Ausgabe 02 | 2014

BERUFSBERATUNG

KBSB

«Den gesellschaftlichen Nutzen der Berufsberatung aufzeigen»

Welche Projekte werden im Bereich Laufbahnberatung zurzeit umgesetzt und wer entscheidet darüber? PANORAMA hat mit Marc Chassot gesprochen, dem Präsidenten der Schweizerischen Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB).

Interview: Stefan Krucker und Ingrid Rollier

Marc Chassot, KBSB-Präsident: «In Ausbildung und Praxis der Beratung stehen psychologische und soziale Aspekte im Vordergrund. Es braucht aber auch umfassendes Wissen über die Arbeitswelt». (Bild: Ingrid Rollier)

Marc Chassot, KBSB-Präsident: «In Ausbildung und Praxis der Beratung stehen psychologische und soziale Aspekte im Vordergrund. Es braucht aber auch umfassendes Wissen über die Arbeitswelt». (Bild: Ingrid Rollier)

PANORAMA: Kürzlich diskutierte die KBSB eine kontroverse Frage: Wird auf der Website berufsberatung.ch künftig Werbung geschaltet? Marc Chassot: Die Meinungen gehen auseinander. Die Befürworter führen vor allem die zusätzlichen Mittel ins Feld, die mit Werbung generiert werden könnten. Sie verweisen auf andere Berufsberatungsmedien, die bereits Werbung enthalten, und glauben nicht, dass dies für das jugendliche Zielpublikum schädlich ist. Die Gegner, zu denen auch ich gehöre, sind der Meinung, dass Werbung im Informations- und Bildungsangebot der öffentlichen Hand nichts zu suchen hat. Sie gewichten diesen Grundsatz höher als den finanziellen Vorteil. Sie befürchten zudem, dass die Werbung angesichts der benötigten Finanzmittel immer mehr Platz beanspruchen wird.

Ist das Gremium zu einer Entscheidung gelangt?
Die Frage kann nicht auf Ebene der KBSB entschieden werden. Es handelt sich um einen bildungspolitischen Entscheid, der auf höherer Ebene getroffen werden muss. Wir übergeben deshalb das Dossier an die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen KBSB und SDBB?
Sie funktioniert ausgezeichnet. Damit wir noch enger zusammenarbeiten können, hat die KBSB an der letzten Mitgliederversammlung im November 2013 ihre Statuten geändert. Neu nimmt der Direktor des SDBB nun an allen Mitgliederversammlungen und Vorstandssitzungen der KBSB teil. So ist der Informationsfluss bei allen Projekten von Anfang an gewährleistet (siehe Kasten). Wir sind mit der Arbeit des SDBB sehr zufrieden. Die Website berufsberatung.ch und andere Projekte sind äusserst erfolgreich. Das einzige Hindernis ist die Finanzlage der Kantone.

Wie sieht es mit der Online-Testplattform aus, die die KBSB initiiert hat? Das Projekt wird nun einiges teurer als erwartet und es musste ein zusätzlicher Kredit gesprochen werden.
Das Ziel ist eine leistungsstarke Plattform. Dieser Anspruch hat zu Mehrkosten geführt. Es muss zum Beispiel möglich sein, die für Online-Tests benötigte Zeit zu messen. Das SDBB hat hierfür private Unternehmen beauftragt, die solche Tests entwickeln.

Die Plattform wird schliesslich nur wenige Tests anbieten. Lohnt sich die Investition trotzdem?
Mit der Testplattform können wir neue Tests kaufen und entwickeln, ohne von privaten Unternehmen abhängig zu sein. Die Investition ist zwar hoch, für die Zukunft der Berufsberatung aber notwendig. Wir müssen mit der gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung Schritt halten, um den Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Berufsberatung muss den Anforderungen der Privatwirtschaft gewachsen sein.

Ihre Vorgängerin wollte die Online-Beratung fördern. Ist das immer noch ein aktuelles Ziel?
Es gibt dafür kein gesamtschweizerisches Projekt. In der Westschweiz entwickeln wir gerade eine Art virtuellen Schalter, an dem Rat Suchende Fragen stellen und die eigene Situation schildern können. Je nach Bedürfnis wird den Kunden dann ein Gespräch angeboten oder sie werden bei einfacheren Fragen auf die entsprechende Seite von berufsberatung.ch verwiesen. Langfristig soll dieser Schalter mit der Website berufsberatung.ch verknüpft werden. Wir haben einen Kredit aus dem Innovationsfonds EDK-SVB erhalten, um diese Dienstleistung in den Westschweizer Kantonen auf die Beine zu stellen. Sie soll bis Herbst 2014 bereitstehen.

Warum wird dieses Projekt nicht in der ganzen Schweiz umgesetzt?
Es ist einfacher, mit einem kleineren Projekt zu starten, an dem nur wenige Kantone beteiligt sind. Wenn es dann funktioniert und erfolgreich ist, kann es ausgeweitet werden.

Auf Initiative der KBSB bietet die Fachhochschule Nordwestschweiz den neuen MAS-Studiengang in Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung an. Die kantonalen Berufsberatungsstellen müssen dabei als Praxisstellen mitwirken. Wie haben die Kantone darauf reagiert?
Einige Kantone haben einen grossen Personalbedarf, der über die üblichen Studiengänge nicht mehr abgedeckt werden kann. Das duale System des eidgenössisch anerkannten Masterstudiengangs scheint gut anzukommen.

