Ausgabe 02 | 2014

Fokus "Höhere Berufsbildung"

Berufsfelddidaktik der höheren Berufsbildung

Didaktischer Paradigmenwechsel

Die höhere Berufsbildung ist – unabhängig von bildungspolitischen Diskussionen – schon lange daran, sich zu reformieren. So orientieren sich die neuen Rahmenlehrpläne der Bildungsgänge an höheren Fachschulen an Handlungskompetenzen – ein Paradigmenwechsel.

Von Andreas Schubiger, Rektor/stv. Direktor des Zentrums für berufliche Weiterbildung (ZbW) in St. Gallen, und Susan Rosen, Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des ZbW-Kompetenzzentrums für angewandte Berufspädagogik

Neue Bildungssteuerung: Vom Primat des Inhalts zur Förderung der Handlungskompetenzen. (Bild: Fotolia/Igor Mojzes)

Neue Bildungssteuerung: Vom Primat des Inhalts zur Förderung der Handlungskompetenzen. (Bild: Fotolia/Igor Mojzes)

Die höhere Berufsbildung stellt im Bereich der nicht akademischen beruflichen Bildung einen wichtigen Pfeiler dar. Ihre Ausrichtung am Arbeitsmarkt sowie die Orientierung an den beruflichen Erfahrungen der Studierenden zeichnet sie aus. Sie leistet einen Beitrag zur Abdeckung des Fachkräftebedarfs und Erhaltung des Wohlstands, wie etwa Avenir Suisse in einer Studie 2012 festhielt. Mit dem Buch «Berufsfelddidaktik der höheren Berufsbildung», das wir im Auftrag der Schweizerischen Konferenz der höheren Fachschulen verfassten, soll ein Beitrag zur Umsetzung der Vorgaben des Berufsbildungsgesetzes und zur Entwicklung der höheren Berufsbildung geleistet werden. Im Buch wird zum ersten Mal die Didaktik der höheren Berufsbildung beschrieben und ein Modell zur kompetenzorientierten Bildungssteuerung präsentiert. Bildungsverantwortliche, Lehrgangsleitungen und Lehrpersonen erhalten mit diesem Werk ein Instrument zur Entwicklung, Analyse und Umsetzung von Rahmenlehrplänen, Schullehrplänen und zur Planung von Unterricht. Damit soll ihnen der Paradigmenwechsel zur Kompetenzorientierung in der höheren Berufsbildung gelingen. Das erfordert ein Umdenken und eine konsequente Neuausrichtung didaktischen Handelns. Der alleinige Bezug zum Fach und zu den Inhalten reicht nicht mehr aus. Vielmehr sind Konzepte erforderlich, die sich an lebens- und berufsnahen Situationen orientieren. Mit ihnen lässt sich die höhere Berufsbildung auch im nationalen Qualifikationsrahmen positionieren, welcher sich ebenfalls an den Resultaten von Bildungsmassnahmen orientiert.

Generisches Modell für alle Planungsebenen

Im vorliegenden Buch stellen wir ein generisches Modell zur kompetenzorientierten Bildungssteuerung auf drei Ebenen vor: der Makroebene zur Entwicklung von Rahmenlehrplänen, der Mesoebene zur Entwicklung von Schullehrplänen und der Mikro-ebene zur Entwicklung von Unterricht. Das Prozessmodell ermöglicht es, begründete Entscheidungen aus berufsfelddidaktischer Perspektive zu treffen. Dazu gehören auf der Makroebene beispielsweise didaktische Entscheidungen zum Berufsprofil, zum Arbeitsfeld, zu den Qualifikationsanforderungen, zum Kompetenzprofil und zu den Fach- und Bezugswissenschaften. Auf der Mesoebene gilt es, spezifische didaktische Entscheidungen zum Angebotsdesign, zu Arbeitssituationen und beruflichen Kompetenzen zu fällen. Auf der Mikroebene sind unterrichtsdidaktische Festlegungen zu machen zur Transformation relevanter Arbeitsprozesse in Lernsituationen, zum Kompetenzerwerb (Lernen), zur Unterstützung in der Kompetenzentwicklung (Lehren) oder zur Auswahl und Aufbereitung von Bildungsinhalten. Die konkreten Anforderungen, Verantwortungs- und Aufgabenbereiche lassen sich anhand generischer Leitfragen analysieren. «Welche Aufgaben und Tätigkeiten kennzeichnen das Berufs- und Arbeitsfeld?», ist auf Ebene Rahmenlehrpläne zu fragen. «Welche Kompetenzen sind für die Bewältigung bestimmter Arbeitssituationen erforderlich?», untersuchen Schullehrpläne. «Wie können im Unterricht die Kompetenzen stufenweise entwickelt werden?», müssen Lehrpersonen wissen. Das Prozessmodell hilft ihnen allen, ihre berufsfeldspezifische Didaktik unter Berücksichtigung des Bedarfs der Betriebe und der Bedürfnisse der Studierenden zu entwickeln. So gelingt der Paradigmenwechsel vom Inhaltsprimat zur gezielten Förderung der Handlungskompetenz, mit dem sie das Qualitätsmerkmal der betriebs- und berufsnahen Ausbildung in Abgrenzung zur akademischen Bildung pflegen und weiterentwickeln können.

Links und Literaturhinweise

Rosen, S., Schubiger, A. (2013): Berufsfelddidaktik der höheren Berufsbildung. Ein generischer Ansatz zur Entwicklung spezifischer Berufsfelddidaktiken. Bern, hep verlag.

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