Ausgabe 01 | 2014

ARBEITSMARKT

Verhalten und Erfolgsfaktoren bei der Stellensuche

Eigeninitiative und Beziehungsnetz

Stellensuchende gewichten im Bewerbungsprozess die eigenen Aktivitäten stärker als die Unterstützung durch RAV-Personalberatende. Bei der Stellenfindung sind soziale Netzwerke sehr bedeutend.

Von Viktor Moser, PANORAMA-Redaktor

Zwei kürzlich publizierte Studien befassen sich mit den Erwartungen und dem Verhalten der Stellensuchenden sowie mit der Bedeutung des Beziehungsnetzes bei der Stellensuche. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit auf dem RAV und im Rahmen von Arbeitsmarktmassnahmen.

Realitätssinn wächst

Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit zählen Stellensuchende mehr auf sich selbst und weniger auf die RAV-Beratenden. Gleichzeitig kennen sie ihre Rechte und Pflichten sowie die Prozessabläufe auf dem RAV besser. Sie schätzen die Fähigkeiten der Beratungspersonen zusehends höher ein. Das sind die Kernaussagen einer Studie der beiden Genfer Sozialwissenschafter Pierre Kempeneers und Tamea Wolf, die im Kanton Genf über 800 Arbeitslose zum Zeitpunkt der Anmeldung auf dem RAV und sechs Monate danach befragt haben. Die Einsicht, dass der Erfolg in erster Linie von den eigenen Bemühungen abhängig ist, nimmt zu. Nach einem halben Jahr erleben die Befragten ihre Arbeitslosigkeit zudem weniger dramatisch. Sie nehmen längere Arbeitswege in Kauf und informieren ihre Bekannten intensiver über ihre Arbeitslosigkeit. Sie werden aber auch weniger optimistisch bezüglich der Dauer der Arbeitssuche. Verschiedene Faktoren beeinflussen die Chancen, rasch eine Stelle zu finden. Negativ wirken sich das Alter, das Geschlecht (Frauen sind benachteiligt) und ein schwieriger Umgang mit der Arbeitslosigkeit aus. Die beiden Forscher empfehlen deshalb den RAV-Beratenden, bereits beim ersten Kontakt auf die emotionale Lage der Stellensuchenden einzugehen. Einen positiven Einfluss auf die Stellensuche haben demgegenüber eine Phase der Arbeitslosigkeit in den beiden vorangegangenen Jahren sowie die Einschätzung, dass der Erfolg primär von eigenen Bemühungen abhängt.

Beziehungsnetz steigert Chancen

Was schon seit Langem zum Alltagswissen gehört, beweisen in einer andern Studie die drei Lausanner Professoren Rafael Lalive, Giuliano Bonoli und Daniel Oesch: Das soziale Netzwerk erleichtert das Finden einer Stelle erheblich. Von 750 Befragten im Kanton Waadt, die während der ersten neun bis elf Monate eine Stelle gefunden hatten, profitierten 37% von ihrem persönlichen Beziehungsnetz. Noch grösser ist mit 47% der Anteil jener, die ihre letzte Stelle über einen persönlichen Kontakt gefunden hatten. Am effizientesten ist die Unterstützung durch Personen aus dem gleichen beruflichen Umfeld, insbesondere durch ehemalige Vorgesetzte. In der Landwirtschaft, dem Bau- und dem Gastgewerbe ist das soziale Netzwerk das hauptsächlichste Mittel, um an eine neue Stelle zu gelangen. In allen Branchen handelt es sich jedoch um eine sehr wichtige Suchstrategie.

Links und Literaturhinweise

Bonoli, G. et al. (2013): L’impact des réseaux sociaux sur le retour à l’emploi. Bern, SECO (mit deutscher Zusammenfassung).
Kempeneers, P., Wolf, T. (2013): Stratégie de réinsertion des ORP. Bern, SECO (mit deutscher Zusammenfassung).

Kasten

«Nötig ist Erwartungstransparenz»

an René Knipp, Leiter RAV Solothurn

Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit sinken die Erwartungen an eine Vermittlung durch das RAV. Stimmt der Name «Arbeitsvermittlungszentrum»? Tatsächlich machen die direkten Stellenvermittlungen einen kleinen Teil aus. Viel wichtiger sind Beratung und Ermutigung der Versicherten. Das ist das Kerngeschäft der RAV. Der Stellensuchende muss wissen: Ich werde unterstützt, doch eine Stelle zu finden, liegt in meiner Verantwortung.

Trotz dieser Rollenverteilung werden die Personalberatenden immer wieder kritisiert: «Die können mir ja auch nicht helfen ... »
Notwendig ist Erwartungstransparenz, und zwar so rasch als möglich. Die Personalberatung soll die Ansprüche der Kundinnen und Kunden abholen und danach kommunizieren, was von ihrer Seite her realisierbar ist und was nicht. Gleichzeitig muss die erwerbslose Person ihre Rechte und Pflichten kennen.

Wer seine Arbeitslosigkeit als schwierig erlebt, findet weniger rasch eine Stelle. Wie entscheidend ist da das Erstgespräch?
Emotionale Signale müssen sofort aufgenommen werden. Im Erstgespräch stehen jedoch administrative Fragen und ein erstes Feedback zum Bewerbungsdossier im Vordergrund. Der Umgang mit Stellenverlust und Arbeitslosigkeit ist ein wesentlicher Inhalt der im Kanton Solothurn obligatorischen Basiskurse. Der eigentliche Beratungsprozess im RAV setzt in der Regel im Anschluss an diese Kurse ein.

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