Ausgabe 04 | 2014

BERUFSBERATUNG

Lebensbegleitende Beratung in Europa

Ein entscheidender Aspekt des lebenslangen Lernens

Das «Europäische Netzwerk für eine Politik lebensbegleitender Beratung» unterstützt die Mitglieds­staaten bei der Entwicklung bereichsübergreifender Modelle in den nationalen Bildungs- und Beschäftigungssystemen. Die Schweiz ist als Beobachterin mit dabei, um Konsequenzen für die eigenen Strategien und Massnahmen ableiten zu können.

Von Isabelle Zuppiger, Arbeits- und Organisationspsychologin FSP

Laufbahnberatung in der EU soll sowohl sozia­len als auch wirtschaftlichen Zielen dienen. (Bild: EU-Mediendienst)

Laufbahnberatung in der EU soll sowohl sozia­len als auch wirtschaftlichen Zielen dienen. (Bild: EU-Mediendienst)

Die Teilnahme der Schweiz an den Konferenzen des «European Lifelong Guidance Policy Network» (ELGPN) wird von den Mitgliedländern des Netzwerks sehr geschätzt. Denn die schweizerische Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung mit ihrer langen Tradition, ihrer Regelung im Bundesgesetz sowie ihren qualitativ hochstehenden und gut ins Schulsystem einge­betteten Aktivitäten stossen bei den Mitgliedländern auf grosses Interesse. Zwei Vertreterinnen aus der Schweiz nehmen im Auftrag des SBFI und der ch Stiftung sowie als Delegierte der Schweizerischen Konferenz der Leitenden der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (KBSB) an den ELPGN-Konferenzen teil: Beatrice Kunovits, Leiterin der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Basel-Landschaft, und Isabelle Zuppiger, Arbeits- und Organisationspsychologin sowie ehemalige Präsidentin der KBSB. In den Diskussionen zeigt sich jeweils, dass die Zusammenarbeit von Bildung, Beratung, Arbeitsmarktintegration und Sozialhilfe eine grosse Herausforderung ist. Diese Bereiche folgen verschiedenen Denkmodellen: Die Förderung von Potenzialen durch Bildung (unter Berücksichtigung von Fähigkeiten, Begabung, Motivation und individuellen Lebenszyklen) versus die rasche Integration in den Arbeitsmarkt beziehungsweise in die Gesellschaft (über Erwerbsarbeit und Berufsbildung). Die Berufsberatungen in den einzelnen Ländern der EU haben Mühe, neben den finanziell gut dotierten Initiativen zu Bildung, Beschäftigung und Arbeitsmarktintegration eine starke Position einzunehmen und entsprechende ideelle und finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Vier thematische Schwerpunkte

Das ELGPN wurde 2007 gegründet mit dem Ziel, seine Mitgliedländer und die EU-Kommission bei der Entwicklung der Kooperation auf dem Gebiet der lebensbegleitenden Beratung zu unterstützen. Zurzeit zählt das Netzwerk 31 Mitgliedländer, darunter Staaten der EU und Kandidatenländer sowie weitere Länder des europäischen Wirtschaftsraums. Das Netzwerk wird seit Beginn von einem Team am finnischen Institut für Bildungsforschung der Universität von Jyväskylä koordiniert. Die Mitglieder des ELGPN ernennen einen Lenkungsausschuss, um die effektive Verwaltung des Netzwerks sicherzustellen und den Koordinator bei der Definition der Prioritäten und der Zuweisung der Budgets zu unterstützen. Das Netzwerk arbeitet eng mit der Europäischen Kommission, dem Europäischen Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP) und der Europäischen Stiftung für Berufsbildung (ETF) zusammen. Das ELGPN befasst sich mit vier thematischen Aktivitäten, die in den EU-Ratsbeschlüssen 2004 und 2008 genannt wurden:
- Berufsbiografische Gestaltungskompetenzen
- Zugang zu Beratung, einschliesslich Anerkennung früherer Lernleistungen
- Mechanismen der Kooperation und Koordination in der Beratungspolitik und Entwicklung von Systemen sowie
- Qualitätssicherung und empirische Nach­­weise für Politik- und Systementwicklung
Das Netzwerk legt grossen Wert auf eine bereichsübergreifende Sicht für die Entwicklung lebensbegleitender Beratungspolitiken. Es untersucht, wie Beratung als Querschnittelement zur Entwicklung der EU-Politik in den folgenden sechs Kern­bereichen beitragen kann: Schule, Be­rufsausbildung, Hochschulbildung, Erwachsenenbildung, Beschäftigung und soziale Inklusion.

