Ausgabe 04 | 2014

BERUFSBILDUNG

Zum Jahr der Berufsbildung

Kritische Anmerkungen zur Berufsbildung

Das Berufsbildungssystem hat sich in den letzten Jahren erfreulich gut entwickelt. Die Lehr­stellenknappheit ist Vergangenheit, die meisten Berufsreformen sind abgeschlossen, viele Neuerungen erfolgreich. Trotzdem ist die Berufsbildung nicht so gut, wie sie sein könnte.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

Die berufliche Bildung hat in den letzten Jahren an Renommee gewonnen. 2003 hatte die Studie über Kosten und Nutzen der Lehrlingsausbildung die Behauptung mit Fakten belegt, dass die Berufsbildung für die meisten Firmen ein gutes Geschäft ist – also ein funktionierendes System bildet. Fünf Jahre später schrieb der Ökonom Rudolf Strahm das Buch «Warum wir so reich sind»; die meisten Kapitel behandeln die Berufsbildung. Und 2009 notierte die OECD, dass die Schweiz «stolz auf ihr hochqualifiziertes Berufsbildungssystem» sein dürfe.

Zu hohe Erwartungen

Tatsächlich zeigt sich die offizielle Schweiz seither stolz auf die Berufsbildung, zu Recht, wie ich meine, und mit gutem Grund. Noch immer nämlich gilt das berufsbildende System in den Köpfen vieler Eltern und Lehrpersonen im Vergleich zum gymnasialen Weg als minderwertig – für schulschwächere Jugendliche vielleicht adäquat, aber nicht für begabte. So denken selbst Leute, die es besser wissen sollten. Die Berufsbildung verliere an Attraktivität, schrieb kürzlich George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie. Nur noch 60 Prozent wählten sie, 1985 seien es 75 gewesen; zudem liege die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventen um 2,5 Prozentpunkte unter jener von Lehrabgängern. Richtig ist: 2011 erwarben nach Schätzungen des Bundesamtes für Statistik (BFS) 71 Prozent der Jugendlichen einen berufsbildenden, 24 einen allgemeinbildenden Sek-II-Abschluss; 1995 lagen die Werte auf 62 respektive 22 Prozent. Auch Sheldons Vergleich der Berufslehre mit dem doppelt so langen gymnasial-universitären Weg ist ungenau. Fairer wäre ein Ranking von Fachhochschulen und Universitäten, das ausgeglichen endet. In einem aber hat Sheldon recht: Die Fanfaren zum Jahr der Berufsbildung sind etwas zu laut. Die Berufsbildung gilt, einer Wundermaschine gleich, als Quelle von technischen Innovationen und als Sozialisierungshort, als Exportschlager und Garant gegen Jugendarbeitslosigkeit. An solchen Zuschreibungen ist einiges wahr, anderes aber nicht. So ist die Jugendarbeitslosigkeit vor allem darum tief, weil die Schweizer Volkswirtschaft einen fast unstillbaren Hunger nach Arbeitskräften hat. Bei der «relativen Jugendarbeitslosigkeit» lag die Schweiz 2013 nur noch knapp unter dem Durchschnitt der OECD, aber deutlich über Deutschland. Selbstkritische Töne sind selten geworden, das findet auch Josiane Aubert. Die ehemalige Nationalrätin und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) beobachtet eine «nationale Idealisierung der Berufsbildung». Es stimmt: Die Berufsbildung ist sehr leistungsfähig. Sie basiert auf einer weitgehend funktionierenden Verbundpartnerschaft, integriert schulschwache wie begabte Jugendliche und verfügt mit der höheren Berufsbildung über ein nachgefragtes Weiterbildungssystem. Aber ganz so gut, wie sie in diesem Jahr der Berufsbildung dargestellt wird, ist sie nicht.

