Ausgabe 04 | 2014

BERUFSBERATUNG

Lehrstellenportale

Verdrängungskampf auf dem Lehrstellenmarkt

Verschiedene Internet-Plattformen buhlen um die Gunst der jugendlichen Schulabgänger und der Ausbildungsbetriebe. PANORAMA hat die wichtigsten Portale für die Lehrstellensuche durchleuchtet.

Von Stefan Krucker, PANORAMA-Redaktor

Lehrstellensuche im Internet: Private und offentliche Anbieter positionieren sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Geschäftsmodellen in der Berufswahl jugendlicher Schulabgänger.

Lehrstellensuche im Internet: Private und offentliche Anbieter positionieren sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Geschäftsmodellen in der Berufswahl jugendlicher Schulabgänger.

Lehrstellenboerse.ch, die-lehrstelle.ch, yousty.ch, gateway-junior.net, berufsberatung.ch: All diese Websites – und noch einige mehr – versprechen Hilfe bei der Lehrstellensuche. Jugendliche, Eltern, Lehrerinnen, Berufsberater und Lehrbetriebe verlieren da schnell einmal die Übersicht. Und es beschleicht sie das Gefühl, vielleicht etwas zu verpassen. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Versprechungen sind vollmundig. «Gateway ist das erste interaktive Lehrstellenportal der Schweiz, das Jugendliche und Unternehmen möglichst passgenau zusammenführt», sagt Martina Rufener, Verantwortliche für das Kundenmanagement bei Gateway. Und Urs Casty, Gründer und Geschäftsführer von Yousty, erklärt: «Sie finden auf yousty.ch nicht nur eine Adresse, sondern Bilder, Videos, Interviews, den zukünftigen Berufsbildner und die anderen Lehrlinge. Yousty.ch ist Online-Schnuppern.» Gateway und Yousty sind nebst berufsberatung.ch die wichtigsten Player im schweizerischen Vermittlungsgeschäft von Lehrstellen. Alle drei Portale haben ihre Stärken und Schwächen, und es stellt sich die Frage, was sie für die Lehrstellensuche konkret taugen. Das Kapital von Gateway sind die Ergebnisse der «Multicheck-Junior-Eignungsanalysen». Die Firmen Multicheck und Gateway sind eng miteinander verbunden. Daher landet jeder durchgeführte Multicheck-Junior automatisch in Gateway, wo ihn der Jugendliche abholen muss. Momentan sind in Gateway rund 26'000 Multicheck-Ergebnisse gespeichert. Gemäss Auskunft von Rufener ergänzen knapp 40 Prozent der Jugendlichen ihr Profil in Richtung einer elektronischen Bewerbungsmappe. Neuerdings schickt die Firma Gateway-Botschafter an die Schulen. Sie erklären die Berufswahlanalyse von Gateway, eine Interessenerkundung ähnlich dem BFT22, und helfen den Jugendlichen beim Erstellen der Online-Bewerbungen. Rufener erwähnt unter anderem folgenden Vorteil: «Für die Jugendlichen ist Gateway kostenlos und in einer ersten Phase sogar komplett anonym. Nicht der Name und auch nicht das Passbild entscheiden über das Interesse, sondern Leistung, Qualifikation sowie personenbezogene Merkmale.»

Selektionieren mit dem Premium-Abo

Den Firmen verkauft Gateway den Zugang zu den Profilen der Jugendlichen. Je nachdem, wie viel die Firma bezahlt, hat sie mehr oder weniger Möglichkeiten: Ein kostenloser Eintrag macht die Firma für die Jugendlichen sichtbar, und mit einem Premium-Abo kann die Firma in der Datenbank gezielt nach geeigneten Auszubildenden suchen und diese kontaktieren. Sobald der Jugendliche sein Einverständnis dazu gibt, erhält die Firma Zugang zum gesamten Profil, also auch zu Name und Adresse. Inbegriffen ist bei den teureren Abos auch die Möglichkeit für die Firmen, direkt in Gateway digitale Bewerbungen zu erhalten und zu verwalten. Bis jetzt haben sich lediglich rund 70 Firmen auf Gateway eingekauft. Die Plattform hat gemäss Rufener aber noch Einiges vor: «Gateway wird in den nächsten Jahren weiter zum Serviceportal ausgebaut und mit hilfreichen Informationen und Angeboten ergänzt.» Die Stärken von Yousty sind nicht Testergebnisse, sondern die Anzahl Besucherinnen und Besucher sowie eine gute Abdeckung der offenen Lehrstellen. Gemäss Casty besuchen rund 150'000 bis 180'000 Personen pro Jahr seine Seite, welche für alle frei zugänglich ist. Und auf Facebook verzeichnet Yousty rund 20'000 Likes. Das ist schon fast eine Sensation, verglichen mit den einigen Hundert Likes, die etwa öffentliche Berufsberatungen erreichen. Geschafft hat das Yousty mit einer kon­sequenten Suchmaschinenstrategie. Und ebenso konsequent ist die Seite inhaltlich für Jugendliche optimiert: «Die Berufsbeschreibungen sind von Jugendlichen verfasst. Wir schauen berufsberatung.ch an und schreiben um», sagt Casty. Yousty.ch besteht aus drei Hauptmenüs: Erstens aus Informationen über Berufe, zweitens einem Verzeichnis von Lehrstellen und drittens aus Bewerbungstipps. Viele Funktionen sind miteinander verlinkt. Die offenen Lehrstellen stammen unter anderem von rund 600 Firmenkunden, welche dafür bezahlen, dass sie auf yousty.ch prominent erscheinen. Casty sagt: «Firmen können bei uns nicht nur eine Adresse, sondern eine elektronische Broschüre hinterlegen. Sie sind damit das ganze Jahr auf einer virtuellen Berufsmesse präsent.» Die Jugendlichen ihrerseits können gemäss Casty online schnuppern: «Sie sehen, wie es in der Firma aus­sieht, welche Maschinen es hat, wie der Arbeitsplatz ist, wer die Berufsbildner sind und welche Erfahrungen andere Lernende gemacht haben.» Diese anderen Lernenden stammen von den Firmenkunden und können von interessierten Jugendlichen auf yousty.ch angesprochen werden.

