Ausgabe 04 | 2014

Fokus "Die Zukunft der Arbeit"

Arbeitsbedingungen

Die vielen Gesichter der Flexibilisierung

Flexible Beschäftigungsformen werden weiter zunehmen, angetrieben durch technologische Innovation, Globalisierung und sektoralen Wandel. Die finanziellen und gesundheitlichen Risiken verlagern sich dabei tendenziell zu den Arbeitnehmenden, ausser in Bereichen, wo begehrte Fachkräfte attraktive Bedingungen aushandeln können.

Von Stefan Krucker, PANORAMA-Redaktor

Diversität auf dem Arbeitsmarkt: Ausmass und Formen von flexibler Beschäftigung unterscheiden sich erheblich, je nach Branche, Beruf und Qualifikationen. (Bild: Fotolia/Goodluz)

Diversität auf dem Arbeitsmarkt: Ausmass und Formen von flexibler Beschäftigung unterscheiden sich erheblich, je nach Branche, Beruf und Qualifikationen. (Bild: Fotolia/Goodluz)

Das deutsche Blatt «Die Zeit» berichtete kürzlich über zwei ganz unterschiedliche berufstätige Personen: Aysche Schlipf, 29, Versuchsingenieurin für 2-D-Lasermaschinen, Mutter. Sie arbeitet zu 80% für ein Hochtechnologie-Unternehmen, wo sie weit­gehende Freiheiten geniesst: Beispielsweise darf sie alle zwei Jahre entscheiden, wie viel sie arbeiten möchte. Damit kann sie ihren Job der jeweiligen Lebenssituation anpassen. Und an zwei Tagen in der Woche geht sie früher nach Hause. Schlipf ist eine Vertreterin der «Generation Y»: Die zwischen 1980 und 1998 Geborenen wollen arbeiten, aber nicht nur. Familie und Freunde sind ihnen ebenso wichtig. In der Arbeit geht es ihnen weniger um Prestige und Positionen denn um die Freude an der Arbeit und ein gutes Miteinander. Und sie fordern Arbeitgeber, die all dies ermöglichen.

Entgrenzung der Arbeit

Von solchen Bedingungen kann Andy Fischer nur träumen. Fischer ist 28, gelernter Maler und nun Fahrer bei einem Paketzusteller. Seine Arbeitstage dauern 12 bis 15 Stunden, ohne nennenswerte Pausen. Der Monatslohn beträgt um die 1300 Euro brutto. Diese unwürdigen Zustände haben dank der verdeckten Recherchen von Günter Wallraff den Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Ausserdem: Der Paketauslieferer stellt die Fahrer nicht selber ein, sondern schliesst Verträge mit Subunternehmern, die wiederum die Fahrer anstellen. Damit kann die Firma sämtliche Risiken auslagern. Die Subunternehmer erhalten einen bestimmten Preis pro Paket. Sie sind vollständig abhängig von der Paketausliefer-Firma und kaum besser dran als die Fahrer selbst. Die Folgen: Krankheit, vorzeitige Alterung, Privatkonkurs, zerbrochene Ehen, Vereinsamung. Das zu beiden Fällen passende Etikett lautet: «Entgrenzung der Arbeit». Der Bericht «Flexible Arbeitswelten» des deutschen Forschungsinstitutes zur Zukunft der Arbeit (IZA) hält unter diesem Stichwort fest, dass seit den 2000er-Jahren flexiblere, teilweise auch ungewöhnliche Arbeitszeiten und flexiblere Formen der Arbeitsorganisation zu beobachten seien. Es gebe immer mehr sogenannte atypische Arbeitsverhältnisse: Teilzeit, Befristungen, flexible Einsatzzeiten usw. Und auch für die Zukunft kann gemäss dem IZA eine weitere Flexibilisierung der Arbeitswelt erwartet werden. Gleichzeitig sei aber auch eine erstaunliche Stabilität bei den Normalarbeitsverhältnissen mit unbefristeter Vollzeitarbeit zu beobachten. Auch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart sieht bei den Unternehmens- und Erwerbsformen grosse Bewegung und Veränderung. Die Volatilität von globalen Angebots- und Nachfragemärkten führe zu hohen Flexibilitätsanforderungen an Unternehmen und ihre Belegschaften, heisst es in der Publikation «Arbeit der Zukunft». Technologische Innovationen machten uns unabhängiger von festen Arbeitsorten, Arbeitszeiten und Arbeitsaufgaben. Spürbar seien aber zunehmend auch die «Grenzen der Entgrenzung». Viele Untersuchungen würden zeigen: Die Menschen sind gestresst davon, immer erreichbar zu sein. Sie können sich dem Druck der schnellen Medien nicht entziehen, schalten (buchstäblich) nicht mehr ab. Neben gesundheitlichen Bedenken sieht das IAO die Grenzen der Virtualisierung auch dort, wo es um Teamzusammenhalt, Krisenrobustheit und die gemeinsame Bewältigung von Veränderungen geht. Menschen wollen dazugehören, soziale Einbindung spüren und müssen Kollegen im direkten Kontakt erleben, um dauerhaft gut zusammenzuarbeiten. Manche dieser Ausführungen mögen für Leute wie Paketauslieferer Fischer zynisch klingen. Und vieles, was im Folgenden zu virtuellen Arbeitsformen, Arbeitszeiterfassung und Gesundheit gesagt wer­den wird, bezieht sich vor allem auf dienstleistungs- und wissensorientierte Unternehmen. Es sei hier noch einmal festgehalten: Arbeitsbedingungen wie jene von Fischer sind skandalös, sind die hässlichen Gesichter der Flexibilisierung in der Arbeitswelt. Aber auch etwas höher in der gesellschaftlichen Hierarchie droht Ungemach: Gemäss dem deutschen Arbeitskreis Industrie 4.0 besteht in der Industrie die Gefahr einer neuen Entfremdung der Arbeitenden von der Arbeit. Die erste Entfremdung wurde während der Industrialisierung beobachtet, als die Fliessbandarbeit erfunden wurde. Eine neue Entfremdung könnte sich durch eine fortschreitende Dematerialisierung und Virtualisierung von Geschäftsvorgängen ergeben. Industrie 4.0 wird auch Druck in Richtung «Arbeit auf Abruf» oder «allzeit bereit» auslösen, da es in der Fabrik der Zukunft den Menschen nur noch in besonderen Situationen brauchen wird, dafür dann aber sofort.

