Ausgabe 01 | 2014

BERUFSBILDUNG

Bildungsbericht 2014

Die Berufsbildung: erfolgreich, aber mit Statusproblemen

Der Bildungsbericht 2014 fasst die Erkenntnisse zu allen Stufen und Typen des schweizerischen Bildungswesens zusammen. Einmal mehr zeigt sich, dass die Berufsbildung ein dynamischer Zweig des Bildungswesens ist, der seine Absolventen erfolgreich und zufrieden macht. Trotzdem ist sein soziales Ansehen tiefer als jenes der Allgemeinbildung.

Von Stefan C. Wolter. Er ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung und leitet die Bildungsberichterstattung in der Schweiz.

Kein anderer Teil des schweizerischen Bildungswesens wird so direkt durch die wirtschaftlichen Entwicklungen geprägt wie die Berufsbildung. Die Firmen partizipieren an der Ausbildung der Jugendlichen und greifen über ihr Lehrstellenangebot sowohl quantitativ als auch qualitativ in die Ausgestaltung des Bildungswesens ein. Dabei ist die Firmenlandschaft selbst sehr dynamisch und erfordert somit einen konstanten Wandel und eine hohe Anpassungsfähigkeit seitens des Ausbildungssystems. Exemplarisch sei auf zwei Tatbestände verwiesen, die dies verdeutlichen. Erstens finden sich unter den ausbildenden Firmen alle drei bis vier Jahre rund 30% neu ausbildende Firmen, sei es weil bestehende Unternehmen neu in die Lehrlingsausbildung einsteigen oder weil sie in dieser Zeitspanne erst gegründet wurden. Mit anderen Worten: Die Berufsbildung muss auch in wirtschaftlich guten und stabilen Zeiten immer in der Lage sein, eine substanzielle Zahl von Betrieben von den Vorzügen des Ausbildens neu zu überzeugen. Zweitens globalisiert sich die Schweizer Firmenlandschaft laufend, das heisst, ausländische Firmen kommen in die Schweiz oder übernehmen Schweizer Firmen. Diese ausländischen Firmen kommen in der Regel aus Ländern ohne eine Tradition der Berufsbildung und müssen deshalb mit grösseren Anstrengungen von den Vorteilen des hiesigen Ausbildungsmodells überzeugt werden.

Weniger Lernende

Der derzeitige durch die demografische Entwicklung bedingte Rückgang in der Zahl der Lehrstellenbewerbenden wirkt sich direkt auch auf das Lehrstellenangebot und die Vertragsabschlüsse in den einzelnen Lehrberufen aus. Dabei ist zu berücksichtigen, dass für Lehrberufe, die überdurchschnittliche intellektuelle Anforderungen an die Lernenden stellen, ein grosser Teil der Lernenden über ebenso gute schulische Leistungen verfügen sollte wie die Jugendlichen, die sich für eine gymnasiale Ausbildung entscheiden. Fehlen diese Bewerberinnen und Bewerber, dann können sie gerade in den anspruchsvollen Lehrberufen nicht einfach durch solche ersetzt werden, die die geforderten Leistungen nur teilweise erfüllen. Das Risiko wäre zu gross, dass die Betreffenden die Lehrabschlussprüfungen nicht (oder nicht im ersten Anlauf) bestehen. Der enge Zusammenhang zwischen den durchschnittlichen Erfolgsquoten bei den Lehrabschlussprüfungen und der jeweiligen kantonalen Maturitätsquote (siehe Grafik) zeigt deutlich, dass dort, wo ein grösserer Teil der Lernenden ein Gymnasium besucht, die Besetzung der Lehrstelle mit den «Nächstbesseren» mit diesem Risiko verbunden ist. Wo sich der Anteil der vollschulischen Ausbildungen erhöht, wird es deshalb im Gegenzug tendenziell zu einem Rückgang des Lehrstellenangebotes und speziell des Angebots an anspruchsvollen Lehren kommen.

Dynamik an beiden Enden

Dynamische Entwicklungen in der beruflichen Grundbildung betreffen sowohl die Angebote für schulisch eher schwächere als auch für besonders starke Jugendliche, also die Angebote an zweijährigen Grundbildungen mit Berufsattest (EBA) auf der einen und der Berufsmaturität auf der anderen Seite. Die zweijährigen Grundbildungen mit Attest entwickelten sich quantitativ weit stärker, als es gemessen an den früheren Anlehren zu vermuten gewesen wäre, nicht zuletzt deshalb, weil auch ein Teil der zweijährigen beruflichen Grundbildungen mit Fähigkeitszeugnis (EFZ) in Attestausbildungen umgewandelt wurde. Bis heute schwer erklärbar sind jedoch die grossen Unterschiede von Kanton zu Kanton. So machen Ausbildungen mit Attest im Kanton Basel-Stadt rund 15% aller Lehrverträge aus, während es im Kanton Nidwalden gerade einmal 3% sind. Bei den Berufsmaturitäten hat sich das Wachstum der Quote in den letzten Jahren merklich abgeschwächt; trotzdem ist hervorzuheben, dass dieser Maturitätstyp seit seiner Einführung für rund drei Viertel des Wachstums der Maturitätsquote in der Schweiz verantwortlich ist und somit einen grossen Anteil an der Tertiarisierung der Schweizer Erwerbsbevölkerung leistet.

