Ausgabe 02 | 2014

BERUFSBILDUNG

Berufsfachschulen

Kompetenz fördern heisst personalisiert unterrichten

Ein gross angelegtes Projekt sucht Antworten auf die Frage, wie kompetenzorientierter Unterricht geplant und gesteuert werden kann. Personalisierter und dynamischer, lautet die Antwort.

Von Manfred Künzel. Er ist Mittel- und Hochschuldidaktiker und leitete das Projekt «Kompetenzbasierte Lernmodule».

Im traditionellen Unterricht beziehen sich die Lernziele auf Wissen oder bestimmte Fertigkeiten. Neu werden Lernziele als Kompetenzen formuliert. Damit verändern sich der Unterricht, seine Planung und die Messung der Leistung. Nicht mehr der Stoff ist im Zentrum, sondern das Problem und die Kompetenz, es zu lösen. Was das in der Berufsbildung bedeutet, lässt sich an einem Aufgabenbeispiel zeigen: Reparieren eines Rollers Honda SZX50 mit defekter Zündung. Das erfordert folgende Kompetenzen: Vorhandene Informationen analysieren, Informationen zum Zündsystem der Honda SZX50 beschaffen und verstehen, englische Werkstatthandbücher interpretieren, methodisch Fehler suchen und beheben. Die Lehrperson steht vor zwei grossen Herausforderungen: Ab wann kann sie bescheinigen, dass die Kompetenz, ein Zündproblem zu beheben, erworben ist? Und: Wie kann sie diese Kompetenz so fördern, dass sie nicht alle Motorradtypen durchexerzieren muss? Dies umso mehr, als an einem Roller nicht nur die Zündung versagen kann, sondern auch Bremsen, Motoren und Getriebe. Wer traditionell unterrichtet, würde jetzt über Stoffdruck klagen. Kann kompetenzbasierter Unterricht so geplant werden, dass ohne Stoffdruck genügend Verarbeitungstiefe erreicht wird? Im Projekt «Kompetenzbasierte Lernmodule» (vgl. Kasten) haben Lehrpersonen von fünf Berufsfachschulen und fünf Gymnasien entsprechende Ausbildungsformen entwickelt, getestet und dokumentiert.