Virtuelle Arbeitsformen

Eine immer grösser werdende Masse an Arbeitenden sitzt aber vor allem in Büros, Sitzungszimmern und Tagungshotels. Sie alle können, dank den modernen Kommunikations- und Informationstechnologien, prinzipiell auch unterwegs oder zu Hause arbeiten. Das nennt man virtuelle Arbeit, Telearbeit oder mobile Arbeit und – wenn die Arbeit in der eigenen Wohnung ausgeführt wird – Homeoffice. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat Chancen und Gefahren dieser Arbeitsform analysiert und eine Broschüre veröffentlicht. Dort heisst es unter anderem, dass für Unternehmen virtuelle Arbeitsformen attraktiv seien, weil sie Kosteneinsparungen – etwa für Büroräumlichkeiten – ermöglichten. Studien hätten gezeigt, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Freiheit und Flexibilität schätzten, was letztlich ihre Produktivität steigere. Zugleich stellt die ZHAW auch Herausforderungen in kommunikativer, sozialer und gesundheitlicher Hinsicht fest. Den virtuell Arbeitenden fällt die Abgrenzung von Arbeit, Familie und Freizeit offenbar nicht leicht. Elektronische Kommunikationsmittel kön­nen die Qualität des persönlichen Austausches nicht ersetzen, und unregelmässige Arbeitszeiten und konstante Verfügbarkeit können Stress auslösen. Das hindert die Firmen Microsoft, Swisscom, SBB und Witzig nicht daran, bereits zum fünften Mal im Mai 2014 den «Home Office Day» auszurufen. Der Tag sei ein Impuls für die Arbeitswelt, durch den produktives Arbeiten, eine höhere Lebensqualität und der Schutz der Umwelt (durch weniger Pendlerverkehr) nachhaltig gefördert werde. Der Tag soll auf das Potenzial von Homeoffice und flexiblen Arbeitsformen aufmerksam machen und als Symbol für eine zeitgemässe Arbeitsweise einen festen Platz in den Agenden von Unternehmen, Organisationen und Mitarbeitenden einnehmen. Es braucht keinen besonders hohen IQ, um in der Zusammensetzung der Trägerschaft auch handfeste Partikularinteressen zu entdecken: Microsoft und Swisscom verkaufen Informatik- und Kommunikationsdienstleistungen, die SBB hat zu den Hauptverkehrszeiten ein Kapazitätsproblem und Witzig hat Büromöbel im Angebot. Auch Economiesuisse ist gegenüber den virtuellen Arbeitsformen sehr positiv eingestellt. Der Wirtschaftsdachverband schrieb bereits 2012, dass Homeoffice ein grosses Einsparpotenzial bringe bei den Kosten für die Arbeitsplatzgestaltung und dass Produktivitätssteigerungen von 20% möglich seien. Trotzdem sind räumlich flexible Arbeitsformen insgesamt noch wenig verbreitet: Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich beziffert den Anteil von Homeoffice an der gesamten in der Schweiz geleisteten Arbeitszeit mit 1% und den Anteil mobiler Arbeit mit 0,8%. Innerhalb der Firmen, welche diese Arbeitsformen ermöglichen, werden aber be­reits je rund 22% der Arbeitszeit in Homeoffice respektive mit mobilem Arbeiten geleistet.