Hohe Zufriedenheit bei angehenden Lernenden

Ein gutes Zeugnis für die berufliche Grundbildung ist die konstant hohe Zufriedenheit der Lernenden mit den gefundenen Lehrstellen. Rund 70% der Lernenden bezeichnen ihren Lehrberuf als ihren Wunschberuf, und mit über 95% an Zufriedenen mit der im Anschluss an die obligatorische Schulzeit gefundenen Ausbildung rangieren die Berufslernenden noch vor den Lernenden an Maturitätsschulen. Dieser Umstand ist nicht zuletzt deshalb von grosser Bedeutung, weil Lernende der beruflichen Grundbildung sich bei der ersten Berufswahl schon in sehr jungen Jahren festlegen müssen, was gerade in den Ländern ohne Berufsbildungstradition Fragen nach der Tauglichkeit dieser Ausbildungsform hervorruft. Die höhere Berufsbildung ist in der Schweiz weiterhin eine gefragte Ausbildungsform auf tertiärer Stufe, nicht zuletzt wohl auch wegen des Umstands, dass diese Ausbildungsabschlüsse auch ohne vorgängige Maturität erreicht werden können. Die hohe Zahl der jedes Jahr ausgestellten Diplome überzeichnet allerdings die Bedeutung der höheren Berufsbildung als die Fortsetzung der beruflichen Grundbildung, da viele Abschlüsse – insbesondere bei den höheren Fachprüfungen – von Personen gemacht werden, die schon über einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss verfügen. Derzeit bezeichnen rund 14% der Erwachsenen in der Schweiz eine höhere Berufsbildung als ihren höchsten Bildungsabschluss, gegenüber rund 30% mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss (inkl. Abschlüssen der pädagogischen Hochschulen).

Private Anbieter – private Bezahlung?

Im Unterschied zu den übrigen Bereichen des Bildungswesens dominieren in der höheren Berufsbildung private Bildungsanbieter (teils mit, teils ohne staatliche Subventionierung); sie vereinigen zwei Drittel der Studierenden auf sich. Trotz der gerade auch deshalb gewichtigeren Stellung privater Finanzierung, speziell auch durch die Arbeitgeber, ist es wenig bekannt, dass die öffentliche Hand die höhere Berufsbildung schon heute mit jährlich rund 500 Mio. Franken substanziell unterstützt, wovon rund 70% an die höheren Fachschulen fliessen und der Rest als Beiträge an die beruflichen Weiterbildungen sowie an die Kosten der Berufs- und höheren Fachprüfungen geht. Im Gegensatz zu den schlecht belegbaren Lohnwirkungen der Weiterbildung im Allgemeinen zeichnen sich Ausbildungen mit Abschlüssen der höheren Berufsbildung zudem dadurch aus, dass sie in der Regel sofort und in substanziellem Masse lohnwirksam werden. Aus dieser Warte betrachtet dürfte auch der privat getragene Teil des Bildungsaufwandes besser als bei anderen Ausbildungen vertretbar sein.

Keine Gleichberechtigung im sozialen Status

Die Zufriedenheit der Lernenden und die Arbeitsmarktaussichten der Absolventinnen und Absolventen sowohl der beruflichen Grundbildung als auch der höheren Berufsbildung bieten in der Schweiz also wenig Anlass zur Klage. Hingegen ist die Gleichwertigkeit dieser Ausbildungsformen mit den allgemeinbildenden Ausbildungen (Gymnasien, Universitäten) in Bezug auf den mit der Bildung zu erzielenden sozialen Status laut einer repräsentativen Befragung erwachsener Personen in der Schweiz nicht gegeben. Mit welchen Mitteln eine Gleichstellung auch bezüglich des sozialen Ansehens am ehesten gefördert werden könnte, ist schwer zu beantworten, da man soziales Ansehen im Gegensatz zu ökonomischen Folgen der Bildung weniger gut beeinflussen oder gar steuern kann.

Links und Literaturhinweise

www.bildungsbericht.ch

Kasten

Bildungsbericht 2014

Im Auftrag von Bund und Kantonen hat die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) zum dritten Mal nach 2006 und 2010 einen Bildungsbericht verfasst. Er umfasst Daten und Informationen aus Statistik, Forschung und Verwaltung zum gesamten Bildungswesen der Schweiz von der Vorschule bis zur Weiterbildung. Die Befunde sollen Bildungsverwaltung und Bildungspolitik bei ihren Entscheidungen unterstützen und die öffentliche Diskussion über das schweizerische Bildungswesen bereichern. Der Bildungsbericht kann bei der SKBF bezogen werden unter www.bildungsbericht.ch.

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