Lehrvertragsauflösungen – und dahinter ein Qualitätsproblem

Rund jeder vierte Berufslernende bricht seine Ausbildung vorzeitig ab – im günstigsten Fall aufgrund einer Lehrvertragsumwandlung, im ungünstigsten ohne formale Anschlusslösung. Lehrvertragsauflösungen sind der Hauptgrund, warum jeder zehnte Erwachsene keinen nachobligatorischen Abschluss erreicht, denn nur zwei Prozent steigen nie in eine Sek.-II-Ausbildung ein. Vor acht Jahren machten die Bildungsforscherinnen Barbara Stalder (Universität Neuchâtel) und Evi Schmid (Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung) auf das Phänomen aufmerksam, aber die Quote ist bis heute hoch und die Forschung mager. Das BFS zählte für 2012 eine Auflösungsquote von 28 Prozent, im Gastgewerbe liegt sie bei 48, im Gartenbau bei 31. Das sind alarmierende Werte, aber sie werden zu wenig beachtet. In seinem Bericht über Massnahmen zur Förderung der beruflichen Integration Jugendlicher ging der Bundesrat auf das Thema Lehrabbruch nicht einmal ein. Klar: Lehrvertragsauflösungen können sinnvoll sein, und Betriebe, die auch gefährdeten Jugendlichen eine Chance geben und damit (entgegen der ökonomischen Logik) erhöhte Risiken auf sich nehmen, sind aller Ehren wert. Trotzdem weist die hohe Zahl der Lehrvertragsauflösungen auf Probleme am Lernort Betrieb hin, denn Lehrfirmen mit einer hohen Ausbildungsqualität weisen keine oder nur wenige Auflösungen auf. Das zeigte vor wenigen Monaten die Studie «Stabil» und wird in einer Untersuchung im Auftrag des Baumeisterverbandes und des Fachverbandes Infra bestätigt. Eine Ursache für die teilweise mangelhafte Ausbildungsqualität ist die magere Ausbildung vieler Bildungsverantwortlicher. Während Lehrpersonen an Berufsfachschulen und Instruktorinnen von überbetrieblichen Kursen gründliche berufspädagogische Bildungen durchlaufen, können sich die Lehrmeister mit einem 40-stündigen Kurs begnügen, der zumeist nicht einmal auf die Verhältnisse im Beruf zugeschnitten ist. Noch schlimmer: In vielen Fällen bilden «vorgesetzte Fachpersonen» die Lernenden aus, die dafür überhaupt keine Ausbildung benötigen, obwohl so anspruchsvolle Dinge wie das Fördern und Einschätzen von überfachlichen Kompetenzen zu ihren Aufgaben gehören. Aber dieses Feld ist ohnehin mager bestellt. Vor einigen Monaten kam ein Team um den emeritierten Professor Christoph Metzger (Institut für Wirtschaftspädagogik, St. Gallen) zum Schluss, dass die Förderung der Lernkompetenzen am betrieblichen Lernort in vielen Fällen ungenügend sei. Modelle dafür existierten keine. Auch Weiterbildungsangebote für Lehrmeister fehlen weitgehend, wie die heutige Assessmentleiterin Sabine Schüpach Blunier zeigte, obwohl drei von vier Berufsbildenden an einer Vertiefung ihrer berufspädagogischen Kenntnisse interessiert wären. Erst jetzt beginnen einzelne gut aufgestellte Verbände, die Lücke zu schliessen. So bilden 100 berufspädagogische Lernstunden (gemäss RLP Berufsbildungs­verantwortliche) neu Teil der Ausbildungs­module zu den eidgenössischen Fachausweisen des Verbandes Schreinermeister und Möbelfabrikanten.

