Ausgabe 02 | 2014

Fokus "Höhere Berufsbildung"

Berufsprüfungen und höhere Fachprüfungen

Wer sind die eidg. dipl. Berufsleute?

Absolventinnen und Absolventen von eidgenössischen Prüfungen der höheren Berufsbildung unterscheiden sich von Hochschulstudierenden in vielerlei Hinsicht. Diese Unterschiede spielen auch in politischen Debatten – etwa zur öffentlichen Finanzierung – eine wichtige Rolle.

Von Sarah Neukomm, Politologin und Projektleiterin beim Forschungs- und Beratungsunternehmen econcept AG, und Ladina Rageth, Soziologin und freie Mitarbeiterin

2010 wurden gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz beinahe 40% der Abschlüsse auf der Tertiärstufe im Bereich der höheren Berufsbildung vergeben. Dabei erhielten 46% der rund 28'000 Absolventen/-innen der höheren Berufsbildung einen eidg. Fachausweis (Berufsprüfung, BP) und 11% ein eidg. Diplom (höhere Fachprüfung, HFP). Insgesamt kommt man auf etwas mehr als 16'000 Absolventen/-innen einer eidg. Prüfung, was die hohe Bedeutung dieser Ausbildungen im Schweizer Bildungssystem unterstreicht. Die höhere Berufsbildung vermittelt Qualifikationen, die zum Ausüben einer anspruchs- und verantwortungsvollen Berufstätigkeit erforderlich sind. Dies widerspiegelt sich sowohl im Profil der Kandidaten/-innen der eidg. Prüfungen wie auch in ihren beruflichen und finanziellen Voraussetzungen. Die Kandidierenden unterscheiden sich soziodemografisch und sozioökonomisch deutlich von den Studierenden der Hochschulen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass auch unter den rund 440 eidg. Prüfungen zum Teil sehr heterogene Verhältnisse bestehen. Im Folgenden werden die Resultate einer im Auftrag des SBFI durchgeführten Befragung der Kandidaten/-innen der eidg. Prüfungen (BP und HFP) im Jahr 2010 mit den Angaben zu Studierenden verglichen, die 2009 an einer Schweizer Hochschule in einem Bachelor-, Master- oder Diplomstudium eingeschrieben waren. In den aktuellen politischen Debatten spielen solche Vergleiche, auf deren Basis erst eine differenzierte Wahrnehmung der verschiedenen Ausbildungen im Tertiärbereich möglich wird, eine wichtige Rolle. Nur so kann es gelingen, bestehende Ungleichgewichte oder Ungerechtigkeiten, wie sie zurzeit etwa in Bezug auf die öffentliche Finanzierung diskutiert werden, fundiert zu beurteilen.

