Ausgabe 01 | 2014

BERUFSBERATUNG

Innovation

Das BIZ auf dem Smartphone

Das BIZ Schaffhausen ist die erste und bisher einzige öffentliche Berufsberatung der Schweiz, welche eine App für Smartphones anbietet. Mittels Berufsinformationen, einer Interessenabklärung und der Anzeige offener Lehrstellen soll die junge Kundschaft aktiviert werden.

Von Alexandra Ammann, Projektleiterin und Berufs-, Studien- und Laufbahnberaterin im Kanton Schaffhausen

Die zeit- und ortsunabhängige Nutzung erhöht die Erwartungen an die Aktualität der Daten.(BIZ Schaffhausen)

Die zeit- und ortsunabhängige Nutzung erhöht die Erwartungen an die Aktualität der Daten.(BIZ Schaffhausen)

BIZ goes mobile – so formulierte es ein Kollege treffend. Seit Mitte September 2013 steht die BIZ-App zum Download bereit. Angesprochen sind in erster Linie Schülerinnen und Schüler des Kantons Schaffhausen während der Berufswahl. Vor zweieinhalb Jahren tauchte bei uns im BIZ die Idee auf, Jugendliche könnten via Smartphone besser für ihre Berufswahl aktiviert werden. Ich fragte damals eine Lernende im zweiten Lehrjahr, ob sie in ihrer Berufswahlzeit von einer App hätte profitieren können. Ohne lange zu überlegen, gab sie einen wesentlichen Vorteil einer App an: Wenn sie via Push-Nachrichten an bevorstehende Informationsveranstaltungen erinnert worden wäre, hätte sie sich wohl über mehr Berufe informiert, als sie es ohne diese Hilfe getan hat.

Pionierarbeit in der Schweiz

Als Erstes machte sich das Projektteam Gedanken darüber, wen die App erreichen sollte, was sie leisten müsste und wie die Möglichkeiten des mobilen Internets genutzt werden könnten. Eine Recherche über bereits existierende Angebote war ernüchternd. Zwar existieren im deutschsprachigen Raum ein paar wenige Apps für die Berufswahl, jedoch nicht in der Schweiz. Als öffentliche Stelle sind wir bezüglich unserer Informatiknutzung nicht unabhängig. Unsere Projekteingabe wurde vom kantonalen Informatikdienst auf Herz und Nieren geprüft, musste strategische und wirtschaftliche Standards erfüllen und wurde schliesslich von einer Prüfungskommission zur Umsetzung empfohlen. Die eigentliche Entwicklung der App dauerte rund ein halbes Jahr. Für das Design und die technische Umsetzung konnten wir eine Schaffhauser EDV-Firma gewinnen. Die App kann natürlich im Berufswahlunterricht genutzt werden. Sie soll aber auch ausserhalb des Unterrichts dazu animieren, sich mit der Berufswahl auseinanderzusetzen: sich mit Eltern, Gleichaltrigen und Berufsbildnern bei Veranstaltungen und Schnupperlehren auszutauschen oder zu Hause und in der Freizeit zu recherchieren.

Vom Spiel bis zur Bewerbung

Zu Beginn der Berufswahl interessiert vor allem die Erkundung der eigenen Interessen und der Berufswelt. Dabei hilft der sogenannte Berufe-Assistent der App: Nach der Beantwortung von sechs Fragen erhält man eine Liste von Berufsvorschlägen. Dem Berufe-Assistenten ist das Holland-Modell hinterlegt, aus rechtlichen Gründen verwenden wir aber nur den ersten Code der jeweiligen Codierungen. Jugendliche, die sich schon in einer fortgeschrittenen Phase der Berufswahl befinden, erhalten in der App die Kurzbeschreibungen aller Lehrberufe, die wir direkt und tagesaktuell von berufsberatung.ch beziehen. Die offenen Lehrstellen und den Standort der Lehrfirmen zeigt unser Lehrstellen-Navigator. Auf einer Landkarte werden die Standorte aller Lehrfirmen eines Berufes angezeigt, inklusive der Angabe, ob die betreffende Firma aktuell eine offene Stelle hat oder nicht (grüne und rote Stecknadeln). Mittels der Augmented-Reality-Funktion kann per Liveansicht (Öffnung der Kamerafunktion) die Richtung und Entfernung der Betriebe festgestellt werden. Mit der Favoritenfunktion können die interessanten Berufe individuell zusammengestellt und auf der Landkarte angezeigt werden. Durch Push-Benachrichtigung wird auf Wunsch auf freie Lehrstellen aufmerksam gemacht. Von dieser Funktion profitieren auch die Lehrbetriebe, weil interessierte Jugendliche sofort über neu geschaffene Lehrstellen informiert werden.

