Ausgabe 04 | 2014

Fokus "Die Zukunft der Arbeit"

Arbeitsmarktszenarien

Neue Technologien verdrängen die menschliche Intelligenz

Die Arbeit der Zukunft wird von neuen Technologien geprägt sein. Wie verändert die digitale Entwicklung unsere Arbeitswelt und die Lage auf dem Arbeitsmarkt? Wird nicht nur die Arbeits­kraft, sondern auch die kognitive Fähigkeit des Menschen durch Computer und Roboter ersetzt? Einsichten aus der Forschung.

Von Grégoire Praz, PANORAMA-Redaktor

Intelligente, selbstlernende Maschinen be­drohen in den USA fast die Hälfte aller Jobs. (Bild: Fotolia/Brux)

Intelligente, selbstlernende Maschinen be­drohen in den USA fast die Hälfte aller Jobs. (Bild: Fotolia/Brux)

Computer sind heute nicht mehr aus der Arbeitswelt wegzudenken. In Zukunft könnten sie aber nicht mehr nur als Hilfsmittel dienen, sondern menschliche Arbeitskräfte gänzlich ersetzen und gewisse Berufe zum Verschwinden bringen. Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford haben in ihrer 2013 veröffentlichten Studie «The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?» die gefährdeten Arbeitsbereiche eruiert. Sie haben 702 Tätigkeiten darauf untersucht, wie wahrscheinlich sie künftig von intelligenten Maschinen statt von menschlichen Arbeitskräften übernommen werden können. Dabei berücksichtigten sie die jüngsten Entwicklungen im Bereich der lernenden Maschinen und mobilen Roboter (einige davon in Form von Software). Die beiden Forscher schätzen, dass 47% der US-amerikanischen Arbeitskräfte in einem Bereich mit einem hohen Arbeitslosigkeitsrisiko tätig sind. Fast die Hälfte der amerikanischen Erwerbstätigen könnten ihrer Meinung nach in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren durch Roboter oder intelligente Maschinen ersetzt werden! Generell sind laut den beiden Forschern Routinetätigkeiten, die einem genauen Ablauf folgen, am stärksten gefährdet. Die gefährdeten Arbeitsplätze sind somit insbesondere in der Transport- und Logistikbranche sowie in der Industrie zu finden. Aber auch Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich (z. B. Büro-, Callcenter- und Bibliotheksmitarbeiter) könnten künftig durch Roboter ersetzt werden. Das grösste Risiko, ihre Stelle an eine Maschine zu verlieren, haben Telefonistinnen. Selbst Taxifahrer könnten durch führerlose Autos ersetzt werden. Volvo hat die ersten Versuche für 2017 angekündigt, und die «Driverless Cars» von Google haben schon über eine Million Kilometer Testfahrten absolviert. Der Online-Buchhändler Amazon hat seine Lager mit Hunderten Robotern bestückt. Sie rüsten die Bestellungen automatisch, indem sie sich autonom fortbewegen und die gewünschten Produkte aus den vielen Gängen und Gestellen des Zentrallagers holen. Auch immer mehr Apotheken setzen Roboter ein, die aus Tausenden von Schubladen das gewünschte Medikament heraussuchen. Die automatisierte Warenbewirtschaftung bringt viele Vorteile: optimierte Raumnutzung, Überwachung und Bewirtschaftung der Lagerbestände sowie weniger fehlerhafte Bestellungen. Eine weitere bedrohte Gruppe sind die Trader, denn ein Roboter kann eine Finanztransaktion viel schneller ausführen als ein Mensch. Einige Finanzunternehmen haben erkannt, dass sie so noch mehr Geld verdienen können. Nach Angaben der FINMA wurden in der Schweiz 2010 bereits 40% aller Transaktionen von Maschinen ausgeführt. Die «International Federation of Robotics» schätzt, dass bis 2016 weltweit 1'659'500 Industrieroboter im Einsatz sein werden und der Markt für Dienstleistungsroboter auf 22,7 Milliarden US-Dollar anwachsen dürfte.

Das zweite Maschinenzeitalter

Das Problem, dass Maschinen die menschliche Arbeit überflüssig machen, stellt sich nicht zum ersten Mal in der Geschichte. Die industrielle Revolution und später der Einsatz erster Roboter in der Automobilindustrie hatten denselben Effekt. Für Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee ist die heutige Situation deshalb ein «zweites Maschinenzeitalter». Die beiden Professoren für «Digital Business» am Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben die Auswirkungen von Maschinen auf Wirtschaft und Arbeit erforscht: Das erste Maschinenzeitalter begann mit der industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts. Damals ersetzten Maschinen die menschliche Muskelkraft. Doch es brauchte weiterhin Menschen, um die Maschinen zu steuern. Das heutige, zweite Maschinenzeitalter ist anders: Immer mehr kognitive Aufgaben werden automatisiert und an Steuerungssysteme delegiert. Es geht nicht mehr darum, dass Mensch und Maschine sich ergänzen, sondern darum, den Menschen zu ersetzen. Die zwei Professoren haben beobachtet, dass immer weniger Menschen arbeiten, die Produktivität und die Gewinne aber massiv zunehmen. Die Unternehmen bekommen die Auswirkungen des elektronischen Wandels zu spüren und müssen sich anpassen, wenn sie überleben wollen. Zu diesem Anpassungsprozess gehört auch, dass wir unser Verhältnis zur Arbeit überdenken. Für Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee müssen die Kosten der menschlichen Arbeit gesenkt werden, damit sie verglichen mit der Arbeit von Computern günstiger wird. Auch im Bildungswesen müsse ein Umdenken stattfinden. Wir sollen künftig nicht mehr gegen die Maschine im Wettbewerb stehen, sondern mit ihr arbeiten. Die Gründung von Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen, muss gefördert und die Idee, allen ein Grundeinkommen zu garantieren, ernsthaft in Betracht gezogen werden. Der Ökonom Jeremy Rifkin sieht die Zukunft in seinem Buch «Die dritte industrielle Revolution» viel optimistischer. Seiner Meinung nach treten wir in ein Zeitalter der Zusammenarbeit ein, das die Unternehmen verändern und neue Arbeitsplätze schaffen wird: «Der Ausbau der Infrastruktur für dieses Zeitalter wird in den nächsten vierzig Jahren Hunderttausende neuer Geschäfte und Hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen. Es beginnt eine neue Ära der Zusammenarbeit, sozialer Netzwerke und kleiner, hoch spezialisierter und hoch technisierter Firmen.» Die britischen Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne empfehlen allen berufstätigen Personen, ihre Sozialkompetenzen und ihre Kreativität weiterzuentwickeln, um den Anschluss nicht zu verlieren. Sie kommen zum Schluss, dass die Technologie gering qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Rennen wirft, wenn diese nicht Aufgaben übernehmen können, die ein Computer nicht erledigen kann. Dazu gehören etwa Tätigkeiten, die kreative oder soziale Intelligenz erfordern.