Mehr als eine Fachkräfteschmiede

Den Bodensatz dieser Mängel bildet die Umdeutung der Berufslehre zur Nachwuchsschmiede; dabei ist sie auch Teil eines pädagogischen Systems, dessen Erträge nicht sofort anfallen müssen. So können aus Zeitgründen immer weniger Jugendliche die Berufsmaturität während und nicht nach der Lehre absolvieren: 67 Prozent waren es 2003, 54 Prozent zehn Jahre später. Auch die Ausstattung der Allgemeinbildung ist mit drei Lektionen pro Woche viel zu mager. Fremdsprachen beispielsweise haben keinen Platz, nur in 37 von 180 Grundbildungen bilden sie Teil des Berufskundeunterrichts. Man kann sich sogar fragen, ob nicht auch die strikte Handlungskompetenzorientierung selbst der ABU-Bildungspläne Teil dieser einseitigen Sichtweise ist, die Wissen zu «Können»-Formeln verkürzt. Wie auch immer: Die Bereitschaft der jungen Leute zum lebenslangen Lernen wird so nicht gefördert. Nur rund 10 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung geben als höchsten Bildungsabschluss eine höhere Berufsbildung an; die Quote hat sich in den letzten Jahren nur wenig verbessert. Das ist, auch zusammen mit den Hochschulabschlüssen (31% bei den 25- bis 34-Jährigen), in einem immer dynamischer werdenden, globalisierten Wirtschaftssystem wie dem schweizerischen zu wenig. Ueli Büchi beispielsweise, Leiter Berufsbildungspolitik beim Baumeisterverband, spricht von 50 Prozent Höherqualifizierten, die seine Branche benötige. Probleme stellen sich aber auch im unteren Leistungsniveau. Jede sechste erwachsene Person kann so schlecht lesen, dass im persönlichen und gesellschaftlichen Leben Nachteile zu befürchten sind. Auch das wäre eine Aufgabe der Berufsbildung, aber auch dafür ist die Zeit zu knapp. Eine systematische Früherfassung schwächerer Lernender fehle weitgehend, sagt der Didaktiker Res Grassi. Es fühle sich dafür niemand zuständig, denn eine Lernortkoordination existiere zwar, aber keine Lernortkooperation. Deutsche Bildungsökonomen wiesen 2011 nach, dass die Beschäftigungswahrscheinlichkeit von Personen mit einer beruflichen Grundbildung gegenüber Personen mit einer allgemeinen Bildung im Alter drastisch schwinde. Sie fordern eine Stärkung der allgemeinbildenden Anteile an den Ausbildungsinhalten der Berufsbildung und eine breitere Ausrichtung der Ausbildungsprofile. Auch hier ist in der Schweiz noch Luft nach oben. Es werden nach wie vor zu viele Lernende in den klassischen gewerblich-industriellen Berufen ausgebildet, wie AvenirSuisse 2010 zeigte, während die duale Berufsbildung in etlichen neuen Tätigkeitsfeldern des Tertiärsektors nur eine marginale Rolle spielt. Folge: Über 50 Prozent aller EFZ-Inhaberinnen und -Inhaber arbeiten fünf Jahre nach dem Lehrabschluss nicht mehr in der «Berufsart», die sie erlernt haben.

Links und Literaturhinweise

Sheldon, G. (2014): Das «Jahr der Berufsbildung» – nötig ist ein Spektrum von Bildungsgängen. In: Basler Zeitung.
BFS (2014): Die berufliche Situation von Absolventinnen und Absolventen Schweizer Hochschulen im Jahr 2013. Medienmitteilung. Neuenburg.
Schellenbauer, P. et al. (2010): Die Zukunft der Lehre. Die Berufsbildung in einer neuen Wirklichkeit. Zürich, Avenir Suisse.
Scharenberg, K., Rudin, M., Müller, B., Meyer, Th., Hupka-Brunner, S. (2014): Ausbildungsverläufe von der obligatorischen Schule ins junge Erwachsenenalter: Die ersten zehn Jahre. Ergebnisübersicht der Schweizer Längsschnittstudie TREE, Teil I. Universität Basel.
Schmid, E. (2013): Berufliche Integration junger Erwachsener: Ziel noch nicht erreicht. In: Maurer, M. & Gonon, Ph., Herausforderungen für die Berufsbildung in der Schweiz. Bern, hep verlag.
Schumann, S., Gurtner, J.-L., Forsblom, L., Negrini, L. (2014): Gute Ausbildungskultur verhindert Lehrvertragsauflösungen. In: SDBB (Hrsg.), PANORAMA (Nr. 3). Bern.
Hasler, P. (2014): Lehrvertragsauflösungen im Bauhauptgewerbe. Zürich, Schweizerischer Baumeisterverband/Fachverband Infra.
Metzger, Ch., Gebhardt, A., Martínez Zaugg, Y. (2014): Förderung von Lernkompetenzen im betrieblichen Teil der Berufsausbildung. Universität St-Gallen.
Schüpbach Blunier, S. (2012): Lust auf mehr... Weiterbildungsbedürfnisse von Berufsbildenden in Betrieben; wissenschaftlicher Aufsatz als Kompetenznachweis im Vertiefungsmodul Wissenschaftliches Arbeiten (VMW). Studiengang Upgrade zum MAS A&PE.
BFS: Detaillierte Ergebnisse der SAKE
Hanushek, E. A., Woessmann, L., Zhang, L. (2011): General education, vocational education, and labor-market outcomes over the life-cycle. In: NBER Working Paper (Nr. 17504). Cambridge (MA), National Bureau of Economic Research.
Meier, U., Fleischmann, D. (2008): Wenn der Käser als Einkäufer zu arbeiten beginnt. In: SDBB (Hrsg.), PANORAMA (Nr. 1). Bern.
Maihofer, A., Schwiter, K., Wehner, N. (2012): Subtile Mechanismen beeinflussen die Berufswahl. In: SDBB (Hrsg.), PANORAMA (Nr. 5). Bern.
Neuenschwander, M. P., Nägele, Ch. (2014): Valorisierungsbericht Forschungsprojekt. Sozialisationsprozesse beim Eintritt in die Berufslehre (SoLe). Solothurn, Pädagogische Hochschule FHNW.
Hirschi, A. (2009): Eine typologische Analyse des Schweizerischen Lehrstellenmarktes: Strukturelle Benachteiligung von jungen Frauen. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften (Nr. 31 [2]). Academic Press Fribourg.

