Ausgabe 04 | 2014

ARBEITSMARKT

Fachtagung

Die negative Spirale von Sucht und Arbeits­losigkeit

Sucht macht arbeitslos, Arbeitslosigkeit macht süchtig. Diese Effekte sind längstens erwiesen, wie eine Tagung in Zürich in Erinnerung rief. Trotzdem ist das Thema noch kaum in die von der Arbeitslosenversicherung finanzierten Beratungs- und Massnahmenkonzepte eingeflossen.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Suchtberatung kollidiert mit der Aufgabe der raschen und nachhaltigen Wiedereingliederung. (Bild: Fotolia/Ilja Burckhardt)

Suchtberatung kollidiert mit der Aufgabe der raschen und nachhaltigen Wiedereingliederung. (Bild: Fotolia/Ilja Burckhardt)

Arbeitslose sind häufiger süchtig als erwerbstätige Personen. Diese These ist durch über 50 Studien aus nahezu allen Ländern der OECD belegt und gilt für Alkohol, Cannabis, psychoaktive Medikamente, pathologisches Glücksspiel mit Geldeinsatz und Tabak gleichermassen. Nicht selten multiplizieren sich dabei selektive (Suchtprobleme erhöhen das Risiko, arbeitslos zu werden und zu bleiben) und kausale Effekte (Arbeitslosig­keit begünstigt die Entwicklung von Suchtproblemen). «Ohne Bewältigung des Suchtproblems ist eine dauerhafte berufliche Integration selten möglich», sagt darum Urs Frey, Job-Coach und Leiter Arbeitsintegration der Klinik Südhang, eines Berner Kompetenzzentrums für Mensch und Sucht. «Eine rasche Erfassung der Problematik und die rasche Einleitung angemessener Massnahmen sind zwingend, um das Ziel der Eingliederung zu erreichen.» Allerdings tun sich die zuständigen Stellen wie die RAV mit dem Thema schwer. Das ist angesichts der vom Gesetz definierten Aufgabe – die rasche und nachhaltige Wiedereingliederung der Klienten/-innen – nicht weiter verwunderlich. So enthält das EDV-System AVAM (Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktstatistik), das auch Auskunft über die Vermittlungsfähigkeit von arbeitslosen Personen macht, keine Auskünfte zum Thema Sucht. Auch fehlen Formulare zum «Screening» der Gesundheit der Stellensuchenden, wie sie in Deutschland etwa von Dieter Henkel (Institut für Suchtforschung der Fachhochschule Frankfurt am Main) gefordert werden. Schliesslich hindern auch die gesetzlichen Grundlagen sowohl Versicherte wie RAV-Beratende, offen über das Thema Sucht zu sprechen. Arbeitslosengelder können nur Personen beziehen, die als vermittelbar gelten. Eine offengelegte Sucht kann diesen Anspruch zunichte machen – zumindest wenn die betroffene Person ihren Pflichten nicht nachkommt.

Die Herausforderungen

Am 5. Juni trafen sich Suchtfachleute und Fachleute aus Arbeitsmarktbehörden und arbeitsmarktlichen Massnahmen zu einer Tagung des Fachverbandes Sucht und der Expertengruppe Weiterbildung Sucht (EWS). Es wurden unter anderem folgende Feststellungen gemacht:
- Der selektive und kausale Zusammenhang von Sucht und Arbeitslosigkeit ist offensichtlich; er verdient in der Praxis wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Eine erfolgreiche Suchttherapie setzt in der Regel eine (wieder) vorhandene Erwerbsarbeit voraus. Nützlich wären etwa regelmässige Fallbesprechungen zwischen Suchtberatungen und RAV-Stellen.
- RAV-Mitarbeiter sind keine Suchtberater, zumal in diesen Beziehungen nur selten Vertrauensverhältnisse wachsen. Trotzdem sollten sie über bessere Informationen darüber verfügen, wie sie mit entsprechenden Wahrnehmungen umgehen können. Nützlich könnte die gezielte Weiterbildung einzelner Team­mitglieder sein. Auch eine bessere Ge­wichtung der «langfristigen Erfolgsfaktoren» könnte ein Weg sein.
- Es bestehen zu wenige arbeitsmarktliche Massnahmen, in denen Süchtige eine qualifizierte Betreuung erhalten. Gute Beispiele bestehen im Kanton St. Gallen («Mühlhof») und im Kanton Bern («Contact Netz»). Süchtigen Arbeitslosen bleiben oft nur geschützte Werkstätten, deren Vermittlung nicht über das RAV, sondern über die Invalidenversicherung erfolgt.
- Denkbar ist die Einrichtung einer nationalen Ombudsstelle, an die sich Betroffene unter Wahrung der Anonymität wenden können. Ob eine solche Stelle Sinn machen würde, ist umstritten.

Links und Literaturhinweise

Fachtagung «Arbeitslosigkeit und Sucht»

Kasten

Projekt «Suchtfragen in der Regelversorgung»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), die Expertengruppe Weiterbildung Sucht (EWS) und Infodrog haben das Projekt «Suchtfragen in der Regel­ver­sorgung» lanciert. Es soll einen optima­len Umgang mit suchtgefähr­deten oder süchtigen Menschen ausserhalb der spezifischen Betreuung dieser Personen ermöglichen – zum Beispiel in RAV-Stellen oder im schulischen Umfeld. Deren Mitarbeitende sollen Menschen mit einer Suchtgefährdung möglichst rasch an die richtigen suchtspezifischen Dienstleistungen heranführen können, ohne sie dabei zu diskriminieren.

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