Ausgabe 02 | 2014

Fokus "Höhere Berufsbildung"

Höhere Berufsbildung und Fachhochschulen

Zwei Schwestern im Streit

Höhere Berufsbildung und Fachhochschulen sind komplementär, stehen aber in einem bitteren Konkurrenzverhältnis im Stellenmarkt und in der Bildungspolitik. Den Streit um die Titelfrage muss nun das Parlament entscheiden.

Von Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und alt Nationalrat, heute Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB)

Drohende Marginalisierung in wissensbasierten Wirtschaftsbranchen: Die Aufwertung der höheren Berufsbildung wird zur Schicksalsfrage für das duale Berufsbildungssystem. (Bild: Fotolia/lightpoet)

Drohende Marginalisierung in wissensbasierten Wirtschaftsbranchen: Die Aufwertung der höheren Berufsbildung wird zur Schicksalsfrage für das duale Berufsbildungssystem. (Bild: Fotolia/lightpoet)

Ohne die Weiterbildungsstufen der höheren Berufsbildung gälte die Berufslehre in manchen wissensbasierten Berufen als Sackgasse bezüglich Karriere und Wissensanspruch. Um die 25 Prozent aller Absolventen einer Berufslehre mit EFZ bilden sich später irgendwann in einer höheren Berufsbildung (HBB) weiter, rund ein Sechstel geht an eine Fachhochschule. Die Diffusion neuer Technologien und neuen Prozesswissens in die KMU-Wirtschaft verläuft heute vorwiegend über die höhere Berufsbildung. Man denke an die in den letzten zehn Jahren entwickelten Gebäudetechniken in den Bereichen Heizung, Sensorik, Solar- oder Wärmepumpen-energie, an die Gebäudeautomation, an die Mechatronik oder die Businessinformatik. Oder man denke im KV-Bereich an die flächendeckende Einführung neuer Rechnungslegungsstandards, das Betriebscontrolling, die Wirtschaftsprüfung oder das Treuhandwesen. Die HBB-Absolventen sind die Meister, die Teamchefs, die mittleren Kader der KMU, die ihrerseits fast zwei Drittel aller Beschäftigten in der Schweiz umfassen.

Grosse Bedeutung – mit zwei Stigmata

Gemäss Bundesamt für Statistik sind die HBB-Absolventen zahlenmässig die gefragtesten Fachkräfte im Arbeitsmarkt. Im Sekundärsektor beklagen rund 20 Prozent der Betriebe Rekrutierungsprobleme bei Personen mit höherer Berufsbildung, 17 Prozent sind es bei Fachleuten mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) und erst danach 15 Prozent bei den Hochschulabsolventen (die Zahlen sind nach Firmenhäufigkeit gewichtet). Das System der höheren Berufsbildung hat allerdings zwei Stigmata. Erstens die hohen Kosten. Zahlreiche höhere Fachschulen werden von staatlichen Stellen getragen und von Bund und Kantonen mitfinanziert; andere wiederum sind rein privat organisiert und kosten 8000 bis 10'000 Franken Studiengebühr pro Jahr. An den öffentlichen Hochschulen betragen sie demgegenüber pro Studienjahr etwa 1500 Franken. Die Vorbereitungskurse für die Berufsprüfung und höhere Fachprüfung werden privat oder verbandlich bezahlt, die Prüfungen werden neu zu 60 Prozent vom Bund teilfinanziert. Eine höhere Berufsbildung mit Diplom oder Fachausweis kann gut und gerne zwischen 20'000 und 35'000 Franken kosten. Das ist eine echte Hürde: Wenn der Arbeitgeber nicht zahlt, ist eine solche HBB-Ausbildung aufwendiger und hürdenreicher als normale Hochschulstudiengänge. Das zweite Stigma der höheren Berufsbildung: Die Abschlüsse sind international nicht kompatibel und kennen keine Titeläquivalenz gegenüber ausländischen Diplomen. Es gibt bei uns rund 800 Diplom- und Fachausweis-Bezeichnungen, die in ihrer Branche zwar geschätzt sind. Aber es fehlt ein übergreifender Titel, der imagebildend für die ganze Bildungsstufe steht. Zum Vergleich: EFZ und EBA sind übergreifende Abschlüsse in der beruflichen Grundbildung; und Bachelor, Master, Doktorat sind fächerübergreifende Titel auf Hochschulebene. Darum wird die HBB so wenig wahrgenommen und es fehlt die gesellschaftliche Bekanntheit und Reputation dieses Bildungstyps. Unglaublich, mit welcher Ignoranz sich Akademiker über die Bedeutung der HBB hinwegsetzen, jüngst auch in der Studie «Nationen im Innovationswettlauf» von Beat Hotz-Hart und Adrian Rohner, in der die HBB als Technologiediffusionskanal schlicht nicht vorkommt.

