Ausgabe 01 | 2014

Fokus "Arbeitsmarktpolitik"

Ausbildungsbestimmungen

Meckern auf hohem Niveau

Die Kompetenzprofile der Absolventinnen und Absolventen von Berufsausbildungen entsprechen weitgehend dem Bedarf der Betriebe. Trotz dieser Nähe zum Arbeitsmarkt bleibt der eine oder andere Wunsch der Betriebe offen.

Von Andreas Minder, PANORAMA-Redaktor

Die Unternehmen und ihre Branchenvertreter wünschen sich möglichst wenig staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Der Staat soll vor allem gute Rahmenbedingungen für die Wirtschaft bereitstellen. Die Bildungspolitik soll zum Beispiel dazu beitragen, möglichst gut brauchbare Arbeitskräfte hervorzubringen. Das Berufsbildungssystem scheint dieser Erwartung zu entsprechen. Der starke Arbeitsmarktbezug gilt als einer seiner Trümpfe. Via die Organisationen der Arbeitswelt (OdA) speist die Wirtschaft bei der Berufsentwicklung ihre Wünsche in den Prozess der Ausbildungsreglementierung ein. Doch gelingt es, die Anliegen der Unternehmen in Ausbildungsbestimmungen zu übersetzen? «Produziert» die Berufsbildung tatsächlich jene Fachkräfte, die die Wirtschaft braucht? PANORAMA hat bei einer Handvoll Betriebe nachgefragt. Der Tenor fällt überwiegend positiv aus. «Die Kombination von schulischer Allgemeinbildung und praktischer Fachausbildung macht die Jugendlichen rasch zu selbständigen und kompetenten Arbeitnehmenden», urteilt etwa Christoph John, Leiter Personal Nachwuchs der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Auch IBM Schweiz schätzt die praxisorientierte Berufsausbildung. Mit den Ausbildungsbestimmungen sei man «im Grossen und Ganzen» einverstanden. Jan Schibli, Geschäftsleiter der gleichnamigen Elektrotechnik-Firma, hält das Berufsbildungssystem für hervorragend. Absolventen technischer Berufe hätten auf dem Arbeitsmarkt blendende Aussichten.

Ja, aber …

Schibli würde sich allerdings wünschen, dass in der Ausbildung mehr unternehmerische Aspekte zur Sprache kämen, damit die Lernenden verstehen würden, dass ein Betrieb nach finanziellen Kennzahlen geführt wird. Ein zweites Manko: «Die Sozialkompetenz kommt leider oft zu kurz.» Auf ein Dilemma weist Jacques Cherix hin. Er ist Personalverantwortlicher der Cimo SA, die als Serviceunternehmen für Chemiefirmen im Industriegebiet von Monthey unter anderem ein Ausbildungszentrum betreibt, in dem für rund 30 Betriebe Lernende aus acht verschiedenen Berufen ausgebildet werden. «In anspruchsvollen Berufen wie Polymechaniker oder Automatikerin sind die Anforderungen heute fast zu hoch», sagt er. Zum einen sei es schwierig, überhaupt geeignete Lernende zu finden, zum andern drängten die Absolventen fast alle an die Hochschule. Jene, die den Betrieben erhalten blieben, seien allerdings hervorragende Fachkräfte. Mit interessanten beruflichen Funktionen und Karrieremöglichkeiten könnten die Unternehmen versuchen, die Nachwuchsleute an sich zu binden. Auch Adrian Schön, Lehrlingsverantwortlicher der Sanitärfirma Schmidt AG in Luzern, findet, die Anforderungen an Sanitärinstallateure könnten etwas heruntergeschraubt werden, besonders in der Berufsfachschule. «Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass schulisch eher schwache Lernende ausgezeichnet arbeiten. Wenn solche Leute an der Berufsschule scheitern, ist das schade.» Eine Lösung sähe er darin, die Lehrzeit um ein Jahr zu verlängern. Bettina Ambühl Rocca, Leiterin Ausbildung Pflege im Zürcher Triemlispital, hinterfragt das Ziel der Generalistenausbildung, wie es zum Beispiel im Ausbildungsgang Pflege Höhere Fachschule die Tendenz ist. «Das Gesundheitswesen ist ein hochkomplexer Arbeitsort. Die Pflege von polymorbiden Patienten mit kürzester Aufenthaltsdauer verlangt heute vermehrt nach Spezialisten.» Der Versuch, viele Spezialkompetenzen aus unterschiedlichsten Fachgebieten und umfassendes Generalistenwissen in eine einzige Ausbildung zu pressen, fordert von Lernenden und Studierenden vor allem in der Praxis sehr viel.

Einfluss der Betriebe

Können die Betriebe ihre Anliegen in die Reformen der Ausbildungsbestimmungen einbringen? Christoph John von der ZKB bejaht: Im Bankenbereich finde in verschiedenen Gremien ein regelmässiger Austausch zwischen den Ausbildungsanbietern und der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) statt. «Die Banken werden von der SBVg jeweils frühzeitig in die Entwicklungsarbeit einbezogen und können so ihre Anliegen einbringen.» Ähnlich äussert sich Andreas Begré vom Coop Bildungszentrum: «Coop ist regional und national mit diversen Verbundpartnern in stetigem Kontakt, sowohl mit den Berufsfachschulen wie auch mit den Organisationen der Arbeitswelt und den Ämtern.» Oft seien betriebsinterne Berufsverantwortliche in Kommissionen vertreten. «So kann die Entwicklung und Überarbeitung der verschiedenen Berufe mitgestaltet werden.» Im Gesundheitsbereich sind die OdAs noch eher junge Institutionen. Es sei viel guter Wille da, stellt Bettina Ambühl Rocca fest. Die OdA G ZH sei noch mit dem Aufbau von Strukturen und Prozessen beschäftigt. Entsprechend sei einiges noch nicht voll etabliert. Sie ist aber zuversichtlich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es so weit ist. Jan Schibli findet, dass sein Verband, der Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen (VSEI), «einen sehr guten Job» macht. «Als Firma und Person können wir uns sehr gut einbringen.» Man müsse sich aber bewusst sein, dass Veränderungen in der Berufsbildung viel Zeit brauchten: «Hier ist Geduld angebracht.»