Hilfestellung und Konzepte für die Praxis

Eines der ersten Ziele des ELGPN war die Erarbeitung einer Handreichung, um Entscheidungsträger und andere Beteiligte bei der Überprüfung bestehender Strategien zum lebenslangen Lernen in ihren Ländern zu unterstützen. Ziel dieser Handreichung ist es, eine politische Überprüfung und einen fachlichen Lernprozess innerhalb und zwischen den Ländern zu fördern. Der in den letzten Jahren erfolgte schnelle Aufbau eines nationalen Beratungssystems in Litauen zeigt als konkretes Beispiel, dass die Handreichung für den Aufbau eines lebenslangen Beratungssystems sehr gut eingesetzt werden kann. Andere Ergebnisse sind die vom Netzwerk in Auftrag gegebenen Konzeptpapiere über Flexicurity und Jugendarbeitslosigkeit sowie ein Glossar zur Entwicklung der Strategien lebensbegleitender Beratung. Zurzeit wird ein Konzeptpapier zu frühem Schulabbruch und lebenslanger Beratung sowie ein Handbuch zum Nachweis der Wirkung von Beratungsdiensten erarbeitet. Dieses gibt eine wertvolle Übersicht über den Stand der internationalen Forschung – auch mit Beiträgen aus der Schweiz. Gleichzeitig dient es als Unterstützung für die politische Arbeit in den einzelnen Ländern. Alle diese Dokumente sind auf der Website des ELGPN abrufbar. Auf nationaler Ebene haben die Mitglieder aus dem Erfahrungsaustausch Nutzen für die Entwicklung von Online-Beratungsdiensten und die Entwicklung nationaler Strategien oder entsprechender Gesetzgebungen gezogen. Es gab auch nachweislich Fortschritte in der Entwicklung von Mechanismen zur nationalen Koordinierung. Es ist eindrücklich zu beobachten, wie durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in Europa die Erkenntnis gestärkt wird, dass sich die Herausforderungen im Bereich der Bildung, Beschäftigung und sozialen Integration nur in enger internationaler Zusammenarbeit lösen lassen. Das ELGPN leistet dazu einen wich­tigen Beitrag. Die Zukunft des Netzwerks hängt vom Engagement der Mitglieder ab. Ebenso entscheidend ist, ob und wie weitgehend es gelingt, die Politik einer lebenslangen Beratung in die europäische Ini­tiative «Area of Skills and Qualification EASQ» einzubetten.

Links und Literaturhinweise

www.elgpn.eu

Kasten

Internationale Netzwerke in der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Neben dem ELGPN (siehe Haupttext) gibt es zahlreiche weitere internationale Organisa­tionen und Verbände der BSLB.

Internationale Vereinigung für Bildungs- und Berufsberatung (IVSBB)
Die IVSBB ist der grösste und traditionsreichste internationale Berufsverband. Sowohl Einzelpersonen als auch nationale und regionale Verbände können Mitglied werden. Die Vereinigung will allen Menschen Zugang zu einer qualitativ hochstehenden Bildungs- und Berufsberatung durch Fachleute ermöglichen, Qualitätsstandards für die Bildungs- und Berufsberatung durchsetzen, die Aus- und Weiterbildung der Berater/innen weiterentwickeln sowie den internationalen Austausch fördern. Die IVSBB publiziert das Fachjournal «International Journal for Educational and Vocational Guidance» und organisiert jedes Jahr eine interna­tionale Konferenz.
www.iaevg.org

Network for Innovation in Career Guidance and Counselling in Europe (NICE)
Dieses von der EU unterstützte Netzwerk ist der Hochschulbildung gewidmet. Es vereint rund dreissig europäische Hochschulen, darunter die Universitäten Lausanne und Zürich. Das Netzwerk will die universitäre Ausbildung von Berufs- und Laufbahnberatenden fördern sowie Studien- und Doktoratsprogramme entwickeln. Es hat das «NICE Handbook» für die universitäre Ausbildung von Berufs- und Laufbahnberatenden herausgegeben. Dieses Thema wird auch am Kongress von Canterbury im September 2014 im Zentrum stehen.
www.nice-network.eu

European Society for Vocational Designing and Career Counseling (ESVDC)
Die Mitglieder der ESVDC sind renommierte Forscher. Die Gesellschaft will die Forschung im Bereich der BSLB unterstützen, den europäischen und internationalen Austausch fördern sowie eine neue Generation von Fachleuten aufbauen.
www.esvdc.org

European Association of Career Guidance (EACG)
In der EACG können Einzelpersonen und Organisationen Mitglied werden. Sie ist aus der European Association of Erasmus Coordinators hervorgegangen. Die Vereinigung will die Ausbildung, Berufsberatung und Beschäftigungssituation in der EU unterstützen sowie den Austausch zwischen Berufsberatenden und HR- Verantwortlichen fördern.
www.eacg.eu

Euroguidance
Dieses europäische Netzwerk dient dem Austausch zwischen nationalen Bildungs- und Berufsberatungszentren. Euroguidance will über die Bildungssysteme der Partnerländer informieren sowie die Mobilität von Lernenden, Studierenden, Berufstätigen und Stellensuchenden fördern. Das Netzwerk betreibt das Internetportal PLOTEUS für Lernangebote in ganz Europa.
www.euroguidance.eu

The International Centre for Career De­ve­lop­ment and Public Policy (ICCDPP)
Das ICCDPP entstand aus einer Zusammenarbeit der OECD, der Weltbank, der Europäischen Kommission und mehrerer Berufsverbände. Es will erfolgreiche Methoden sowie Know-how aus aller Welt austauschen, die weltweit vorhandenen Ressourcen optimal nutzen sowie die Qualität der Bildungs-, Beratungs-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik auf nationaler Ebene ver­bessern.
www.iccdpp.org

Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP)
Das CEDEFOP ist die EU-Agentur für die Entwicklung der Berufsbildung und führt unter anderem ein Projekt zur lebensbegleitenden Beratung durch.
www.cedefop.europa.eu

Nationale Verbände
Schweiz: Verband der Fachleute für Lauf­­bahn­ent­wicklung
www.profunda-suisse.ch
Frankreich: Association des conseillers d’orien­tation-psychologues (ACOP)
www.acop-asso.org
Deutschland: Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung (NFB)
www.forum-beratung.de
Deutschland: Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e. V. (DVB)
www.dvb-fachverband.de
Italien: Società Italiana per l’Orientamento
www.sio-online.it
Grossbritannien: National Institute for Career Education and Counselling (NICEC)
www.nicec.org
USA: Society of Counseling Psychology
www.div17.org

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