Webcrawler sucht Lehrstellen

Den weitaus grössten Teil der Lehrstellen bezieht Yousty automatisiert aus dem Web, vor allem von berufsberatung.ch. Daher gibt es Firmen, welche zu ihrem Erstaunen Lehrstellenbewerbungen mit Bezugnahme auf Yousty bekommen, obwohl sie dort nie inseriert hatten. Neu dazugekommen ist kürzlich die Möglichkeit für registrierte Jugendliche, ein Online-Dossier zu erstellen und die verschiedenen Bewerbungen zu verwalten. Bei den SwissSkills 2014 schliesslich hat sich Yousty einen prestigeträchtigen Auftrag geholt: Sie durfte das Vorbereitungstool für Schulklassen beisteuern. Anhand der Angabe von sieben Vorlieben gibt ein sogenannter Berufsinteressencheck an, welche drei der neun Berufsfelder nach Egloff zu einem passen könnten. Aufgrund der geringen Anzahl Fragen und der Heterogenität der Egloff’schen Berufsfelder ist allerdings von einer geringen Aussagekraft dieses Tools auszugehen. Bleiben die öffentlichen kantonalen Lehrstellennachweise (LENA): Diese sind einerseits auf den kantonalen Websites, andererseits auf berufsberatung.ch aufgeschaltet. Geschätzte 950'000 Besucherinnen und Besucher waren 2013 auf den LENA-Seiten von berufsberatung.ch. Zum Stellenwert der verschiedenen Portale äussert sich der Berufs- und Laufbahnberater Martin Ziltener, Vizepräsident des Fachverbandes Profunda Suisse, so: «An erster Stelle steht sicher berufsberatung.ch respektive LENA. Die meisten Schulen kennen das am besten, und auch die Berufs- und Laufbahnberatenden portieren es, wenn sie die Klassen informieren. Die anderen Plattformen werden meist gar nicht erwähnt.» Die meisten Lehrpersonen seien skeptisch gegenüber Gateway/Multicheck und würden Yousty nur am Rande kennen. Auf berufsberatung.ch findet sich auch das Online-Tool myberufswahl.ch, welches abgestimmt auf sieben mögliche Schritte der Berufswahl Tipps, Checklisten und Links zur Verfügung stellt, unter anderem auch Interessenkompass. Dieser Test wurde nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt und zeigt die Ausprägung des Interesses in den neun Berufsfeldern nach Egloff. Die Seiten von berufsberatung.ch erfüllen sicherlich ihren Zweck des Nachweises der offenen Lehrstellen und bieten umfangreiche Informationen und Tools. Sie kommen aber verglichen mit Gateway und Yousty eher altbacken daher. Die Lancierung des Redesigns von berufsberatung.ch ist für Frühling 2015 geplant, wobei die Social-Media-Anbindung zeitlich nach hinten geschoben worden ist. Notabene genau der Teil, der wohl massgeblich zur Verbreitung von Yousty beigetragen hat.

Internet nur für die ersten Schritte geeignet

Ein Problem bei LENA ist gemäss Ziltener die Datenpflege: «Nur rund zwei Drittel der offenen Lehrstellen sind auf LENA abgebildet. Und wenn wir im Mai alle noch als offen gemeldeten Lehrstellen abtelefonieren, sehen wir, dass von diesen schon ein Drittel besetzt ist.» Betriebe, die gar nicht erst im LENA ausschreiben, haben gemäss Ziltener durchaus ihre Gründe: Beispielsweise seien es Einmannbetriebe, die nicht überschwemmt werden wollten, oder Firmen mit grosser Anziehungskraft, die sowieso genügend Bewerbungen erhielten: «Diese Firmen werden sich in den seltensten Fällen in ein anderes Portal hineinbegeben.» Eine kürzlich durchgeführte Befragung im Kanton Zug ergab, dass eine grosse Mehrheit der Lehrbetriebe den Lehrstellennachweis nützlich findet. Für Grossbetriebe hat LENA tendenziell einen höheren Stellenwert als für KMU. Ein Zimmermann formulierte es so: «Wir haben immer genügend Bewerbungen von Jungen, die uns kennen und sich zuerst für eine Schnupperwoche bewerben, bevor sie sich dann für eine Lehrstelle bewerben.» Per Mausklick zur Lehrstelle? Die Antwort lautet eher nein. Erste Schritte können heute durchaus online gemacht werden, sei es auf berufsberatung.ch, Gateway oder Yousty. Danach aber ist die Konfrontation mit der handfesten Realität gefragt. Ziltener stellt fest: «Diese Portale haben durchaus Anziehungskraft auf die Jugendlichen. Aber für eine nachhaltige Berufswahl braucht es anderes: Die Eindrücke vor Ort, beispielsweise an Infoveranstaltungen, bei Bekannten oder an Tagen der offenen Türen sind zielführender. Und am wichtigsten bei der Berufswahl sind realistische Berufswünsche. Daran arbeiten wir von der Berufsberatung zusammen mit den Schulen.»

Links und Literaturhinweise

www.profunda-suisse.ch
Nutzungsdaten von berufsberatung.ch
Redesign berufsberatung.ch
Vorbereitungstool SwissSkills 2014
Berufswahlanalyse und Schulbesuche von Gateway

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