kantonen der Westschweiz wird der Berufswahlunterricht durch die Klassenlehrperson erteilt. Für diese Aufgabe werden sie von Berufsberatenden geschult oder sie erwerben die notwendigen Kompetenzen an einer pädagogischen Hochschule. Sie müssen insbesondere die Arbeitswelt gut kennen und ihre Schülerinnen und Schüler bei allen Fragen rund um die Berufswahl unterstützen können, indem sie auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen eingehen. Die Lehrpersonen arbeiten dabei mit den Berufsberatern zusammen, die die Jugendlichen in der Klasse oder individuell beraten. Das Ziel ist klar: Jeder Schüler soll mit einem konkreten Laufbahnprojekt aus der Volksschule austreten. Viridiana Marc ist bei der «Conférence intercantonale de l’instruction publique de la Suisse romande et du Tessin» (CIIP) für den Westschweizer Lehrplan verantwortlich. Sie betont, dass der PER fächerübergreifende Inhalte und Kompetenzen begünstigt. Diese Kompetenzen – Team- und Kommunikationsfähigkeit, kreatives Denken, Lernstrategien und überlegtes Vorgehen – werden in allen Fächern weiterentwickelt. Diese Art des Unterrichtens setzt aber eine neue pädagogische Haltung der Lehrpersonen voraus. «Das geschieht nicht von selbst», räumt André Allisson ein, der bei der Bildungsdirektion des Kantons Neuenburg für pädagogische Fragen zuständig ist. Es sei nicht einfach, die Schüler dazu zu bewegen, ihren Lernprozess kritisch zu betrachten und sie dazu zu bringen, sich zu überlegen, wie sie gelernt haben und wie sie dieses Wissen oder diese Kompetenzen auf andere Bereiche übertragen können. Idealerweise erarbeiten die Jugendlichen im Berufswahlunterricht nicht nur ein Projekt, sondern lernen auch, eine Entscheidung zu treffen und sich das Wie und Warum der Entscheidungsfindung bewusst zu machen. Sie legen damit den Grundstein, um im späteren Berufsleben ähnlich vorgehen zu können.

Links und Literaturhinweise

www.plandetudes.ch/per
www.lehrplan21.ch
Schmid, R. (2012): Berufswahl-Portfolio. Bülach, S&B Institut.
www.berufswahl-portfolio.ch
www.myberufswahl.ch
HEP-BEJUNE (2014): Dossier – Itinéraires du Plan d’études romand. In: Enjeux pédagogiques (Nr. 23). Pruntrut.

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