Ausgabe 04 | 2014

BERUFSBILDUNG

Organisationen der Arbeitswelt

Ganz nah an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes

Berufsverbände spielen im schweizerischen Berufsbildungssystem eine zentrale Rolle. Als Vertreter der Unternehmen vermögen sie abzuschätzen, welche Ausbildungen den Bedürf­nissen ihrer Mitglieder am besten entsprechen. Das Beispiel des Arbeitgeberverbands der Uhrenindustrie zeigt, wie Berufsverbände funktionieren und wo sie der Schuh drückt.

Von Pierre-Yves Puippe, PANORAMA-Redaktor

Die OdA aus der Uhrenindustrie kennen die Ausbildungsanliegen der Unternehmen. (Bild: Fabian Stamm)

Die OdA aus der Uhrenindustrie kennen die Ausbildungsanliegen der Unternehmen. (Bild: Fabian Stamm)

Das Berufsbildungsgesetz von 2002 hält in Artikel 1 fest, dass die Berufsbildung eine gemeinsame Aufgabe von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt (OdA) ist. Eine Klammer ergänzt, was unter «Organisationen der Arbeitswelt» genau zu verstehen ist, nämlich Sozialpartner, Berufsverbände, andere zuständige Organisationen und andere Anbieter der Berufsbildung. Das Spektrum der unter der Bezeichnung OdA zusammengefassten Or­ganisationen ist also breit gefächert. Ein Blick auf die in der Schweiz aktiven Berufsverbände bestätigt dies: Kleine Berufsverbände, die die Interessen eines einzigen Berufs vertreten und sich für dessen Anerkennung auf nationaler Ebene einsetzen, sind ebenso anzutreffen wie Grossverbände, die den Anliegen gleich mehrerer Berufe Gehör verschaffen.

Ein offenes Ohr für die Anliegen der Unternehmen

Der Arbeitgeberverband der Schweizer Uhrenindustrie (Convention patronale de l’industrie horlogère suisse, CP) wurde 1938 gegründet und ist der einzige grosse Berufsverband mit Sitz in der französischen Schweiz. Da die meisten Unternehmen der Uhrenindustrie im Jurabogen zwischen Genf und Biel ansässig sind, war es für den Verband nichts als logisch, das Zentralsekretariat ebenfalls in der Westschweiz und damit in der Nähe seiner Mitglieder anzusiedeln. Die CP vertritt die Interessen der Arbeitgeber in der Uhrenindustrie und bietet Dienstleistungen in den Bereichen Arbeitgeberpolitik, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz an sowie Informationen und Imagepflege. Der Verband kümmert sich auch um die Berufsbildung und zeichnet mittlerweile für zehn Berufe verantwortlich. Um die Bedürfnisse der Unternehmen der Uhrenindustrie bestmöglich abzudecken, hat die CP mit dem Cadranografen (Zifferblattmacher) und dem Uhrenarbeiter Option Spiral zwei Berufe geschaffen, die nicht unter der Aufsicht des Staatssekretariats für Bildung und Forschung (SBFI) stehen. Mit den beiden brancheneigenen Berufen kann die Uhrenindustrie flexibler auf die Bedürfnisse der Uhrenunternehmen reagieren, lassen sich doch die Ausbildungen sehr rasch an die sich verändernden Anforderungen der Betriebe anpassen. Allerdings fallen auch höhere Kosten an, die je nach Region variieren können. Acht Angestellte kümmern sich im Generalsekretariat der CP um die Verbandsarbeit. Eine davon ist Séverine Favre, die für die Berufsbildung verantwortlich ist. Im Rahmen der Berufsentwicklung oder der Erarbeitung von Bildungsplänen arbeitet sie mit Personen zusammen, die in der Uhrenindustrie tätig sind und daher die Anforderungen der Berufe bestens kennen. Milizarbeit ist das aber nicht: Im Gegensatz zu vielen anderen Berufsverbänden ist die CP gross genug, um Mitarbeitende beschäftigen zu können, die sich Vollzeit um die Anliegen des Verbandes kümmern. Doch gerade in kleinen Berufsverbänden arbeiten die meisten Angestellten entweder Teilzeit, sind gleichzeitig für mehrere Verbände tätig oder sie kombinieren die Verbandstätigkeit zugunsten der Berufsbildung mit einer anderen Berufstätigkeit.

Zurück zur dualen Berufsbildung

Das breit gefächerte Wirtschaftsgefüge – bestehend aus Grossunternehmen, die innovativ bleiben müssen, ein breites Tä­tigkeitsspektrum abdecken und unter­schied­lichste Zukunftsvisionen und Bedürfnisse haben – stellt für die CP zweifelsohne eine Herausforderung dar. Doch die CP steht noch vor einer weitaus grösseren Herausforderung: Die meisten Berufe wurden während der Krise in der Uhrenindustrie in den 1970er-Jahren geschaffen. Damals galt es, auf die Bildungsbedürfnisse der krisengeschüttelten Uhrenunternehmen zu reagieren, die auf Spezialisten für mechanische Uhren angewiesen waren, aber nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügten, um diese selbst auszubilden. Folglich wurde die Ausbildung an Vollzeitschulen organisiert. Heute gilt es, den Weg zurück zur dualen Berufsbildung zu finden und die Unternehmen in die Pflicht zu nehmen, die jahrelang von vollschulisch ausgebildeten Mitarbeitenden profitieren konnten.