Zeiterfassung und Gesundheit

Räumlich flexible Arbeitsformen sind zwar noch selten, zeitlich flexibel arbeitet die Schweiz aber schon längst. 61% der Arbeitnehmenden hat flexible Arbeitszeiten. 44% können ihre Arbeitszeit innerhalb eines gewissen Rahmens anpassen, 17% können diese sogar völlig individuell festlegen. Das ergab 2012 eine repräsentative Befragung des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO). Das Problem: 17% der Schweizer Arbeitnehmenden arbeiten flexibel, ohne dass ihre Arbeitszeit dokumentiert wird, obwohl die Erfassung der Arbeitszeit eigentlich gesetzlich vorgeschrieben wäre. Und Arbeitnehmende, die zeitlich flexibel arbeiten und ihre Arbeitszeit nicht erfassen, arbeiten besonders häufig länger als vertraglich vereinbart. Besorgniserregend ist, dass Arbeitnehmende ohne Zeiterfassung häufiger als die Vergleichsgruppen auch dann arbeiten, wenn sie krank sind. Das SECO sieht zwar durchaus, dass die Interessen von Betrieben an flexibler Planung und gezieltem Personaleinsatz und die Interessen der Beschäftigten an grösserer Flexibilität beim Jonglieren ihrer Lebensbereiche berechtigt sind. Beide Seiten würden aber vor der Hausforderung stehen, diese potenziell divergierenden Interessen im je konkreten Fall in eine Balance zu bringen. Eine probate Möglichkeit, dieser Herausforderung zu begegnen, sei die weitgehende Übertragung von Verantwortung für Produktion und Produkt (oder Dienstleistung) an die Arbeitnehmenden. Das häufig gehörte Argument, die damit einhergehende Flexibilisierung der Arbeitszeiten müsse mit einem völligen Verzicht ihrer Erfassung einhergehen, ist für das SECO aber nicht nachvollziebar, zumindest wenn man davon ausgehe, dass die Dauer der Arbeitszeit nach wie vor das Mass für die vertraglich geschuldete Arbeitsleistung sein soll.

Ungleich lange Spiesse

Die Entgrenzung der Arbeit bedeutet für die Beschäftigten vor allem ein Ausgreifen der Arbeitswelt in ihren Privatlebensbereich. In der umgekehrten Richtung sei die Grenze bei Weitem nicht so durchlässig geworden, schreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Der DGB fragte die Arbeitnehmenden beispielsweise: «Wie häufig wird von Ihnen erwartet, dass Sie auch ausserhalb Ihrer normalen Arbeitszeit per E-Mail oder Telefon für Ihre Arbeit erreichbar sind?» Immerhin 27% sagten, dies sei sehr häufig oder oft der Fall. Diesen Beschäftigten fällt es auch deutlich häufiger schwer, nach der Arbeit mental abzuschalten: 46% dieser Personen berichteten über diesbezügliche Schwierigkeiten, bei den übrigen Personen waren es nur 29%. Der DGB stellt fest: «Die Vorstellung, dass Laptops und Handys den Menschen die Freiheit geben, zu arbeiten, wann, wo und wie sie wollen, ist unvollständig. Dies gilt nur dann, wenn sie auch das Recht haben, von dieser Freiheit nach ihren Massgaben Gebrauch zu machen.» Psychologen und Mediziner schliesslich würden ergänzen, dass die Menschen die Fähigkeit – und nicht nur das Recht – haben müssten, von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Arbeitsmediziner Dieter Kissling stellt beispielsweise gegenüber der Zeitschrift «Beobachter» fest: «Nicht alle Angestellten schaffen es, sich selbst Grenzen zu setzen.» Daher müssten dies die Firmen tun. Der Autokonzern VW habe vor drei Jahren beschlossen, die E-Mail-Funktion der Geschäftshandys 30 Minuten nach Feierabend zu stoppen und erst eine halbe Stunde vor Beginn des folgenden Arbeitstages wieder zu aktivieren. Ohne solche Gegenmassnahmen droht nämlich in einer entgrenzten Arbeitswelt für viele Beschäftigte eine Beeinträchtigung der psychischen und physischen Gesundheit.

Links und Literaturhinweise

Eichhorst, W., Tobsch, V. (2014): Flexible Arbeitswelten. In: IZA Research Report (Nr. 59). Bonn, Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit IZA.
Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO (Hrsg., 2013): Arbeit der Zukunft. Wie wir sie verändern. Wie sie uns verändert. Stuttgart.
Forschungsunion/acatech(Hrsg., 2013): Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern. Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0. Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0. Berlin.
ZHAW (Hrsg., 2014): «24/7» – Wie virtuelle Arbeitsformen unser Leben verändern. Winterthur.
Home Office Day
economiesuisse (2012): Home Office: mehr Effizienz dank moderner Arbeitsformen. In: dossierpolitik (Nr. 8). Zürich.
KOF (Hrsg., 2014): Auswirkungen neuer Arbeitsformen auf den Energieverbrauch und das Mobilitätsverhalten von Arbeitnehmenden. Zürich, ETHZ.
SECO (Hrsg., 2012): Flexible Arbeitszeiten in der Schweiz. Auswertung einer repräsentativen Befragung der Schweizer Erwerbsbevölkerung. Bern.
Kulemann, P., Thorein, A. (2013): Work-Life-Balance im Zeichen ständiger Erreichbarkeit – Das Konzept Gute Arbeit. In: BiBB (Hrsg.), BWP (Nr. 1, S. 13-17). Bonn.

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