Ausgabe 04 | 2014

BERUFSBERATUNG

Berufswahl

Wie wichtig ist das Geld?

Meistens wird die Bedeutung monetärer Motive für die Berufswahl als unwichtig bezeichnet. Eine Erhebung bei Jugendlichen der 8. Klasse im Kanton Bern zeigt die Bedeutung des Lohnes in einem anderen Licht.

Von Stefan C. Wolter, Leiter der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern

Im Spätsommer 2013 wurden von der Forschungsstelle für Bildungsökonomie an der Universität Bern 1519 Schülerinnen und Schüler im Kanton Bern zu Themen der Berufswahl befragt. Die klassenweise Befragung während der Unterrichtszeit stellte sicher, dass die Ergebnisse nicht durch eine Selbstselektion in die Befragung verzerrt wurden. Bezüglich der Aspekte, die den Schülerinnen und Schülern an einem zukünftigen Beruf besonders wichtig oder unwichtig sind, wurden ihnen fünf verschiedene positive Attribute zur Auswahl gegeben, welche sie in der Reihenfolge der Priorität zu rangieren hatten. Zur Auswahl standen fünf positive berufliche Attribute: Spass machen, anderen Menschen helfen können, eine hohe Arbeitsplatzsicherheit, ein hoher sozialer Status und genügend Einkommen, um ein sorgenfreies Leben zu garantieren. Wenig überraschend landet das Motiv «Spass machen» fast immer auf dem ersten oder dann zweiten Rang, das heisst, einen Beruf zu erlernen, der keinen Spass macht, wird jede Schülerin und jeder Schüler – wenn es sich vermeiden lässt – ausschlagen. Da dieses Motiv für alle an der Spitze steht, lassen sich auch keine signifikanten erklärbaren Unterschiede in der Bedeutung dieses Motivs zwischen Schülerinnen und Schülern finden. Schaut man aber die Rangfolge der übrigen vier positiven Motive an, dann erweist sich der Lohn als eindeutig und statistisch signifikant wichtiger als die übrigen Motive. Analysiert man die individuellen Un­terschiede bei den Präferenzen für die einzelnen Berufsattribute, dann zeigen sich – wiederum wenig überraschend – geschlechtsspezifische und statistisch signifikante Unterschiede bei den Motiven Lohn und anderen Menschen helfen zu können (siehe auch Grafik). Bei den anderen Motiven fällt auf, dass Realschüler im Vergleich zu Sekundarschülern nicht etwa der Arbeitsplatzsicherheit eine höhere Bedeutung beimessen, sondern dem sozialen Ansehen. Arbeitsplatzsicherheit steht dafür bei Schülerinnen und Schülern im Vordergrund, die sich über einen tiefen Wert in der Kontrollüberzeugung auszeichnen. Das ist erwartungskonform, da Jugendliche, die eher davon ausgehen, dass ihr Schicksal fremdbestimmt ist, nach grösserer Sicherheit streben. Mit der vorliegenden Befragung lässt sich der Rang, aber nicht die relative Bedeutung des Geldes für die Berufswahl messen. Mit anderen Worten: Man weiss nicht, um wie viel der Lohn in einem Beruf steigen müsste, damit man auch einen Beruf wählen würde, der nicht so viel Spass macht, oder um wie viel sicherer ein Beruf sein müsste, damit man auch einen tieferen Lohn akzeptieren würde. Um solche Fragen beantworten zu können, müssen weitergehende Forschungsarbeiten gemacht werden. Entscheidend ist nur, dass der mit einem Beruf zu erzielende Lohn für Jugendliche sicherlich kein unwichtiges Berufswahlmotiv ist, wie ab und zu behauptet wird.

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