Partnerschaft zugunsten der Berufsbildung

Die Qualität der Beziehungen zwischen den Verbundpartnern ist sicher nicht in allen Berufsfeldern gleich gut. Séverine Favre findet jedoch, die Beziehungen zwischen der CP und dem Bund seien gut. Sie erachtet das SBFI bei der Erarbeitung von Verordnungen als guten Coach. Dass es zu Problemen zwischen den OdA und dem Bund kommen kann, liegt vor allem an einer gewissen Schwerfälligkeit, die einer grossen Organisation wie dem SBFI eigen ist. So fehlt es manchmal an der notwendigen Flexibilität, um auf die Bedürfnisse der Unternehmen eingehen zu können, die schnell auf konjunkturelle Veränderungen reagieren müssen. Séverine Favre nennt noch ein weiteres Problem: Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes hat sie die Revision aller zehn Berufe begleitet, die in den Zuständigkeitsbereich der CP fallen, und für jeden einzelnen Beruf stellte der Bund neue Dokumente zur Verfügung, und auch die Anforderungen waren für jeden Beruf anders. Ihrer Meinung nach würde mehr Beständigkeit den OdA die Arbeit erleichtern. Auch die Zusammenarbeit mit den Kantonen hat sich aus Sicht der OdA bewährt. Im Austausch mit diesen stellen die Berufsverbände vor allem zwei Probleme fest: Zum einen sind die Abläufe von Kanton zu Kanton unterschiedlich, was sowohl Unternehmen als auch Verbände oft vor bürokratische Hürden stellt. Zum anderen fehlt es den OdA oft an klaren Informationen, und Personalfluktuationen tragen das Ihre dazu bei, dass es den OdA manchmal schwerfällt, den richtigen Ansprechpartner für ihre Anliegen zu finden. Für die Berufsverbände besteht die Herausforderung darin, Ausbildungen zu erarbeiten, die möglichst gut auf die Bedürfnisse der Unternehmen zugeschnitten sind, und die Unternehmen immer wieder zu ermutigen, das für die Fortführung und Weiterentwicklung ihrer Tätigkeiten notwendige Personal auszubilden.

Links und Literaturhinweise

www.cpih.ch
Bonoli, L. (2012): La naissance de la formation professionnelle en Suisse: entre compétences techniques et éducation morale. In: Education permanente (Nr. 192). Arcueil.
Bundesblatt Nr. 46 (1928)

Kasten

Die Rolle der Verbände in den Anfangszeiten der dualen Berufsausbildung­

Von Mimita Zabana, Sachbearbeiterin im SDBB

Berufsverbände haben wesentlich zur Förderung des schweizerischen Berufsbildungssystems zwischen 1880 und 1930 beigetragen, in einer Zeit, welche durch grosse so­ziale und wirtschaftliche Veränderungen geprägt war und in der die Lehre in einer tiefen Krise steckte. Das Prinzip des freien Handels und der Industrie, welches 1803 eingeführt wurde, führte zur Abschaffung des Zunftwesens. Als Nebeneffekt verschwand damit auch die traditionelle Weitergabe von praktischen Fertigkeiten vom Meister an den Nachwuchs, ein Ausbildungssystem, das über die Jahrhunderte gewachsen war. Mit der industriellen Revolution ver­änderten Maschinen die Produktion in den Fabriken. Diese Entwicklung hatte u. a. Auswirkungen auf die Qualifikationsanforderungen der Arbeit­nehmenden. Wegen der neuen Arbeitsteilung sanken die Qualifikationsanforderungen, da die einzelnen Arbeitsschritte stark vereinfacht wurden. Die Konsequenzen wurden sowohl in den Unternehmen wie auch in der Gesellschaft schnell sichtbar: Die Qualität der Pro­duktion sank, und die Unternehmen waren neu dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Die Eltern schickten ihre Kinder vermehrt als Handlanger in die Fabriken statt ihnen eine Lehrstelle zu ermöglichen, da sie dort ohne besondere Vorkenntnisse leicht Geld verdienen konnten. Die Arbeitsbedingungen waren schwierig und es fehlte an gesetzlichen Bestimmungen zur Entwicklung der Berufsausbildung. Unter diesen Rahmenbedingungen ver­lor die Berufsbildung an Bedeutung. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden viele Verbände, sowohl für Arbeitnehmende wie auch für Arbeitgeber, zuerst auf regionaler, später auch auf nationaler Ebene. Insbesondere von 1880 bis 1930 nahmen sie eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des Berufsbildungssystems in der Schweiz wahr, denn gerade im betrieblichen Umfeld wurden die Mängel des herrschenden Systems am schnellsten sichtbar. Mit dem Ziel, die Qualität der Arbeit zu sichern und die Wirtschaft anzukurbeln, organisierten die Verbände berufs­bildende Kurse und unternahmen erste Schritte zur Steuerung der Berufsbildung. Demnach sollte das theoretische Grundwissen in Kursen vermittelt werden, welche das im Betrieb erworbene praktische Wissen ergänzten. Die Lehre wurde schlussendlich mit einer Prüfung abgeschlossen. Die Verbände spielten eine entscheidende Rolle in der Gestaltung der gesetzlichen Grundlagen, insbesondere bei der Erarbeitung des ersten Berufsbildungsgesetzes im Jahr 1930.

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