Mann, Schweizer, 30 Jahre, voll erwerbstätig

Bereits ein Blick auf die soziodemografischen Merkmale deckt wichtige Unterschiede zwischen Kandidierenden der eidg. Prüfungen und den Studierenden der Schweizer Hochschulen auf. Während es sich bei den Kandidierenden für einen Fachausweis oder ein Diplom mehrheitlich um Männer handelt (BP: 61%, HFP: 83%), überwiegen bei den Hochschulstudierenden knapp die Frauen (52%). Nicht nur Frauen, sondern auch ausländische Personen sind an den Hochschulen stärker vertreten: Wer eine BP oder HFP macht, hat in der Regel einen Schweizer Pass (über 90%), während an den Hochschulen beinahe ein Fünftel der Studierenden eine andere Nationalität hat. Mit einem Durchschnittsalter von etwa 30 Jahren zum Zeitpunkt der Prüfung sind die Kandidaten/-innen der eidg. Prüfungen einige Jahre älter als Studierende an einer Hochschule: Das Durchschnittsalter beim Antritt des Bachelorstudiums beträgt an den universitären Hochschulen knapp 21 Jahre, bei den Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen gut 23 Jahre. Die Teilnahme an einer eidg. Prüfung setzt eine abgeschlossene berufliche Grundbildung und mehrjährige Berufserfahrung voraus. Mit durchschnittlich 17 Jahren Berufserfahrung können die Prüfungskandidierenden bereits ein hohes Mass an beruflicher Praxis vorweisen. Seit dem Erwerb des letzten Bildungsabschlusses sind im Durchschnitt 8 bis 9 Jahre vergangen. Bei den BP handelt es sich meistens um eine Berufslehre. Bei den HFP verfügen beinahe 60% bereits über einen Abschluss der höheren Berufsbildung. Studierende an einer Hochschule haben in der Regel die gymnasiale Maturität oder – insbesondere bei den Fachhochschulen – die Berufsmaturität absolviert. Bei den FH liegt der Anteil der Studierenden mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung immerhin bei 49% (Vollzeitstudium) bzw. 74% (berufsbegleitendes Studium). Die überwiegende Mehrheit der Kandidaten/-innen (90%) befindet sich während der Vorbereitung auf die eidg. Prüfung in einem regelmässigen Anstellungsverhältnis und arbeitet mit einem Pensum von mindestens 90%. Daneben besuchen 80% bis 90% einen Vorbereitungskurs. Das mittlere monatliche Bruttoeinkommen beträgt vor der eidg. Prüfung rund 5500 Franken (BP) resp. 6700 Franken (HFP). Nach Bestehen der Prüfung steigt der Lohn bei der Mehrheit deutlich an. An den Hochschulen gehen zwar ebenfalls drei Viertel der Studierenden neben ihrem Studium einer bezahlten Arbeit nach, jedoch meist mit einem erheblich geringeren Pensum. 90% der Studierenden einer Hochschule werden noch von der Familie unterstützt. Studierenden, die nicht mehr im Elternhaus wohnen, stehen monatlich durchschnittlich rund 2000 Franken zur Verfügung.

Genug Geld, zu wenig Zeit

Entsprechend ihrem Alter haben die Kandidaten/-innen von eidg. Prüfungen häufig familiäre und damit finanzielle Verpflichtungen: 26% der BP- bzw. 39% der HFP-Kandidierenden leben in einer Partnerschaft mit Kind(ern) oder sind alleinerziehend. Zum Vergleich: Lediglich 4% der Studierenden an universitären Hochschulen und 7% der Studierenden an Fachhochschulen haben bereits ein Kind. Zudem lebt ein Grossteil noch im Elternhaus (40%), bei den eidg. Prüfungen ist dieser Anteil hingegen sehr gering. Die Kandidaten/-innen der eidg. Prüfungen berichten denn auch weniger von finanziellen Problemen als vielmehr von Vereinbarkeitsfragen sowie Zeitproblemen. Die Kosten für einen eidg. Abschluss liegen für die Kandidaten/-innen deutlich höher als die Gebühren für ein Hochschulstudium: Während für einen Bachelor an einer Hochschule insgesamt etwa 5000 Franken an Gebühren zu entrichten sind, betragen die Kosten für Vorbereitungskurs und Prüfung bei den BP durchschnittlich rund 11'000 Franken, bei den HFP rund 16'000 Franken. Die Kosten unterscheiden sich zwischen den zahlreichen Abschlüssen teilweise deutlich. Ihre Ausbildung finanzieren die Kandidierenden von eidg. Prüfungen zu grossen Teilen durch private Beiträge sowie durch Beiträge der Arbeitgeber. Private Beiträge in Form von eigenen Ersparnissen oder Zuwendungen von Verwandten haben einen hohen Stellenwert: Zwei Drittel finanzieren ihre Ausbildung ganz oder teilweise mit privatem Geld. Auch die Unterstützung durch den Arbeitgeber spielt eine wichtige Rolle: Beiträge in Form von vergüteten Abwesenheiten oder der Übernahme der Kurs- und Prüfungskosten erhalten bei den BP 57%. Bei den HFP ist dieser Anteil mit 67% noch etwas höher. Eine eher geringe Bedeutung haben öffentliche Beiträge sowie Beiträge der Branche. Auf öffentliche Beiträge (Stipendien, Darlehen, Sozialversicherungen) können 9% (BP) resp. 3,4% (HFP) der Kandidaten/ -innen zurückgreifen. Bei den Hochschulstudierenden liegt dieser Anteil mit 16% höher. Grössere Bedeutung hat bei den eidg. Prüfungen die Möglichkeit eines Steuerabzugs. Die Mehrheit kann die Ausbildungskosten zumindest teilweise von den Steuern abziehen, wobei jedoch eine kantonal sehr unterschiedliche Steuerpraxis zum Tragen kommt. Aufgrund des geringen Einkommens fällt bei den Studierenden an Hochschulen ein Steuerabzug kaum ins Gewicht. Hauptmotive zur Teilnahme an einer eidg. Prüfung sind das persönliche Interesse, die Weiterqualifikation, die Aussicht, anspruchsvollere Tätigkeiten ausüben zu können, sowie die Verbesserung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein Blick auf die beruflichen Tätigkeiten der Absolventen/ -innen etwa ein Jahr nach Erhalt des Fachausweises bzw. Diploms zeigt, dass die Erwartungen erfüllt werden: Der erfolgreiche Abschluss wurde häufig mit einer Lohnerhöhung (bei 90%) und mit einer Ausweitung der Verantwortlichkeiten (bei 40%) belohnt. Bei rund einem Viertel folgte innerhalb eines Jahres ein Stellenwechsel. Bei den Studierenden an Hochschulen ist das erste Jahr nach dem Abschluss demgegenüber bei der grossen Mehrheit durch den Berufseintritt geprägt.

