Ausgabe 02 | 2014

BERUFSBERATUNG

Berufliche Neuorientierung

Leistungssport – und dann?

Viele Spitzensportler haben nach ihrem Rücktritt Mühe, den Weg ins Berufsleben zu finden. Um ihnen den Weg in die Arbeitswelt zu erleichtern, hat Swiss Olympic entsprechende Unterstützungsangebote geschaffen. Darüber hinaus bietet der Verband Förderstrukturen, damit Athleten bereits im Jugendalter Leistungssport und Ausbildung unter einen Hut bringen können.

Von Daniela Torre. Sie arbeitet bei Swiss Olympic im Bereich Karriereplanung.

Wer sich in eine neue Tätigkeit stürzen will, sollte zuerst seine Stärken und Fähigkeiten kennen. (Bild: Fotolia/Stefan Schurr)

Wer sich in eine neue Tätigkeit stürzen will, sollte zuerst seine Stärken und Fähigkeiten kennen. (Bild: Fotolia/Stefan Schurr)

Spitzensport ist kein Beruf fürs Leben. Je nach Sportart endet die Karriere bereits mit 20, 25 oder mit 45 Jahren. Spitzensportler leben häufig im Hier und Jetzt und verschwenden kaum einen Gedanken an die Zeit nach dem Rücktritt. Wer Erfolg haben will, muss sich auf den Sport konzentrieren. Dennoch ist es wichtig, dass Sportler einen Plan B im Ärmel haben, wenn sie beispielsweise infolge einer Verletzung zu einem abrupten Karriereende gezwungen sind. Diese Sportler sind oft orientierungslos und brauchen Unterstützung. Andere dagegen ziehen gerne einen Schlussstrich unter ihre Karriere, weil sie ihr Potenzial ausgeschöpft haben oder weil sie eine Veränderung brauchen. Sie sind motiviert, etwas Neues in Angriff zu nehmen, wissen oft aber nicht, in welche Richtung ihr künftiger Weg gehen soll.

Individuelle Beratung

Im Rahmen des «Athlete Career Programme» hilft Swiss Olympic den Athleten, ihre Fähigkeiten zu ermitteln und unterstützt sie bei der Aufnahme einer Ausbildung oder bei der Stellensuche. Das Angebot reicht von individuellen Beratungsgesprächen über Bedarfsanalysen bis hin zur Laufbahnberatung und Stellenvermittlung. Überdies können die Athleten mit Unterstützung von Swiss Olympic eine Kompetenzbilanz und ein Bewerbungsdossier erarbeiten und haben Zugang zu Weiterbildungen. Die Dienstleistungen richten sich an aktive Spitzensportler sowie an Sportler, die ihre Karriere vor höchstens einem Jahr beendet haben. Sie zeichnen sich durch Entschlossenheit und eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft aus und sind in der Lage, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Sie haben gelernt, sich Ziele zu setzen und diese bis zuletzt zu verfolgen – eine wichtige Fähigkeit, wenn es um die berufliche Neuorientierung geht. Sie haben zudem ihren Sport mit Leidenschaft ausgeübt und sind bereit, sich ebenso leidenschaftlich in neue Aktivitäten zu stürzen. Weiter helfen die Berater den Athleten, ihre Aktivitäten ausserhalb des Sports – wie etwa Arbeitseinsätze während einer Trainingspause oder Projekte mit einem Sponsor – sichtbar zu machen: Die meisten Sportler haben während ihrer Karriere Erfahrungen in den Bereichen Marketing, Coaching und Kommunikation gesammelt. Die Berater von Swiss Olympic unterstützen die Athleten bei der Wiederaufnahme einer Aus- oder Weiterbildung, bei der Suche nach einem Praktikumsplatz oder einer Stelle, oft in der Welt des Sports. Am schwierigsten ist die berufliche Neuorientierung für Sportler, die sich über Jahre ausschliesslich ihrem Sport gewidmet haben, ohne andere Tätigkeiten auszuüben.

Bessere Vereinbarkeit von Sport und Ausbildung

Damit sich Unterbrüche in der Laufbahn vermeiden lassen, sollte die berufliche Neuausrichtung nach dem Rücktritt idealerweise bereits zu Beginn der sportlichen Karriere geplant werden. Damit Talente Sport und Ausbildung miteinander vereinbaren können, hat Swiss Olympic verschiedene Massnahmen getroffen. Diese umfassen:
- ein Netzwerk aus Schulen mit dem Label «Swiss Olympic», die flexible Stundenpläne bieten und ihre Schulstrategie auf den Leistungssport ausrichten;
- ein Netzwerk aus «leistungssportfreundlichen Lehrbetrieben», die jungen Sportlern neben der beruflichen Grundbildung eine Karriere im Spitzensport ermöglichen;
- ein Projekt «Leistungssportfreundliche Arbeitgeber» befindet sich zurzeit in der Entwicklungsphase;
- die Berufsinformationszentren bieten jungen Sporttalenten ein Netzwerk aus Berufsberaterinnen und -beratern mit Spezialisierung auf dem Gebiet des Sports (siehe Interview);
- Kurse rund um die Karriereplanung in Schulen, Sportcamps oder der Spitzensport-RS.
Als Dachorganisation ist Swiss Olympic vor allem auf nationaler Ebene tätig und unterstützt die nationalen Sportverbände finanziell, nicht aber einzelne Sportler. So werden etwa Athleten, die das «Swiss Olympic Athlete Career Programme» in Anspruch nehmen, von der Schweizer Sporthilfe unterstützt. Die finanziellen Mittel von Swiss Olympic reichen nicht aus, um die Bedürfnisse aller Sportler abzudecken. Deshalb ist es Aufgabe der Sportverbände, ihre Mitglieder bei der Laufbahnplanung zu unterstützen und ihnen finanziell unter die Arme zu greifen. So hat etwa der Schweizerische Fussballverband eine Person damit beauftragt, seine Mitglieder bei der Karriereplanung zu unterstützen. Zudem hat der Verband eine von einer Berufsberaterin verfasste Informationsbroschüre herausgegeben, die den Fussballern helfen soll, Sport und Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Swiss Olympic möchte Beratungsangebote im Bereich der Laufbahnplanung schaffen, die optimal auf die Bedürfnisse von Sportlern abgestimmt sind und ihnen massgeschneiderte Unterstützung bieten.

