Ausgabe 02 | 2014

ARBEITSMARKT

Jugendarbeitslosigkeit

Coaching und Schulung sind wirksam

Es gibt sie, gute Programme im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Eine Evaluation der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zeigt, dass es möglich ist, durch geeignete Unterstützung junge Erwachsene mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Von Markus P. Neuenschwander, Leiter des Forschungszentrums Lernen und Sozialisation und Professor für Pädagogische Psychologie an der PH FHNW

Eine enge Begleitung ist die arbeitsmarktliche Schlüsselmassnahme gegen Jugendarbeitslosigkeit. (Bild: Fotolia/Monkey Business)

Eine enge Begleitung ist die arbeitsmarktliche Schlüsselmassnahme gegen Jugendarbeitslosigkeit. (Bild: Fotolia/Monkey Business)

Nicht allen Jugendlichen gelingt der Übergang von einer Ausbildung in eine berufliche Tätigkeit gleichermassen leicht. Im Januar dieses Jahres waren rund 20'000 junge Erwachsene ohne Arbeit – das entspricht einer Quote von 3,6 Prozent. Für viele von ihnen ist das mit Selbstzweifeln, Orientierungslosigkeit und einer Gefährdung des beruflichen Einstiegs in den Arbeitsmarkt verbunden. 2009 hatte die Quote mit 5,4 Prozent noch höher gelegen. Sie bildete den Ausgangspunkt für die Lancierung der Initiative «Gemeinsam gegen die Jugendarbeitslosigkeit» durch die Credit Suisse. Es wurden sechs private Organisationen unterstützt, die sich nicht über Ausbildung, sondern mit arbeitsmarktlichen Massnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit en-gagierten. Im Rahmen dieser Initiative dehnten sie ihr Tätigkeitsfeld auf neue geografische Regionen und auf neue Zielgruppen aus. Die Qualität und die Wirkung der Programme wurden von der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) evaluiert.

Sechs unterschiedliche Ansätze

Die sechs Organisationen unterschieden sich in ihren Zielgruppen, Arbeitsmethoden und geografischen Regionen, in denen sie tätig waren.
- Die Stiftung Intégration pour Tous (IPT) lancierte Jeunes@work in den Kantonen der Westschweiz. Im Programm wurden Berufsabklärung, Berufsprojekt, Netzwerk-Entwicklung, Informationen über den Arbeitsmarkt sowie Schulung des Bewerbungsverhaltens mit einer weiteren Fachberatung, Coaching und der Vermittlung von Praktika verknüpft.
- Das Tessiner Programm Career start-up der Organisation Labor Transfer bietet in verschiedenen Modulen eine intensive Schulung von arbeitslosen Jugendlichen mit einem Sekundarstufe-II- oder Hochschulabschluss zu den wichtigsten Themen des Bewerbungstrainings sowie Gruppen- und Einzelcoaching zur Unterstützung der Stellensuchenden.
- Das Netzwerk EBA ist ein Zusammenschluss von fünf Lehrbetriebsverbünden in verschiedenen Regionen des Mittellandes. Es betreibt eine Sensibilisierungskampagne bei den Betrieben zur Schaffung von Stellen und unterstützt Jugendliche in einer EBA-Ausbildung nach einer Eingangsselektion bei der Suche nach einem Arbeitsplatz primär mit Einzelcoaching.
- Das Schweizerische Arbeiterhilfswerk entwickelte Coaching-Transfair 2 in der ganzen Schweiz. Mittels Einzel- und Gruppencoaching, Bewerbungstraining, aktiver Stellensuche und Begleitung am Arbeitsplatz werden Stellensuchende mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder nach einem Studium erfolgreich bei der Platzierung im Arbeitsmarkt unterstützt.
- Die Stiftung Die Chance entwickelte ein Programm zur Begleitung von Jugendlichen in Risikosituationen bei der Suche nach einer Lehrstelle, während der Lehre und nach Lehrabschluss in verschiedenen Kantonen der Ostschweiz. Die Jugendlichen mit einer Mehrfachproblematik werden einzeln von Coaches begleitet, bis sie den Einstieg in den Arbeitsmarkt geschafft haben.
- Das gesamtschweizerische Assessment – berufliche Neuorientierung der Stiftung Speranza unterstützt Stellensuchende bei der beruflichen Neuorientierung. Aufgrund einer sehr umfassenden Berufsabklärung mit dem Kompasstest wird eine individuelle Berufs- und Fachberatung angeboten. Damit wird das Finden einer Stelle in einem neuen Berufsfeld wesentlich unterstützt.
Die Programme werden effektiv, wenn sie auf die spezifischen Bedürfnisse der jungen Erwachsenen abgestimmt sind.

