Ausgabe 04 | 2014

Fokus "Die Zukunft der Arbeit"

Flexible Arbeitsformen

Wertvolle Kontakte im «Coworking Space»

Ein Arbeitsplatz in der Bürogemeinschaft ermöglicht die Zusammenarbeit mit anderen Berufsleuten oder den Austausch von Kundendaten. Diese Art der Arbeitsorganisation wird vor allem bei selbstständig Erwerbenden immer beliebter.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

In den Coworking-Büros von «La Muse» in Genf. (Bild: la Muse)

In den Coworking-Büros von «La Muse» in Genf. (Bild: la Muse)

Kürzlich ist Julien Roland mit seinem Unternehmen in den Coworking Space «La Muse» in Lausanne gezogen. Der Fachmann für Software-Ergonomie hat an drei Tagen pro Woche einen Arbeitsplatz in dieser Bürogemeinschaft gemietet, die Platz für zwölf Personen bietet. Die übrigen Wochentage ist er unterwegs bei Kunden oder arbeitet zu Hause. Sein Unternehmen «Cairnz» hat sich auf die Optimierung von Websites spezialisiert und sorgt für attraktive und benutzerfreundliche Internetauftritte. In der Bürogemeinschaft hat er eine Fachfrau für Webdesign kennengelernt. Gemeinsam haben sich die beiden auf eine Ausschreibung beworben und prompt den Zuschlag erhalten. Alleine hätten sie mit der Konkurrenz schlicht nicht mithalten können. «Hinter dem Coworking steht die Idee der Zusammenarbeit zwischen Personen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund», erklärt Geneviève Morand, Gründerin von «La Muse», die Coworking Spaces in Genf und Lausanne bewirtschaftet. «Wir möchten Partnerschaften fördern und zum Austausch von Tipps und Dienstleistungen anregen. Der Kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher Profile lässt neue Ideen entstehen und erleichtert den Zugang zu einem grösseren Kundenkreis.» Diese Art Bürogemeinschaften, die ihren Ursprung in den USA haben, ist in letzter Zeit auch in Europa wie Pilze aus dem Boden geschossen. In der Schweiz gibt es mittlerweile etwa zehn Coworking Spaces. In «La Muse» arbeiten die Berufsleute alleine oder in kleinen Teams. Die meisten sind im Dienstleistungssektor tätig und arbeiten in Bereichen wie Marketing, Handel, Informatik, Kommunikation, Übersetzungen oder Fotografie. Auch ein Zimmermann und ein Restaurator haben hier Quartier bezogen. Die Mieter der Bürogemeinschaft helfen sich gegenseitig. So hat Julien Roland etwa einen Unternehmer bei der Fertigstellung seiner Internetplattform unterstützt. Für grössere Arbeiten wie das Übersetzen von Texten oder Fotoreportagen erteilen sich die Coworker gegenseitig Aufträge. Die Räumlichkeiten von «La Muse» können flexibel genutzt werden. Einige Coworker tauchen nur zweimal im Monat auf, andere haben einen festen Arbeitsplatz gemietet, wo sie ihr Material verstauen können, andere wiederum ein geschlossenes Büro für ein kleines Team. Die Räumlichkeiten sind mit WLAN, Drucker, Sitzungszimmer und Küche ausgestattet. Die Arbeit in Gemeinschaftsräumen hat aber nicht nur Vorteile: Wer konzentriert arbeiten muss, kann sich vom Lärm oder vom ständigen Kommen und Gehen gestört fühlen. Die Coworker sitzen regelmässig zusammen und versuchen, gemeinsame Projekte auf die Beine zu stellen. «Wir alle haben unterschiedliche Pläne, deshalb ist es nicht immer einfach, eine Einigung zu erzielen», erklärt Julien Roland. «Aber wir können alle voneinander lernen. Unsere Beziehungen basieren auf gegenseitigem Zuhören und einer horizontalen Hierarchie ohne Vorgesetzte.» Die Mikrounternehmer im Coworking Space bleiben also unabhängig und arbeiten projektbezogen, profitieren jedoch vom Nährboden, auf dem zukunftsweisende Ideen und Konzepte spriessen.

Links und Literaturhinweise

www.la-muse.ch
Arfor (Hrsg., 2014): Le coworking. In: agora (Nr. 4, S. 6-10). Neuenburg.
KMU Portal: «Die Vorteile von Coworking»

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