Titeläquivalenz für HBB-Abschlüsse gefordert

Zehntausende von schweizerischen Diplominhaberinnen und -inhabern der HBB stehen im Zeichen der Personenfreizügigkeit in Konkurrenz mit ausländischen Bachelors oder Masters, die weniger können und im Europäischen Qualifikationsrahmen nicht höher einzustufen sind, aber mit einem akademischen Titel daherkommen. Die Weiterbildungsszene, die Bildungsanbieter, der Schweizerische Gewerbeverband, die Bankenwelt und weitere Arbeitgeber fordern mit gutem Recht die Einführung der übergeordneten Titel «Professional Bachelor» und «Professional Master» für die HBB-Diplome, und zwar zusätzlich zur deutschen Diplombezeichnung. Gegen solchen Fortschritt führen die Fachhochschulen einen ärgerlichen Standeskrieg. Die Alumni-Vereinigung der Fachhochschulabsolventen polemisiert aus standespolitischen Gründen gegen die Titeläquivalenz ihrer Schwesterinstitutionen, die einen «Professional Bachelor» fordern. Der Stab «Business Intelligence» Zürcher Fachhochschule (ZHAW School of Management and Law) streut eine von Erica Lopez verfasste «Studie», die mit unsauberen Vergleichen zum Schluss kommt, der Titel eines Professional Bachelor der HBB «würde die Trennung zwischen den Fachhochschulen und den höheren Fachschulen in der Schweiz verwässern». Das SBFI liess mit teurem Geld eine Umfrage bei HR-Leuten erstellen, die – kein Wunder – grösstenteils nicht einmal wissen, was die HBB ist. Professor Stefan Wolter, der häufig die Vorzüge der Berufsbildung hervorhebt, widersetzt sich als Uni-Dozent ohne wissenschaftliche Untermauerung und aus Standesgründen gegen die Titeläquivalenz. Ergebnis: Das SBFI beantragte eine Ablehnung der HBB-Titelaufwertung, ohne allerdings bessere Vorschläge für eine einheitliche Titelgestaltung zu unterbreiten. Die Abschluss-Spezifizierung in einem Diploma Supplement mit einer Einstufung in den Europäischen oder Nationalen Qualifikationsrahmen, wie er nun vom SBFI vorgeschlagen wird, ist kein Ersatz für die gesellschaftliche Reputation, die ein übergeordneter Titel verschafft. Diese Ein- stufung aller Berufsabschlüsse in einem Qualifikationsrahmen wird zu einer hochbürokratischen Prozedur führen. Nun liegt der Ball beim Parlament, das bald über die Motion «Titeläquivalenz für die höhere Berufsbildung» (12.3511 von Nationalrat Matthias Aebischer, Bern) beschliessen muss. Fazit: Die Aufwertung der HBB wird zur Schicksalsfrage des dualen Berufsbildungssystems. Denn ohne die gesellschaftliche und arbeitsmarktliche Titelanerkennung der höheren Berufsbildung als Standard-Weiterbildungsstufe Tertiär B droht der dualen Berufslehre vor allem in den wissensbasierten Wirtschaftsbranchen die Marginalisierung.

