Ausgabe 01 | 2014

ARBEITSMARKT

Arbeitsmedizin

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind ein Gesundheitsrisiko

Viele Studien stellen einen Zusammenhang fest zwischen unsicheren Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Problemen. Brigitta Danuser, Professorin für Arbeitsmedizin und Direktorin des «Institut universitaire romand de santé au travail», erläutert die wichtigsten Erkenntnisse.

Interview: Philippe Frossard

Von Brigitta Danuser: «In der Deutschschweiz hat die Arbeitsmedizin einen geringeren Stellenwert als in der Romandie.» (Bild: zvg)

Von Brigitta Danuser: «In der Deutschschweiz hat die Arbeitsmedizin einen geringeren Stellenwert als in der Romandie.» (Bild: zvg)

PANORAMA: Wie lässt sich der Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Problemen und prekären Arbeitsverhältnissen erklären? Brigitta Danuser: Im 19. Jahrhundert definierte man Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit. Für Sigmund Freud war Gesundheit die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können. In jüngerer Zeit interessiert sich die Wissenschaft für den arbeitenden Menschen. Sie definiert den physischen, biologischen und den psychosozialen Körper als eine «Ganzheit», die sich beim Arbeiten und beim Austausch mit ihrer Umgebung individuell formt. Gesundheit ist also ein schwer messbarer Zustand. Sie kann nur im Verhältnis zu konkreten Kriterien wie Mortalität und Morbidität oder über weniger klare Begriffe wie Wohlbefinden definiert werden.

Prekarität hat viele Gesichter. Für welche Aspekte interessiert sich die Arbeitsmedizin?
Bei einem Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt, bei Arbeitslosigkeit, Temporär- und Teilzeitarbeit sowie beruflicher Abstiegsgefahr besteht oft die Angst vor dem Verlust des sozialen Status. Deshalb interessiert sich die Arbeitsmedizin zunehmend für den Prozess der Prekarisierung. Aktuelle Studien stellen fest, dass sich die Beziehung zwischen Gesundheit und Arbeit negativ entwickelt, sie betonen aber auch die Verbundenheit des Einzelnen mit der Arbeit. Gleichzeitig zeigen die Forschungsergebnisse, dass die Ursachen dafür auf der Organisationsebene zu suchen sind: Wir müssen den Blick vom einzelnen Arbeitsplatz auf die gesamte Arbeitssituation und von da aus auf die Arbeitsorganisation erweitern.

Gibt es auch Erkenntnisse zu den Risikogruppen?
Der Tessiner Sozialwissenschafter Gianfranco Domenighetti zeigt in seinen Arbeiten die gesundheitlichen Auswirkungen auf, wenn die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust aufkommt. Diese Menschen fühlen sich krank, leiden unter Stress oder Rückenschmerzen, haben Schlafprobleme oder ein geringes Selbstwertgefühl. Sie nehmen häufiger Beruhigungsmittel ein und vermeiden den Gang zum Arzt, weil sie bei der Arbeit nicht fehlen wollen. Die Statistik des Amtes für Gewerbeaufsicht und Arbeitsbeziehungen des Kantons Genf (OCIRT) zeigt, dass der Gesundheitszustand auch vom beruflichen Status und der Berufsgruppe abhängt. So erreichen beispielsweise nur 66% der an- und ungelernten Arbeitskräfte das 65. Altersjahr ohne Invalidität. Bei den qualifizierten Arbeitskräften sind es hingegen 71%, bei höheren Angestellten 77%, bei Fach- und Führungskräften 81% und bei Wissenschaftern und Freiberuflern sogar 86%.

Warum sind die Unterschiede so gross?
Das sozioökonomische Gefälle, das ich damit ansprechen will, entsteht vor allem durch die Arbeitsbedingungen. Frauen leiden beispielsweise stärker unter physischen Belastungen am Arbeitsplatz als Männer. Dafür sind viele Männer bei ihrer Arbeit schweren Lasten oder monotonen Tätigkeiten ausgesetzt. Alle Beobachtungen lassen auf einen Einfluss des beruflichen Status und der Berufsgruppe schlies-sen. Doch wie schon gesagt, hat auch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust einen negativen Einfluss auf die Gesundheit. Die mit prekären Arbeitsverhältnissen verbundenen Umstände (Überstunden, tiefer Lohn, keine Pensionskasse, manuelle Tätigkeit) können ebenfalls dazu führen, dass der eigene Gesundheitszustand als beeinträchtigt wahrgenommen wird.

Wie erreicht man gesunde Arbeitsverhältnisse?
Jede erwerbstätige Person sollte von ihrem Lohn leben können. Zudem ist Gesundheit am Arbeitsplatz in der Schweiz ein Tabuthema, das die Arbeitsmedizin auf den Tisch bringen muss. In der Schweiz gibt es einen Arbeitsmediziner auf 40 000 Arbeitnehmende, während etwa in Deutschland ein Arbeitsmediziner auf 6000 und in Frankreich einer auf 3000 Arbeitnehmende kommt. Das ist sowohl bezeichnend als auch bedauerlich. Es wäre wichtig, früh und vorbeugend zu handeln. Gesundheitliche Probleme kosten die Schweizer Unternehmen jedes Jahr mehrere Milliarden Franken, doch das Bewusstsein dafür ist gering.

Links und Literaturhinweise

Domenighetti, G. et al. (2000): Health effects of job insecurity among employees in the swiss general population. In: International Journal of Health Services (N° 3, p. 477-490). Amityville, Baywood Publishing Company. 
Bauer, G. F. et al. (2009): Socioeconomic status, working conditions and self-rated health in Switzerland: explaining the gradient in men and women. In: International Journal of Public Health (N° 1, p. 23-30). Berlin, Springer.

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