Kasten

Zu wenige Lehrberufe für Frauen

In der Schweiz ist die berufliche Ge­schlechtersegregation sehr viel stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Das hartnäckige Problem hat mehrere Ursachen. Erstens müssen sich junge Menschen schon sehr früh mit der Berufswahl auseinandersetzen – «je nach Geburtstag unterschreiben bereits 13-jährige Schülerinnen und Schüler Lehrverträge», beklagte kürzlich Kurt Jaggi vom Industrieverband Solothurn und Umgebung. Das ist darum problematisch, weil die Berufswahl kein rationaler Entscheidungsprozess ist, sondern ein Sozialisationsprozess, in dem Rollenzuschreibungen bedeutend sind, wie Markus Neuenschwander (Professor für Pädagogische Psychologie an der PH FHNW) kürzlich herausar­beitete. Bei einer späteren Berufsentscheidung, mit gefestigter Persönlichkeit, sind Jugendliche eher bereit, einen untypischen Weg einzuschlagen. Zweitens benachteiligt das Angebot an beruflichen Grundbildungen die Frauen strukturell. Berufe und Lehrstellen in typisch weiblichen Interessenbereichen sind deutlich weniger zahlreich als in typisch männlichen. Zudem stellen die typischerweise eher von Frauen gewählten beruflichen Grundbildungen im Allgemeinen höhere schulische Anforderungen als die männertypischen. Eine Änderung daran ist nicht in Sicht – Spielformen im dualen Bildungssystem, die die gewerblich-industrielle Prägung der Berufsbildung korrigieren könnten, fehlen.

Kommentare
 
 
 
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Jürg Mötteli | 16. Okt 2014, 16:38

Der Kommentar von Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor ist zwar als kritische Anmerkung überschrieben, trotzdem gelingt es dem Vorwortverfasser zuwenig, den bekannten Stimmen über die Berufsbildung ein deutlicheres Bild zu geben. Im Jahr der BB sind Überhöhungen im Bild nötig, werden postwendend auch durch andere Erfahrungen korrigiert. Hinweis zu 2 wesentlichen Fehlern:
1. Berufsvergleiche mit der ständigen Wohnbev. sind bezüglich Bildungsystematik unverständlich. (Die Überalterung ist bekannt, die Bildungsmöglichkeiten kaum vergleichbar und der 80 jährige sagt immer noch, ich bin Zimmermann, auch wenn er z.B. 20 MA als führte. 2. Die Einbindung der Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren in die Arbeitswelt ist für die pers. Entwicklung zentraler als die Frage der richtigen Berufswahl. Dazu gehört, dass meist staatliche Berufe (Polizei, Sicherheit) auf der berufl. Grundbildung aufbauen, da sind statistische Werte über die Verbleibdauer in einem Beruf eher als statistischer "Restposten" zu betrachten.
Fazit:
Der Kommentator hat Recht in Bezug auf Kritik und Verbesserungspotential, es gelingt aber nicht genug, das fehlende Inovationsvermögen der BB aufzuzeigen. Auf diese Schlüsselerfolge warten viele an der BB Interessierte.

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