Kasten

Grössenvergleich: Tertiärbildung in Zahlen

Wer weiss schon, dass den 28'500 Absolventen von Hochschulen pro Jahr etwa 27'000 Absolventen der höheren Berufsbildung (HBB) gegenüberstehen (hier sind die Abschlüsse in Universitäten, ETH und Fachhochschulen ohne Doppelzählungen von Bachelor/Master/Doktorat gerechnet)? Dieses Grössenverhältnis zeigt die wirtschaftliche Bedeutung der HBB in der schweizerischen Tertiärbildungslandschaft. Die Fachhochschulen alleine zählen jährlich 13'500 Diplomierte (wobei auch hier die Doppelzählungen Bachelor/Master eliminiert sind). Die Abschlüsse der höheren Berufsbildung teilten sich 2011 wie folgt auf:
- 7100 Diplome von höheren Fachschulen (HF)
- 3000 eidg. Diplome nach eidg. höheren Fachprüfungen (HFP)
- 13'100 eidg. Fachausweise nach eidg. Berufsprüfungen (BP)
- 3800 Abschlüsse der eidg. nicht reglementierten HBB

Kasten

Fachhochschulen in der Akademisierungsfalle

Fachhochschulen stehen im Sandwich zwischen der praxisorientierteren höheren Berufsbildung HBB und den theoriestärkeren Universitäten. Fachhochschulabsolventen sind im Arbeitsmarkt stärker begehrt und etwa gleich bezahlt wie Universitätsabsolventen der Masterstufe – mit Ausnahmen wie FH-Abschlüsse in Design, Musik, Theater, Tanz und Künsten. Die Fachhochschulen tendieren in Richtung Akademisierung. Sie verlangen von ihren Dozenten die Promotion, die nur universitäre Hochschulen vergeben können. Sie berauben sich dadurch der Möglichkeit, Dozierende aus der Betriebspraxis zu rekrutieren. Sie eifern den Universitäten nach, werden aber von Universitätsprofessorinnen und -Professoren häufig als «Hochschulen zweiter Klasse» behandelt, als eine Art Überlaufmodell für Studenten oder Dozentinnen, die die universitären Hürden nicht schaffen. Die Unterstellung der Fachhochschulen unter den Schweizerischen Hochschulrat und die Akkreditierungsagentur innerhalb des vorgesehenen Organisationsmonsters des Hochschulförderungs- und -koordinationsgesetzes (HFKG) ab 2015 wird ihrer Rekantonalisierung und weiteren Akademisierung Vorschub leisten. In einigen Fachhochschulen, vor allem jenen in der Westschweiz, hat die Tendenz Platz gegriffen, die Klassen vermehrt mit gymnasialen Maturanden ohne vorlaufende Berufspraxis aufzufüllen. Sie verletzen dabei wissentlich das Zulassungserfordernis nach dem HFKG, das für gymnasiale Maturanden eine mindestens einjährige Arbeitswelterfahrung verlangt. Mit dieser gymnasialen Ausrichtung wird das ursprüngliche Markenzeichen «gleichwertig, aber andersartig» der Fachhochschulen unterlaufen. Bezüglich Reputation und Arbeitsmarktfähigkeit geraten die Fachhochschulen in die Akademisierungsfalle. Sie spüren das, und das macht sie offensiv gegen ihre Schwester, die höhere Berufsbildung Tertiär B.

Kommentare
 
 
 
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Elena Wilhelm | 29. Apr 2014, 13:30

Sehr geehrter Herr Strahm

Sie werfen den am Diskurs Beteiligten Polemik und Ideologie vor. Ihr eigener Artikel verstärkt allerdings eher einen zynischen und in Dogmen verharrenden Dialog. Ideologische Argumente sind – wie Sie selber betonen – unfruchtbar und einem weiterführenden Diskurs abträglich.