Links und Literaturhinweise

www.swissolympic.ch
www.wiselausanne.com
Zuber, M. (2011): Zwischen Schulbank und Trainingsplatz. Bern, Schweizerischer Fussballverband.
www.dance-transition.ch

3 Fragen

«Die berufliche Zukunft sichern»

an Dominique Reber, Berufs- und Laufbahnberaterin im BIZ Biel

(Bild: BIZ Biel)

Was ist Ihre Tätigkeit als Beraterin im Netzwerk von Swiss Olympic? Sportler müssen sich in einzelnen Sportarten schon sehr früh für eine Karriere als Profi entscheiden. Ich unterstütze sie bei der schwierigen Suche nach Lösungen, die es ihnen erlauben, Sport und Ausbildung zu vereinbaren. Ich helfe jugendlichen Klienten/-innen etwa bei der Entscheidung, ob sie zwei Jahre investieren können, um ihr Glück im Sport zu versuchen und dann allenfalls mit 18 Jahren eine Lehre zu beginnen. Auf diese Weise setzen sie ihre berufliche Zukunft nicht aufs Spiel.

Wie sieht es mit der Integration in den Arbeitsmarkt aus?
Es gibt Sportler, die mit 20 bis 30 Jahren ihre Ausbildung bereits während mehrerer Jahre unterbrochen haben. Wir suchen mit ihnen nach flexiblen Bildungswegen, die sich an ihre Pläne anpassen lassen. Wir klären, ob sie eine Berufslehre absolvieren, die Maturität nachholen oder ein unterbrochenes Studium wieder aufnehmen können ober ob die Möglichkeit eines Übertritts an eine Fachhochschule besteht.

Warum kümmern Sie sich besonders um Sportler?
Die Beratenden aus dem Netzwerk von Swiss Olympic kommen oft selber aus der Welt des Sports. Als Berufsberater, die das sportliche Umfeld gut kennen, können wir ehemaligen Leistungssportlern angemessene individuelle Unterstützung bieten. Allerdings machen Sportler nur einen kleinen Teil meiner Kundschaft aus. ir

Kasten

Tänzerinnen auf dem Weg in einen neuen Beruf

Der Westschweizer Verband «Reconver-sion des danseurs professionnels» (RDP) unterstützt professionelle Tänzer/innen bei der beruflichen Neuausrichtung. Eine Karriere als Tänzer/in endet im Schnitt mit 35 Jahren. Die meisten fassen bereits früh den Entschluss, sich voll auf das Tanzen zu konzentrieren, und beginnen, gerade im Bereich klassischer Tanz, ihre Karriere im Alter von etwa 18 Jahren. Rückt das Karriereende näher, haben viele Mühe, sich vom Beruf zu verabschieden, und sehen sich mit finanziellen Problemen konfrontiert. Zudem fällt es schwer, sich ein Leben ohne Tanz vorzustellen. Sarah Guillermin, Generalsekretärin des RDP, berät Tänzer/innen und begleitet sie während der Übergangsphase. Je nachdem verweist sie diese auch an andere Institutionen. So können die Tänzer dank einer Zusammenarbeit mit der Fakultät für Psychologie an der Uni Lausanne Unterstützung von Berufsberatenden in Anspruch nehmen und eine Kompetenzbilanz erstellen. 2013 hat der Verband einen Workshop entwickelt, der den Teilnehmenden helfen soll, berufliche Pläne zu schmieden und ihre übergreifenden Kompetenzen – Anpassungs- und Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Belastbarkeit, Ausdauer und Kreativität – zu ermitteln. Darüber hinaus bietet der Verband Stipendien, die von einer privaten Stiftung finanziert werden. Im letzten Jahr erlangten vier ehemalige Tänzerinnen und Tänzer dank eines Stipendiums ein Diplom und fanden anschliessend eine Stelle als Yogalehrer, als medizinische Sekretärin, als Regieassistentin und als Projektleiterin in einem Unternehmen. Ein Mentoring-System hilft ihnen, Kontakte im anvisierten beruflichen Umfeld zu knüpfen. Das Angebot wird ergänzt durch Infoveranstaltungen, die sich an RAV- oder IV-Beraterinnen sowie an Arbeitgeber richten. Guillermin ist überzeugt, dass die Einführung anerkannter Ausbildungen dem Tanzberuf zu einem besseren Ansehen verhelfen und die berufliche Neuausrichtung erleichtern. So dürften etwa das eidg. Fähigkeitszeugnis «Bühnentänzer /in EFZ» mit Berufsmaturität gestalterischer Richtung sowie der neue FH-Bachelorstudiengang «Contemporary Dance» den Zugang zu Ausbildungen in anderen Fachgebieten erleichtern und bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen. Trotzdem bedarf es laut Sarah Guillermin weiterer Massnahmen. So sollten Profitänzer beispielsweise auch nach vollendetem 35. Altersjahr Stipendien beziehen können. Deshalb möchte der Verband RDP künftig einen Fonds für die berufliche Neuausrichtung schaffen. ir

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