Die wichtigsten Wirkfaktoren

Die Evaluation zeigt, dass die untersuchten Programme fünf Bedingungen von Jugendarbeitslosigkeit (Passung, soziale Beziehungen, depressive Stimmung, Stellensuch- klarheit und Bildungsaspiration) in unterschiedlich hohem Ausmass beeinflussen. Ein Jugendlicher mit einer Mehrfachproblematik braucht ein intensives persönliches Coaching, wie es zum Beispiel Die Chance anbietet. Das Netzwerk EBA zeigt, dass auch schulleistungsschwache Jugendliche in einem individuellen Coaching deutlich erfolgreicher vermittelt werden können als in Gruppensitzungen. Im Unterschied dazu zeigen die Daten zum Assessment – berufliche Neuorientierung von Speranza, dass eine differenzierte Abklärung mit einer Berufs- und Fachberatung zu einer erfolgreichen Vermittlung in den Arbeitsmarkt führt, wenn die Jugendlichen eine intensive individuelle Begleitung in Anspruch nehmen. Interessant ist der Einsatz von Praktika bei Jeunes@work. Interviews mit Jugendlichen bei Eintritt in die berufliche Grundbildung belegen die hohe Bedeutung von Praktika im Berufswahlprozess, insbesondere für handwerkliche Berufe. Praktika tragen aber auch bei Hochschulabsolvierenden wesentlich zur Arbeitsmarktintegration bei. Ausserdem dürften Praktika vor allem bei der Berufssuche hilfreich sein. Der Stellenwert von Praktika ist hingegen für junge Erwachsene nach einer abgeschlossenen dualen Berufsausbildung, die eine Stelle im gelernten Beruf suchen, tiefer, weil diese Personen bereits berufliche Erfahrungen mitbringen. Die Ergebnisse zeigen, dass Schulungen im Sinne von Informationen über den Arbeitsmarkt weniger geschätzt werden als zielgerichtetes, an die individuellen Bedürfnisse angepasstes Coaching. Gleichwohl dürfte aus Kostengründen ergänzendes Gruppencoaching sinnvoll sein, wenn es fokussiert und zielgerichtet ist. Die Evaluation zeigte zudem die Bedeutung der Beziehung zwischen der stellensuchenden Person und der Beratungsperson. Vermutlich brauchen die Stellensuchenden viel Ermutigung, sodass sie das Selbstvertrauen haben, aktiv nach Stellen zu suchen. Coaches müssen Optimismus ausstrahlen und an den Erfolg ihrer Klientel glauben. Sie müssen in der Lage sein, konstruktive und ehrliche Feedbacks zu geben und gute Beziehungen aufzubauen. Eine weitere Gelingensbedingung ist die Führung der Organisation. Interviews zeigten, dass die Organisationen erfolgreich sind, weil sie einerseits eine klare Führungsstruktur haben, sodass das Konzept von allen Mitarbeitenden auch tatsächlich umgesetzt wird. Andererseits müssen die Coaches persönlich vom Arbeitskonzept überzeugt werden und es optimal umsetzen. Vor allem in der Arbeit mit jungen Menschen, die eine Mehrfachproblematik haben, ist eine Supervision der Coaches nötig. Coaches müssen ihre Grenzen erkennen und einschätzen können, ob sie den Anforderungen mit der Betreuung einer Person gewachsen sind. Mehrfachproblematiken erfordern oft die Zusammenarbeit mit weiteren Fachstellen.