Es geht weder um Abgrenzung noch um Status. Es gibt aber professions-, bildungs- und gesellschaftstheoretische Begründungen (und der theoretischen Reflexion und Begründung sind wir letztlich ja verpflichtet, wenn wir Diskurs von Ideologie unterscheiden), weshalb die Bildung an Fachhochschulen eine sowohl wissenschaftlich-methodologische fundierte als auch eine praxisorientiert-interventionspraktische sein muss und weshalb sich diese sowohl von der höheren Berufsbildung als auch von der universitären Bildung unterscheidet.

Genau in dieser doppelten Verfasstheit der Bildung liegt das Spezifika der Fachhochschulen. Und hierfür haben die Fachhochschulen unterschiedlich qualifiziertes Personal und unterschiedliche Bildungsorte (Vorlesungsräume, Seminare, Praxis, Labore, Ambulatorien, Werkstätten, Gemeinwesen, digitale Welten etc.).

Die Fachhochschulen befinden sich nicht an dem Ort, an dem Sie sie haben möchten. Der Rekurs auf die Akademisierung ist doch mittlerweile langweilig und anachronistisch. Die Fachhochschulen hatten einen begründeten Bedarf an akademischem Personal. Weder die Praxisorientierung noch das Handwerk wurden dadurch verbannt. In einigen Bachelor-Studienprogrammen werden gegen 30 Prozent der Ausbildung in der Praxis absolviert. Begleitet von versierten, erfahrenen Praktiker/innen, die in Verbindung und in einem reflexiven Austausch mit den Fachhochschulen stehen. Auf die inhaltliche, personelle und organisationale Kopplung von Lehre, Forschung und Praxis wurde viel Zeit und Entwicklungsarbeit verwendet. Sie werfen einigen Beteiligten Ignoranz und Unwissen gegenüber der HBB vor. Denselben Vorwurf richte ich an Sie betreffend Fachhochschulen und lade Sie gerne ein, sich einen objektiven Einblick in die Fachhochschulwelt und deren Entwicklungen in den letzten Jahren zu verschaffen.

Ihre Bemerkung, dass die Fachhochschulen ein Überlaufmodell für Studierende sind, die den Eintritt an eine Universität nicht schaffen (die Sie als hämische Kritik der Universitäten und nicht als ihre eigene vorgeben), ist doch desavouierend gegenüber allen Studierenden, die bewusst ein Fachhochschulstudium gewählt haben und dumm gegenüber all jenen Studierenden, die ja an einer Universität gar kein Studiums-Äquivalent vorfinden.

Wenn Sie den Bachelortitel für die höhere Berufsbildung schon fordern, dann wäre m.E. nur eine Differenzierung in Professional (Fachhochschule), Academic (Universität) und Vocational (höhere Berufsbildung) Bachelor theoretisch denkbar. Aber natürlich korrespondiert diese Titelabstufung nicht mit den Titeln im europäischen Raum und «vocational» und «professional» werden oft synonym verwendet. Kommt hinzu, dass bei einer solchen Logik und Differenzierung einige universitäre Fächer an die Fachhochschulen gehörten.

Es gibt keine einfache und es gibt keine richtige Lösung. Und es ist richtig: Was wir jetzt vorfinden ist nicht konzise. Aber ein Titel «Professional Bachelor» auf HBB-Stufe ist weder theoretisch noch bildungspolitisch im europäischen und schweizerischen Kontext begründbar und stiftet Verwirrung, Unklarheit, wirkt eher zerstörend denn weiterführend. Insofern stellt sich mir schon die Frage, inwiefern nicht Sie selber ein (unnötiges) Statusprojekt vorantreiben und weshalb es keine wirklich diskutablen Vorschläge gibt.

Beste Grüsse
Elena Wilhelm, ZHAW

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