Zeit- und ortsunabhängig

Die BIZ-App ist nun gute drei Monate alt und verzeichnet bereits knapp 1400 Downloads – eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass wir im Kanton Schaffhausen rund 800 Schulaustritte pro Jahr haben, inklusive 10. Schuljahrs. Einzelne Beobachtungen aus Klassenveranstaltungen im BIZ zeigen, dass die Jugendlichen sich darüber freuen, die App für die Recherche nutzen zu dürfen. Jüngst hatte eine Jugendliche in der Einzelberatung all ihre Ideen auf dem Smartphone mit Screenshots abgespeichert. Sie war erstaunt, dass sie mittels Favoritenfunktion in der App die gewünschten Berufe jederzeit verlinkt abrufen kann. Dies löste bei ihr eine regelrechte Fragerunde über diverse Berufsideen aus, die sie sofort in Echtzeit über die App abfragen konnte. In einem Probelauf, den wir vor der Aufschaltung der App mit einer Gruppe von Jugendlichen durchgeführt hatten, hörten wir nebst hoher Akzeptanz auch kritische Stimmen. Es wurden mehr Fragen beim Berufe-Assistenten gewünscht, die Informationen zum Lohn in der Lehre sollten ergänzt werden, und die Navigation der jeweiligen Betriebssysteme war noch nicht ganz befriedigend. In einem nächsten Schritt werden wir die Nutzung der App in einer Umfrage systematisch evaluieren, um Optimierungen machen zu können und Ideen für den Ausbau zu bekommen. Die zeit- und ortsunabhängige Nutzung bietet viele Vorteile, erhöht aber auch die Erwartungen an die Aktualität der Daten. Schnupperlehr- oder Bewerbungsanfragen via Smartphone steigern zudem bei allen Beteiligten die Notwendigkeit, sich entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit diesem Medium anzueignen. Regeln für einen sinnvollen Einsatz sind gefordert. Herausforderungen, für welche noch Erfahrungen gesammelt werden müssen. Dies gelingt nur, wenn Bezugspersonen und Bildungsverantwort- liche dem mobilen Fortschritt offen begegnen, darin nicht die Gefahr sehen, Werte zu verlieren, sondern die Chance, die neuen Möglichkeiten für eine zeitgemässe Berufsfindung zu nutzen.

Links und Literaturhinweise

www.biz-sh.ch

Kasten

berufsberatung.ch setzt auf mobile Website

Eine App wird speziell für mobile Geräte entwickelt und auf dem Gerät installiert (vgl. Haupttext). Eine mobile Website hingegen ist eine normale Website, aber für mobile Geräte optimiert. Die Kantone Genf, Neuenburg und Waadt haben Teile ihrer Websites in einer mobilen Version aufgeschaltet (vgl. unten stehende Links). Das Portal www.berufsberatung.ch wird im Zuge des Redesigns ab 2015 ebenfalls vollständig mobil zugänglich sein. Auf die Entwicklung einer App verzichtet das SDBB. Ruben Meier, Leiter Online-Medien im SDBB, ist gegenüber Apps in diesem Bereich skeptisch: «Diese Apps bedienen meist nur einzelne Aspekte. Es gilt gut zu klären, welcher Mehrwert mit einer App erreicht werden kann».

3 Fragen

«Rechte frühzeitig klären»

an Claudio Pecorino, Leiter BIZ Schaffhausen

Herr Pecorino, welche Reaktionen haben Sie auf Ihre App erhalten? Durchweg positive. Einige waren erstaunt, andere bewundernd. Ich hätte mehr kritische Kommentare erwartet im Sinne von: Warum jetzt das auch noch? Jetzt macht man es den Jugendlichen noch einfacher!

Warum haben Sie eine App gemacht und nicht eine mobile Website?
Wir wollten nicht ein Angebot machen, das die Website konkurrenziert, sondern eines, das sie ergänzt. Die App entspricht einfach mehr den Bedürfnissen der Jugendlichen. Sie reduziert auf das Wesentliche, das Design ist optimal und es hat mit der Interessenabklärung auch einen spielerischen Aspekt drin.

Was waren die Schwierigkeiten bei der Entwicklung der App?
Von unserem Partner kamen sehr viele Ideen, was man an kreativen Elementen alles noch integrieren könnte. Wir haben aber immer wieder die Berufsberatung in den Mittelpunkt gestellt und Nein gesagt. Dann war die Interessenabklärung eine Herausforderung, weil wir sie selbst entwickeln mussten. Es stellten sich auch viele technische Fragen, wie etwa die Kompatibilität mit berufsberatung.ch. Und etwas ganz Wichtiges ist die Klärung der Rechte: an der Programmierung, an den Inhalten, am Design. Das würde ich heute sehr viel früher machen.

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