Piercer usw.

Das gilt speziell für Branchen, für die es (noch) keine reglementierte Berufsausbildung gibt. Zum Beispiel im boomenden Geschäft mit Piercings und Tattoos. Rosario Sorbello führt das Studio Innerfire in Baden. Mit einigen Branchenkollegen versuchte er, einen Verband zu gründen, die notwendige Voraussetzung für eine eidgenössisch reglementierte Berufsausbildung. «Wir hätten mehr als genügend Stoff für eine dreijährige Lehre und der Bedarf nach Berufsleuten ist vorhanden», ist Sorbello überzeugt. Die Vorteile einer Grundbildung liegen für ihn auf der Hand: «Wir hätten Nachwuchs, der nach gewissen Standards ausgebildet ist.» Im Moment herrsche in der Branche eine «Praktikums-Wirtschaft». Junge Leute und Quereinsteiger würden mehr oder weniger gut von den Studios ausgebildet, ohne dass die Qualität von irgendwem kontrolliert werde. Die Verbandsgründung sei daran gescheitert, dass es zu wenige seriöse Betriebe gegeben habe, die auch bereit ge-wesen wären, die nötige Fronarbeit zu verrichten. Trotzdem sieht Sorello die Lösung nicht in einer Reglementierung des Berufs durch die öffentliche Hand. «Stattdessen sollten Qualitätsanforderungen an die Betriebe definiert und durchgesetzt werden», wünscht er sich. Dadurch würde sich die Spreu vom Weizen trennen und es käme zu einer Professionalisierung: «Es würde sich eine Branchenstruktur entwickeln, aus der ein Berufsverband und möglicherweise auch eine Berufslehre entstehen könnten.»

Interview

«Kurzfristiges Rendite- denken engt Spielraum ein»

Interview: Andreas Minder

Patrik Schellenbauer betreut beim Think-Tank Avenir Suisse das Dossier Bildung. (Bild: Avenir Suisse)

Patrik Schellenbauer von Avenir Suisse warnt vor zu spezifisch ausgestalteten Berufsbildern, kurzfristigem Renditedenken in der Ausbildung und mangelnden Fremdsprachenkenntnissen in den Berufslehren.

Bringt das schweizerische Berufsbildungssystem Ihrer Meinung nach die Fachkräfte mit den richtigen Kompetenzen hervor?
Eine austarierte Mischung aus Praxis und Allgemeinwissen ist auf dem Arbeitsmarkt mehr denn je ein grosses Plus, die duale Berufsbildung hat hier einen gros-sen Vorteil gegenüber rein schulisch ausgerichteten Systemen. Daneben vollbringt die Berufslehre durch die betriebliche Sozialisierung eine unschätzbare Integrationsleistung. Allerdings sind viele Berufsbilder sehr spezifisch ausgestaltet. Dies erschwert die berufliche Mobilität. Zudem hat sich der Mix der angebotenen Lehrstellen in letzter Zeit vom Arbeitsmarkt entfernt. Es fehlen vor allem Lehrstellen in den modernen Dienstleistungen und der IT, teilweise aber auch in anspruchsvollen Industrieberufen. Darum sind Berufswechsel nach der Lehre häufig und ein flexibler Arbeitsmarkt, der dies ermöglicht, bleibt zentral.

Was müsste sich in der Berufsbildungspolitik oder -praxis ändern?
Heute enthält die Hälfte der Curricula keine Fremdsprache. Grundsätzlich sollte in jeder Berufslehre eine Fremdsprache Platz haben. Das muss nicht immer und ausschliesslich in der Schule stattfinden, denn in einem vielsprachigen Land müssten mehr kreative Lösungen möglich sein. Als Vorbild kann hier die englischsprachige KV-Lehre in Zug gelten. Die kurzfristige Renditeorientierung mit der Erwartung, dass die Lehre sich für den Betrieb schon während der Lehrzeit lohnen muss, setzt den Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der dualen Bildung oft enge Grenzen, denn weniger Zeit im Betrieb senkt die Rendite. Die Berufsmatura befindet sich in diesem Spannungsfeld. Das Lehrstellenmarketing sollte darum wieder vermehrt die Langfristigkeit der Investition in junge Menschen betonen. Zu überlegen wäre, ob Lernende nach dem EFZ eine gewisse Zeit an den Betrieb gebunden werden könnten, um die Anreize für die Lehrbetriebe zu erhalten.

Wie beurteilen Sie den verbundpartnerschaftlichen Prozess, mit dem Ausbildungsbestimmungen erarbeitet werden?
In der verbundpartnerschaftlichen Ausgestaltung der Curricula kommt das korporatistische Element der Berufslehre zum Ausdruck. Zum einen verleiht dies dem System Stabilität und Legitimation. Zum anderen macht es nötige Veränderungen zu einer anspruchsvollen Aufgabe und senkt die Reformdynamik.

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