Erkenntnisse

Drei wichtige Erkenntnisse wurden gewonnen. Erstens: Hinter jeder Aufgabe stecken allgemeinere Kompetenzen, welche die Lernenden auf unterschiedlichen Wegen und unterschiedlich gut erwerben. Es geht darum, eine Problemlösestrategie zu entwickeln. Diese allgemeine Kompetenz hilft für eine Vielzahl von Aufgaben. Zweitens: Allgemeinere Kompetenzen werden besser erworben, wenn personalisiert gearbeitet wird. Die Lernenden können dabei auf ihre bisherigen, individuellen Problemlösestrategien zurückgreifen. Diese sind kritisch zu betrachten und mit jeder Aufgabe zu verändern. Drittens: Personalisierter Unterricht läuft dynamischer ab und umfasst andere Elemente als der stofforientierte. Mit den nachfolgend beschriebenen sechs «Dynamiken» lässt sich ein Rahmen schaffen, der – auch im Klassenverband – eine kompetenzorientierte Lernumgebung ermöglicht.
Erste Dynamik: Zielkompetenzen und Ressourcen finden
Ziele und Vorwissen sind zu unterscheiden. Einige Lernende verfügen über Vorwissen, es ist für sie eine Ressource. Für andere sind genau dies die wesentlichen Ziele, die sie mit der Aufgabe erreichen können. Dafür benötigen sie die Unterstützung der Lehrperson. Fazit: Kompetenzen für einen bestimmten Aufgabentyp können im Voraus identifiziert werden. Ob diese Kompetenzen aber Ziele oder Ressourcen sind, kann erst beim Lösen der Aufgaben erkannt werden. Die Ziel- und Ressourcenfindung ist ein dynamischer und personalisierter Prozess.
Zweite Dynamik: Komplexität reduzieren und aufbauen
Aufgaben und Situationen werden in der Schule einfacher dargestellt, als sie sich in der Arbeits- und Lebenswelt präsentieren. So können Erfahrungen gesammelt werden, ohne zu verzweifeln oder zu versagen. Danach wird die Komplexität – individuell angepasst – wieder erhöht. Im Projekt wurden mehrere Strategien gefunden, wie eine Aufgabe für Lernende adäquat schwieriger gemacht werden kann. Beispiele: Die Aufgabe muss selbstständig gelöst werden, es ist ein anderer Bauteil defekt, es gibt gleichzeitig mehrere Probleme zu beheben. Fazit: Die Herausforderung besteht darin festzustellen, welche Lernenden einer Komplexitätserhöhung bereits folgen können und welche zuerst ihre Kompetenzen auf einfacherer Stufe und mit mehr Unterstützung festigen müssen.
Dritte Dynamik: Räume nach eigenen Bedürfnissen gestalten
Arbeit findet in realen, sozialen und virtuellen Räumen statt. Diese können durch die Lehrperson grob definiert und eingerichtet werden. Falls in Gruppen gearbeitet wird, lohnt es sich, den Teamaufbau (sozialer Raum) zu unterstützen. Für eine echte Zusammenarbeit ist es wichtig, Probleme zu stellen, für deren Lösung wirklich ein Team nötig ist. Viele Teams waren fähig, ihre virtuellen Räume (Ablage von Dokumenten, Kommunikation in der Gruppe, Projektmanagement) selbst einzurichten. Die selbstbestimmte Nutzung von Zeit- und Arbeitsräumen ist eine wichtige Kompetenz, die bei fast jeder Problembearbeitung in der Praxis gebraucht wird. Fazit: Reale, soziale und virtuelle Räume müssen von den Lernenden nach ihren Bedürfnissen gestaltet werden können. Falls zu viel vorbestimmt ist, werden diese Beteiligung und damit auch der Praxistransfer behindert.
Vierte Dynamik: Sinn geben und erfahren
Das Engagement der Lernenden ist grösser, wenn sie einen Auftrag als sinnvoll empfinden. Folgende Faktoren liessen Aufgaben in den Augen vieler Lernender als sinnvoll erscheinen: Arbeiten mit realen, sinnlich erfahrbaren Gegenständen; Übersicht über das ganze Problem und seine Teile; selbstständige Auswahl oder individuelles Ergänzen von Problemen (weitere Faktoren im Ergänzungsdokument, vgl. Fussnote). Fazit: Motivation und Sinn sind wichtig für echtes Engagement und dieses wiederum zentral für Kompetenzerwerb. Welchen Sinn ein Auftrag macht, ist typischerweise individuell verschieden.
Fünfte Dynamik: Umgang mit Erfolg und Misserfolg
Beim Lösen von Problemen kommt es zu Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen. Aus beidem kann gelernt werden – oder auch nicht. Dauernder Misserfolg führt zu verminderter Anstrengung und verändert auf Dauer das Selbstbild, dauernder rascher Erfolg aber genauso. Fazit: Die Aufgaben und die Unterstützung müssen so personalisiert werden, dass aus (Miss)-erfolg gelernt wird. Die Komplexitätsreduktion und der Komplexitätsaufbau sind wichtige Instrumente dazu.
Sechste Dynamik: Kompetenzkombination
Um einen Auftrag umzusetzen, muss eine Situation erst beschrieben, analysiert und bewertet werden (Abstraktion). Dann müssen Ideen, Strategien und Pläne entwickelt und umgesetzt werden (Konkretisierung). Dieser Prozess sollte, soweit möglich, auch in Kompetenzmodulen ablaufen. Das kann mit dem Bogenmodell (vgl. Grafik) überprüft werden. Fazit: Spannende und realitätsnahe Aufträge durchlaufen die Schritte des Bogenmodells. Falls Lernende nicht weiterkommen, kann mit diesem Instrument auch einigermassen genau festgestellt werden, bei welchem Schritt sie allenfalls Probleme haben.

Eine Unterrichtsanlage

Die bisher wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt «Kompetenzbasierte Lernmodule» sind, dass Kompetenzen ein dynamisches und sehr persönliches Konstrukt sind. Sie werden nicht einfach erreicht, sondern im Verlaufe der Ausbildung auf unterschiedliche Aufgaben und Situationen transferierbar gemacht. Es lohnt sich, eine recht allgemeine Kompetenz zu definieren und eine entsprechende Unterrichtsanlage zu entwickeln. Danach kann mit dieser Anlage ein Grossteil des Unterrichts abgedeckt werden. Es reicht, die Thematik oder die Probleme zu ändern oder die Komplexität und die Selbstständigkeit zu erhöhen. Es ist nicht Methodenvielfalt und Unterhaltung gewünscht, um uninteressanten Stoff zu vermitteln. Stattdessen sollten Aufgaben gestellt werden, die in sich motivierend sind.

Links und Literaturhinweise

Ausführlichere Version dieses Artikels
www.stiftung-mercator.ch

Kasten

Projekt «Personalisiertes Lernen»

Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt Schulen, die versuchen, ihre Schülerinnen und Schüler mit personalisierten Lernformen individuell und bedarfsgerecht zu fördern. An über 50 Schulen aus der ganzen Deutschschweiz werden von 2011 bis 2015 zusammen mit Hochschulen, Schulnetzwerken, Lehrmittelverlagen und IT-Anbietern zehn solche Projekte durchgeführt. Beteiligt sind Schulen vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe II. Es sollen Grundlagen, Erkenntnisse und Praktiken für die Schulentwicklung und die Weiterbildung von Lehrpersonen erarbeitet werden. Für das Teilprojekt «Kompetenzbasierte Lernmodule» auf der Sekundarstufe II stehen eine halbe Million Franken zur Verfügung.

Kommentare
 
 
 
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Marietheres Schuler | 15. Mai 2014, 15:09

Guten Tag
Leider funktioniert der Link auf das Beispiel 5 in der ausführlichen Version des Artikels nicht (bit.ly/pan778)
Könnten Sie mir den Artikel per Mail zustellen?
Besten Dank und freundliche Grüsse
M. Schuler

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