Links und Literaturhinweise

Neukomm, S., Rageth, L., Bösch, L. (2011): Befragung der Kandidierenden der eidgenössischen Prüfungen im Bereich der höheren Berufsbildung. Zürich, econcept AG.
Bundesamt für Statistik (2010): Studieren unter Bologna: Hauptbericht der Erhebung zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden an den Schweizer Hochschulen 2009. Neuchâtel, BFS.

Kasten

Die häufigsten Prüfungen und wer sie besteht

Die zehn häufigsten Berufsprüfungen (Anzahl Absolventen/-innen, 2012):
1. HR-Fachmann/-frau: 909
2. Technische/r Kaufmann/-frau: 715
3. Polizist/in: 703
4. Ausbilder/in: 671
5. Fachmann/-frau im Finanz- und Rechnungswesen: 561
6. Marketingfachmann/-frau: 550
7. Sozialversicherungsfachmann/-frau: 435
8. Immobilienbewirtschafter/in: 360
9. Elektro-Sicherheitsberater/in: 319
10. Verkaufsfachmann/-frau: 304
Die Erfolgsquote der Kandidaten/-innen der Berufsprüfungen schwankt in der Regel zwischen 50% und 80%. Es bestehen also längst nicht alle diese Prüfungen. Eine Umfrage von PANORAMA bei einigen Prüfungsverantwortlichen ergab die folgenden Erfolgsfaktoren: Kandidaten/-innen sind erfolgreicher, wenn sie langjährige Berufserfahrung und nicht nur das reglementarisch vorgeschriebene Minimum haben. Der Besuch eines Vorbereitungskurses ist die Regel, dabei sollte auch auf die Qualität der Schule geachtet werden, die offenbar unterschiedlich ist. Selbstverständlich spielt der Umfang der eigenen Lernanstrengung eine Rolle sowie die Fähigkeit, die Praxis mit theoretischem Wissen zu verbinden. Die Kandidierenden sollten also nicht ausschliesslich aus ihrer Praxis heraus argumentieren, aber auch nicht lediglich angelesenes Wissen reproduzieren. sk

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