Ausgabe 04 | 2014

ARBEITSMARKT

Das Projekt «BernTop»

Radikaler Kulturwandel im Kanton Bern

Seit einem Jahr arbeiten die RAV im Kanton Bern nach einem neuen Konzept. Mit dem Projekt «BernTop» wurden die Kundennähe der RAV gesteigert, das Anmeldeverfahren beschleunigt und die Beratungsdienstleistungen bedarfsgerechter ausgestaltet.

Von Marc Gilgen, Leiter des Geschäftsbereichs Arbeitsvermittlung, beco Berner Wirtschaft

Umgestalteter Empfang im RAV: Ausdruck neuer kultureller und strategischer Grundlagen. (Bild: zvg)

Umgestalteter Empfang im RAV: Ausdruck neuer kultureller und strategischer Grundlagen. (Bild: zvg)

Wer mit dem RAV zu tun hat, soll nicht primär an Formulare, Arbeitsbemühungen oder «Stempeln» denken, sondern an Beratende, die sich professionell und mit Freude für die rasche und dauerhafte Wiedereingliederung ihrer Kundinnen und Kunden einsetzen. So lautet eine von vielen Zielsetzungen des Projektes «BernTop–L’excellence du service de l’emploi», für das sich in den letzten Jahren RAV-Mitarbeitende aller Stufen und Fachbereiche engagiert haben. Das Projekt wurde nach gut zweijähriger Arbeit am 30. Juni 2013 abgeschlossen und umgesetzt.

Ineffektive und demotivierende Zuweisungspraxis

Eine dem Projekt vorgelagerte Situationsanalyse berücksichtigte einschlägige Studien, eigene Auswertungen und über 15 Jahre Vollzugserfahrung im Kanton Bern. Sie führte zu folgenden Erkenntnissen.
- Es fehlen ein ausformuliertes Unternehmensziel und eine Strategie und somit die Grundlagen, um alle RAV-Aktivitäten und -Dienstleistungen optimal auf ein Ziel hin auszurichten.
- Das Anmeldeverfahren und die Informationsvermittlung dauern zu lange, sind zu bürokratisch und nicht bedarfsgerecht.
- In der Beratung fehlen übergeordnete Wiedereingliederungsstrategien, die es erlauben, den Beratungs- und Mitteleinsatz – etwa von arbeitsmarktlichen Mass­nahmen (AMM) – systematisch auf ein Ziel auszurichten.
- Die Praxis der Arbeitsbemühungen («Mas­sengeschäft») und die Praxis der Zuweisungen sind ineffektiv und demotivierend und beeinflussen das RAV-Image bei Arbeitgebern und Stellensuchenden negativ (über 90% der Zu­wei­sun­gen bleiben erfolglos).
- Viele AMM sind nicht «marktnah». Die erworbenen Qualifikationen können im Arbeitsmarkt kaum verwertet werden.
- Das Aufgaben- und Rollenverständnis der Mitarbeitenden ist uneinheitlich.

Kultureller und strategischer Rahmen

Gestützt auf diese Erkenntnisse wurden in mehreren Vollzugsbereichen Reformen angestossen. Damit die einzelnen Anstrengungen nicht Stückwerk bleiben und an Wirkung einbüssen, bedurfte es eines übergeordneten Rahmens, der die Kohärenz der Aktivitäten gewährleistet. Diesen Rahmen bildete die Entwicklung kultu­reller («Menschenbild») und strategischer Grundlagen. Im Menschenbild sind die Grundwerte und Haltungen in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Stellensuchenden und die Zusammenarbeit untereinander ver­bind­lich festgehalten. Eigenverantwortung, Ver­­­trauen und Verbindlichkeit sind die zentralen Elemente. Stellensuchende sind im Kanton Bern «Kundinnen» und «Kunden». Die gefühlte Wertschätzung ihnen gegenüber ist höher als gegenüber einem «Klienten» oder «Stellensuchenden». Das neu ausformulierte Unternehmens­ziel «Nachhaltig überdurchschnittliche Wirkungen erzielen» orientiert sich an einem umfassenden Wirkungsbegriff, der beispielsweise auch die Verhütung von Arbeitslosigkeit umfasst. Die «Strategie der öffentlichen Arbeitsvermittlung im Kanton Bern» stützt sich auf die drei Säulen:
- Arbeitsmarkttransparenz erhöhen: Das Angebot (offene Stellen) und die Nachfrage (Stellensuchende) sind differenzierter erfasst und für alle Marktteilnehmenden transparent.
- Arbeitslosigkeit verhüten: Von Arbeitslosigkeit bedrohte Personen finden vor Eintritt der Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle.
- Arbeitsmarktattraktivität fördern: Die Attraktivität der Kundinnen und Kunden auf dem ersten Arbeitsmarkt ist hoch.

