Ausgabe 04 | 2014

Fokus "Die Zukunft der Arbeit"

Neue Arbeit, alte Werte

Die Zukunft der Arbeit – eine Einführung.

Von Daniel Fleischmann, PANORAMA-Redaktor

(Bild: Keystone/Bally)

(Bild: Keystone/Bally)

Klaus Schwab ist kein Mann der markigen Worte. Vor Kurzem aber griff der Erfinder des Davoser WEF zu drastischen Formulierungen: «Die kommenden Jahrzehnte werden durch eine technologische Mega-Revolution geprägt sein, wie wir sie in diesem Ausmass noch nie erlebt haben», schrieb er in der NZZ. «Ähnlich wie das Internet in weniger als 20 Jahren die Welt grundlegend verändert hat, stehen wir vor dem Durchbruch zahlreicher neuer Technologien, zum Beispiel in der Robotik, im Internet der Dinge, in der Genetik, der Nanotechnologie, im 3-D-Drucken usw.» Solche Prognosen füllen immer öfter die Spalten von Zeitungen und Fachzeitschriften. Wir lesen: «Zeitenwende auf dem Arbeitsmarkt», «Verschmelzung von Informatik und Mensch», «Die Hälfte aller Arbeitsplätze in den USA durch Computer und Roboter gefährdet» – und ziehen die Köpfe ein. Denn die Texte klingen wie Orakel nach, sie sind schwer zu deuten, Versprechen und Unheilskunde zugleich. Aber machen wir uns gefasst: Alles dreht sich schneller, die Karten werden neu gemischt, jetzt kommen Dinge, wie wir sie «noch nie erlebt» haben. Stimmt das wirklich? Zweifel sind anzumelden. Beispiel: Von 1993 bis 2011 schwankte der Anteil der Erwerbstätigen, die in einem vermeintlich immer dynamischer werdenden Arbeitsmarkt die Stelle gewechselt haben, laut SAKE zwischen 7,5 und 10,7 Prozent. Dabei seien weder steigende noch sinkende Tendenzen zu erkennen. Zweites Beispiel: Die KOF wies kürzlich nach, dass das Arbeiten von unterwegs oder zu Hause in der Schweiz weit davon entfernt sei, sich zu etablieren – obwohl es technisch immer einfacher ist. Drittes Beispiel: Die Versprechen, die mit dem Begriff Flexibilisierung verbunden sind, haben sich nur für Einzelne eingelöst. Viele aber müssen einfach nur mehr arbeiten, längere Arbeitswege auf sich nehmen, immer erreichbar sein. 2011 wurden in der Schweiz 219 Millionen Überstunden geleistet – gegenüber 2002 eine Zunahme von 15 Prozent. Vor 14 Jahren erschien in dieser Zeitschrift ein Text von Gudela Grote, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH. «Eine wachsende Zahl von Beschäftigten kann nicht mehr mit einem sicheren Arbeitsplatz rechnen. ‹Neue Sicherheiten› liessen sich in den Unternehmen durch eine bewusste Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit schaffen», schrieb sie damals. Heute bilanziert sie, dass die Arbeitgeber diese Kompensation bis heute nicht geleistet haben. So finden wir uns – vielleicht – demnächst in einer neuen Arbeitswelt wieder. Aber die Dinge, auf die es ankommt, werden die alten bleiben. Dazu gehört ein fairer Umgang zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Arbeitstugenden wie Loyalität oder Zuverlässigkeit, transparente Führungsstile, angemessene Löhne, eine gute Balance von Leben und Arbeit, gute Methoden- und Sozialkompetenzen. Sicher ist aber auch, dass die fachlichen Anforderungen durch die technologischen Innovationen steigen werden. In seinem Text wagte Klaus Schwab auch die Prognose, dass für den Wohlstand nicht mehr der Zugang zu Kapital, sondern der Zugriff auf Talente ausschlaggebend sei, da in Zukunft diese der entscheidende Produktionsfaktor sein werden.

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