Mit einem CAS in Berufsberatung planen Sie zudem ein neues Weiterbildungsangebot. Wie sieht dieses Angebot aus und wer hat das Projekt initiiert?
Der geplante CAS-Studiengang richtet sich an Berufsberaterinnen und Berufsberater. Zurzeit werden die möglichen Inhalte diskutiert: Coaching, Validierung von Bildungsleistungen, Diagnosemethoden usw. Die Umsetzung muss dann in Zusammenarbeit mit einer Fachhochschule erfolgen. Die Initiative ging vor allem von der Basis aus, von Berufsberatern in der Praxis, die sich eine Weiterbildung mit einem anerkannten Zertifikat auf Tertiärstufe wünschten. Auch die Bildungsinstitutionen haben ein Interesse daran und entwickeln ihre Dienstleistungen aktiv weiter.

Wer finanziert diese Weiterbildung?
Die Finanzierung von Weiterbildungen ist in jedem Kanton anders geregelt. Je nach den geltenden Bestimmungen werden die Kosten unterschiedlich auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer verteilt.

Wie schätzen Sie die Ausbildung von Berufsberaterinnen und -beratern ein? Kennen diese den Arbeitsmarkt gut genug?
Berufsberater sind sehr gut ausgebildet. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Praxis stehen aber psychologische und soziale Aspekte im Vordergrund. Ich wünsche mir, dass neben der individuellen Betreuung ein umfassenderer Ansatz zum Tragen kommt. Ich möchte die Bedeutung der Berufsberatung für das Bildungssystem und das sozioökonomische Umfeld stärker betonen. Im Kanton Freiburg etwa erweitern die Berufsberaterinnen und Berufsberater ihre Kenntnisse über die Entwicklungen in der Arbeitswelt jedes Jahr mit einem eintägigen Betriebspraktikum.

Müsste sich die Berufsberatung besser um ihr Image kümmern?
Berufsberater arbeiten sehr professionell, sind aber nicht unbedingt auf die Öffentlichkeit ausgerichtet. Nächsten Herbst nutzen wir die SwissSkills, um aktiv nach aussen zu treten. Wir werden dort an verschiedenen Messeständen präsent sein. Wir möchten vor allem unser Zusammenwirken mit anderen Institutionen bekannter machen. Um den Austausch mit anderen Konferenzen der EDK (Berufsbildungsämter- und Mittelschulämterkonferenz, Konferenz für Weiterbildung) zu fördern, stellen deren Präsidenten einander die Tätigkeits- und Problemfelder ihrer Bereiche vor. In diesem Rahmen möchte ich den gesellschaftlichen Nutzen der Berufs- und Studienberatung aufzeigen.

Die schulischen Anforderungsprofile für die berufliche Grundbildung wurden von der EDK und dem Gewerbeverband erarbeitet. Warum waren die Berufsberater nicht an diesem Projekt beteiligt? Immerhin geht es dabei um eine ihrer zentralen Aufgaben.
Die Berufsberatung war in der Arbeitsgruppe vertreten, denn sie hat eine wichtige Funktion als Vermittlerin zwischen Schule und Arbeitswelt. Im angesprochenen Fall mussten sich die EDK und der Gewerbeverband über sehr sensible Fragen bezüglich der geforderten Kompetenzen einigen. Für die Schulen müssen die Kompetenzen mit den schulischen Anforderungen übereinstimmen, für die Vertreter der Arbeitswelt mit der Realität am Arbeitsplatz. Das Endprodukt dieser Diskussion ist nun verfügbar. Es ist aber noch zu früh, um zu sagen, wie es in den Schulen und in der Berufsbildung konkret genutzt wird. In der Berufsberatung kann es als Grundlage dienen, etwa als Informationsquelle für die Anforderungsprofile bestimmter Berufe.

Eine letzte Frage: Wie lange bleiben Sie der KBSB als Präsident noch erhalten?
Ich habe dieses Amt in einer Übergangsphase übernommen. In unserer Organisation sind junge Amtsleiter aus grossen Kantonen vertreten. In zwei oder drei Jahren werden sie so weit sein, dass sie mich ablösen können.

Links und Literaturhinweise

www.kbsb.ch

Kasten

KBSB, SDBB, EDK: Wer macht was?

Das oberste politische Organ im Bildungswesen ist die EDK. Ihr sind mehrere Konferenzen untergeordnet, unter anderem auch die Schweizerische Konferenz der Leiterinnen und Leiter der Berufs- und Studienberatung (KBSB). Das Schweizerische Dienstleistungszentrum Berufsbildung | Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (SDBB) erbringt als Fachagentur der EDK Dienstleistungen für die Kantone und Verbundpartner in der Berufsbildung und der BSLB. Die vom SDBB herausgegebenen Informationsdienstleistungen werden vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mitfinanziert. Wenn die Kantone ein Projekt entwickeln wollen, erarbeiten sie einen Auftrag für das SDBB und stellen dessen Finanzierung (über die EDK) sicher. Das Projekt wird dann ins Tätigkeitsprogramm des SDBB aufgenommen. Die Kantone geben also den Anstoss, das SDBB übernimmt die operative Umsetzung und die EDK regelt die Finanzierung. sk/ir

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