Fazit und Ausblick

Die Evaluation zeigt, dass alle sechs Programme erfolgreich sind und weitergeführt werden sollten. Sie tragen dazu bei, dass junge Erwachsene eine Stelle oder Weiterbildung erhalten. Sie verfügen über Angebote und Methoden, die innovativ sind, und ergänzen die berufsberaterischen und arbeitsmarktlichen Massnahmen. Ebenso zeigte sich, dass arbeitslose Jugendliche zwar in einer Phase der beruflichen Neuorientierung sind, dass aber eine isolierte mehrdimensionale Berufsabklärung in der Regel auf wenig Akzeptanz stösst und dass die erfolgreiche Vermittlung primär von enger Begleitung/Coaching mit mehreren Sitzungen abhängt. Die damit verbundenen Kosten von weniger als 5000 Franken pro Person und Jahr lohnen sich, wenn berücksichtigt wird, dass eine erfolgreiche Stellenvermittlung hohe volkswirtschaftliche Folgekosten reduziert oder gänzlich vermeidet. Die Programme bieten Massnahmen gegen den Fachkräftemangel an, wie er in der Schweiz beklagt wird. Sie erhalten zusätzlich Bedeutung, weil bisher in der Schweiz nur wenige Massnahmen an der zweiten Schwelle entwickelt worden sind und die Diskussion zum Arbeitsmarkteintritt in der Schweiz bisher eher randständig geführt worden ist.

Links und Literaturhinweise

Neuenschwander, M. P., Rüfenacht, M. (2013): Evaluation der Massnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit (Schlussbericht). Solothurn, Pädagogische Hochschule FHNW, Zentrum Lernen und Sozialisation.
Rüfenacht, M., Neuenschwander, M. P. (2014): Jugendarbeitslosigkeit – Risikofaktoren und erfolgreicher Einstieg in die Erwerbstätigkeit. In: M. P. Neuenschwander (Hrsg.), Selektion in Schule und Arbeitsmarkt (S. 203-224). Zürich/Chur, Rüegger Verlag.
Europäische Kommission: Beschäftigung von Jugendlichen

Kasten

«Jugendgarantie»

Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit empfiehlt die EU die Einführung eines neuen Konzepts, die sogenannte Jugendgarantie. Ihr Ziel ist, dass alle jungen Menschen unter 25 Jahren – ob beim Arbeitsamt gemeldet oder nicht – innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und qualitativ hochwertiges Angebot erhalten: eine Arbeitsstelle, einen Ausbildungsplatz, ein Praktikum oder eine Fortbildung. Mehrere EU-Länder entwickeln derzeit Aktionspläne zur Umsetzung der Jugendgarantie. In vielen Fällen sind dazu Reformen notwendig, beispielsweise bei den Bildungsstrukturen. Die Umsetzung erfordert eine enge interinstitutionelle Zusammenarbeit zwischen Behörden, Arbeitsämtern, Berufsberatungsstellen, Ausbildungseinrichtungen und Unternehmen. Als besonders wichtig wird frühzeitiges Eingreifen taxiert. Auch im jüngsten Kurzbericht des Cedefop «Junge Menschen in der beruflichen Bildung halten: Funktionierende Konzepte» sind politische Massnahmen vorgeschlagen. nm

Kommentare
 
 
 
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Sengul | 10. Sep 2014, 16:57

Exerçant moi-même la fonction de coach auprès des jeunes, j'ai apprécié votre article. Il manquait, à mon avis, les racines de notre métier: la fonction et le rôle à jouer des parents. Ma question est: comment redonner une place aux parents dans l'avenir professionnel de leur enfant? Moi, j'essaie de leur démontrer qu'ils ont des ressources et de favoriser leur savoir éducatif et professionnel, leur réseau professionnel et social/familial ainsi que leur profession. Merci encore pour votre travail si précieux.

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