Die wichtigsten Reformen

Die Reformen leiteten sich von den strategisch-kulturellen Grundlagen ab. Erhöhte Arbeitsmarkttransparenz basiert insbesondere auf der intensivierten Arbeit mit den Plattformen Job-Room (treffpunkt-arbeit.ch) und jobagent.ch sowie der regelmässigen Durchführung von Job-Speed-Datings. Zusätzlich zu den bestehenden Produkten bei Kurzarbeit, Schlechtwetter und Massenentlassungen sollen künftig gezieltere Informationen und die frühzeitige RAV-Anmeldung und -Beratung zur Verhütung von Arbeitslosigkeit beitragen. Die wichtigsten Anstrengungen zur Förderung der Arbeitsmarktattraktivität:
- Die Beratungsdienstleistungen sind individueller und bedarfsgerechter ausgestaltet. Sie basieren auf einer Kundensegmentierung in Markt-, Beratungs- und Betreuungskunden. Marktkunden sind in der Lage, selbstständig oder mit geringfügiger Unterstützung der RAV eine Stelle zu finden; Beratungskunden benötigen die gezielte Unterstützung der RAV, um eine Stelle zu finden; Betreuungskunden verfügen, unter Berücksichtigung ihrer aktuellen Situation, nur über geringe Chancen im ersten Arbeitsmarkt. Gemeinsam mit diesen Kunden vereinbaren die Beraterinnen die Ziele, legen eine Wiedereingliederungsstrategie fest. Dies erlaubt es, den Beratungs- und Mitteleinsatz systematisch auf ein Ziel auszurichten. Die getroffenen Vereinbarungen werden schriftlich festgehalten und sind damit transparent und verbindlich.
- Kundinnen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Kunden, bei denen nebst dem RAV auch weitere Sozialversicherungen oder Institutionen involviert sind, werden von spezialisierten IIZ-Beratenden unterstützt.
- Mit der Möglichkeit der direkten Anmeldung bei einem der 14 RAV im Kanton Bern wird die Anmeldung verkürzt und kundenorientierter. Die Kundinnen und Kunden erhalten bereits bei der Anmeldung beim RAV wichtige Informationen für ihre Stellensuche; offene Fragen können vor Ort rasch und kompetent geklärt werden.
- Das RAV unterstützt die Kundinnen und Kunden, sich im Job-Room attraktiv zu präsentieren. Spezielle Fähigkeiten und Erfahrungen werden systematisch erfasst.
- Das AMM-Portfolio ist strategisch ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt beim Erhalt und bei der Förderung von arbeitsmarktrelevanten Soft Skills, die eigent­liche «Qualifizierung» hat stark an Bedeutung verloren. Jede AMM ist an eine oder mehrere Wiedereingliederungsstrategien gekoppelt.
- Die RAV im Kanton Bern verzichten auf den ineffektiven und aufwendigen Versand amtlicher Zuweisungen auf offene Stellen. Arbeitsmarktfähige Personen, die Mühe haben, sich im Bewerbungsprozess zur Geltung zu bringen, erhalten über ein neu entwickeltes «Vermittlungsmandat» Unterstützung. Sie profitieren vom Arbeitgeber-Netzwerk der RAV. Im Gegensatz zu früher werden die Vermittlungsressourcen nur für Kundinnen und Kunden aus dem Beratungs- und Betreuungskundensegment investiert.
Zur Überprüfung und Weiterentwicklung der Strategie wurden die Führungskennzahlen ausgebaut und verfeinert. Alle Formulare, Publikationen und die Korrespondenz wurden verständlicher formuliert und gestaltet – weg vom «Beamtendeutsch». Zusätzlich bestehen zu ausgewählten Themen «Kundeninformationen», welche bei Bedarf ausgehändigt werden (zum Beispiel Mutterschaft, Aussteuerung, Zwischenverdienst). Das Erscheinungsbild der öffentlichen Arbeitsvermittlung im Kanton Bern wurde weiter vereinheitlicht. So hat man die Empfangsbereiche der RAV neu gestaltet oder sogar neue Standorte bezogen.

Projektumsetzung und erste Erfahrungen

BernTop war und ist herausfordernd. Zunächst galt es, die kulturellen und strategischen Aspekte zu verinnerlichen. Dazu wurde vorgängig zur Projekteinführung ein von den Führungskräften begleiteter Change-Prozess initiiert, in dessen Rahmen sich alle Mitarbeitenden mit den eigenen Werthaltungen, dem persönlichen Rollen- und Aufgabenverständnis sowie mit den anstehenden Veränderungen auseinandersetzten. Zusätzlich zu den internen, mehrtägigen BernTop-Schulungen wurden die Mitarbeitenden im lösungsorientierten Beraten (LOB) geschult. Der LOB-Ansatz entspricht der mit BernTop eingeschlagenen Richtung. Es ist noch zu früh, die Auswirkungen von BernTop auf die SECO-Wirkungsmessung zu kommentieren. Es ist davon auszugehen, dass sich die strategische Orientierung der RAV im Kanton Bern an einem «umfassenden» Wirkungsverständnis positiv auswirken wird – dies im Gegensatz zu einer kurzfristig ausgerichteten Input-Steuerung. Eine erste Bilanz fällt aber positiv aus. Nebst vielen guten Reaktionen von Kunden und Arbeitgeberinnen zeigen interne Auswertungen erfreuliche Entwicklungen:
- Die Dauer von der Anmeldung bis zum ersten Beratungsgespräch wurde von bisher etwa 25 Tagen auf 9 Tage verkürzt.
- Die Möglichkeit zur frühzeitigen Beratung wird immer öfter in Anspruch genommen.
- Arbeitsbemühungen werden nicht mehr flächendeckend in hohem Masse eingefordert – das Bild differenziert sich entlang der Kundensegmente und Strategien.
- 80% der Kundinnen und Kunden verfügen im Job-Room über ein differenziertes Profil.
- Die Job-Room-Zugriffe von Arbeitgebern und privaten Arbeitsvermittlerinnen sind markant angestiegen, die Nachfrage nach CVs von Kundinnen und Kunden um 50 Prozent.
- Über das Vermittlungsmandat konnten in gut einem Jahr knapp 180 Kundinnen und Kunden vermittelt werden.

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