Links und Literaturhinweise

Frey, C. B., Osborne, M. A. (2013): The future of employment: how susceptible are jobs to computerisation. Oxford Martin School.
Brynjolfsson, E., McAfee, A. (2014): The second machine age: work, progress, and prosperity in a time of brilliant technologies. New York, W. W. Norton & Company.
Rifkin, J. (2011): The third industrial revolution; how lateral power is transforming energy, the economy, and the world. Basingstoke, Palgrave Macmillan.
Attali, J. (2007): L’avenir du travail. Paris, Fayard.
APEC (2013): Les métiers en émergence. Paris.

Kasten

Ungewisse Berufsbilder fordern das Ausbildungssystem

Von Grégoire Evéquoz, Leiter des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung im Kanton Genf

Nach Schätzungen des US-Arbeitsmi­ni­s­teriums werden 65% der heutigen Schüler/innen nach ihrem Abschluss Berufe ausüben, die es heute noch gar nicht gibt! Und der französische Ökonom und Autor Jacques Attali zeigt uns, wie schnell Kompetenzen heute veralten: Er prognostiziert, dass 80% der Kompetenzen, die gegenwärtig in vielen Berufen gefragt sind, schon in zehn Jahren nutzlos sein werden. Welche Kompetenzen morgen oder übermorgen im Einzelnen gefragt sind, weiss man heute aber noch nicht. Diese Ungewissheit wirft für das Bildungssystem mehrere zentrale Fragen auf. Wie sehen die Berufsbilder der Zukunft aus und wie lässt sich ihre Entwicklung antizipieren? Wie kann das Bildungssystem Jugendliche am besten auf Tätigkeiten vorbereiten, die man heute noch nicht genau beschreiben kann? Das berufliche Netzwerk LinkedIn hat in den letzten fünf Jahren zehn neue Berufe erfasst, die im Arbeitsmarkt eine immer grössere Rolle spielen und Hinweise auf die künftige Entwicklung gewisser Berufsbilder geben. Neue berufliche Profile entstehen zum Beispiel in den Bereichen Social Media, Datenarchi­-tektur oder Android-Entwicklung für Smartphones und Tablets. Auch die französische Kadervermittlung APEC (Association pour l’emploi des cadres) hat eine Zusammenstellung von 60 neuen Berufen veröffentlicht. Diese gliedern sich in drei grosse Tätig­keits­- bereiche: Reduktion von ökonomischen, ökologischen und sozialen Risiken (Umweltplanerinnen, Spezialisten für Risikomanagement, Beraterinnen für psychosoziale Risiken usw.); Verbesserung der Rentabilität und des Kostenmanagements (Verantwortliche für Per­sonal- oder Datenmanagement, Energieberater ); Image- und Krisenmanagement sowie Kundenkommunikation über soziale Medien (Web-Spezia­listen, Verantwortliche für Online-Kommuni­kation). In den neuen Berufsbildern spiegeln sich die grossen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Trends wider, wie etwa der technologische Wandel, der globalisierte Wett-bewerb und die Konzentration auf Wohlbefinden, Konsum und Umweltschutz. Damit das Bildungssystem diesen Veränderungen gerecht werden kann, bleibt eine starke Verknüpfung von Wirtschaft und Bildungsinstitutionen (Berufsbildungszentren, Hochschulen) unabdingbar. Neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedürfnisse müssen innert nützlicher Frist und in angemessener Form in die Lehr- und Bildungspläne integriert werden können. Um Jugendliche auf künftige Entwicklungen und die Berufsbilder von morgen vorzubereiten, muss das Bildungssystem natürlich weiterhin die für den jeweiligen Beruf gegenwärtig nötigen und anwendbaren Kompetenzen vermitteln. Es muss aber auch der Tatsache Rechnung tragen, dass ein Teil der heute erworbenen Kompetenzen in Zukunft angepasst werden muss. Gleichzeitig werden Schlüsselkompe­tenzen wie Anpassungsfähigkeit, vernetztes Arbeiten, Innovationsvermögen und lebenslanges Lernen immer entscheidender. Sie bilden heute schon die Grundlage für gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In einem Umfeld, in dem Unternehmen auf stete Innovation, Anpassung und Integration neuer Technologien angewiesen sind, werden sie künftig eine noch viel wichtigere Rolle spielen.

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