Ausgabe 01 | 2014

Fokus "Arbeitsmarktpolitik"

Fachkräfteinitiative

Anreize für mehr qualifiziertes Schweizer Personal

Der Fachkräftemangel stellt die Schweizer Wirtschaft vor eine grosse Herausforderung. Eine gezielte Arbeitsmarktpolitik kann dem entgegenwirken. Mit der sogenannten Fachkräfteinitiative will der Bund das Potenzial an gut ausgebildeten inländischen Fachleuten erhöhen. Die auf Freiwilligkeit beruhenden Massnahmen lassen aber Zweifel am Erfolg aufkommen.

Von Philippe Frossard, PANORAMA-Redaktor

Viele Schweizer Unternehmen haben Mühe, ihren Bedarf an geeigneten Fachkräften zu decken. Rund ein Drittel aller Firmen haben Rekrutierungsprobleme. In der Industrie und im Gewerbe sind es 36 Prozent, in einzelnen technischen Branchen gar die Hälfte aller Unternehmen. Besonders akut ist der Mangel in der Informatik, im Maschinenbau und im Gesundheitswesen. So ist es nicht erstaunlich, dass ein grosser Teil des Bedarfs im Rahmen der Personenfreizügigkeit durch die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus der EU gedeckt wird. Zwei Entwicklungen führten nun dazu, dass das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) eine «Fachkräfteinitiative» lanciert hat, welche ehrgeizige arbeitsmarktpolitische Ziele verfolgt und verstärkt das inländische Potenzial an Fachleuten ausschöpfen will: Einerseits führt innenpolitischer Druck dazu, dass das ausländische Potenzial nicht unbegrenzt angezapft werden kann (Stichwort Masseneinwanderungsinitiative). Andererseits werden auch in anderen europäischen Ländern die Fachkräfte knapp, etwa aufgrund der demografischen Überalterung oder inadäquater Berufsbildungsstrukturen. Schweizer Unternehmen können deshalb nicht mehr allein auf die Zuwanderung setzen, um den steigenden Bedarf an qualifiziertem Personal zu decken.

Vier Handlungsfelder

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat deshalb 2011 den Grundlagenbericht «Fachkräfte für die Schweiz» erstellen lassen und für die Umsetzung der vorgesehenen Massnahmen vier Partner mit ins Boot geholt: den Arbeitgeberverband, den Gewerkschaftsbund, die Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren sowie das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO). Mit vier Stossrichtungen wollen sie das inländische Fachkräftepotenzial besser ausschöpfen:
1. Höher- und Nachqualifizierungen entsprechend den Bedürfnissen der Arbeitswelt: Die Erwerbstätigen sollen mit den erhöhten Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt Schritt halten. Bereiche mit stark wachsendem Fachkräftebedarf (z. B. MINT-Berufe) sollen gefördert werden. Lebenslanges Lernen, Weiterbildung und die Anrechenbarkeit von Bildungsleistungen sollen gestärkt werden.
2. Förderung von Innovationen, welche die Produktivität steigern und so den Fachkräftemangel entschärfen sollen, vor allem im Gesundheitsbereich.
3. Schaffung von guten Arbeitsbedingungen für ältere Erwerbstätige bis zur Pensionierung und darüber hinaus: Verbesserung der Arbeitssituationen, Anreize zur Erwerbstätigkeit in den Systemen der Altersvorsorge, Förderung der Arbeitsfähigkeit und -motivation älterer Arbeitnehmender.
4. Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch familienergänzende Kinderbetreuung, familienfreundliche Arbeitsbedingungen und den Abbau negativer finanzieller Arbeitsanreize für Arbeitnehmende mit Betreuungspflichten. Diese vier Prioritäten sind sowohl bei den Behörden als auch auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite unbestritten. Sehr viel komplizierter wird es hingegen bei der konkreten Umsetzung der rund 30 definierten Massnahmen, die mittels «Monitoring» jährlich geprüft werden und bis spätestens 2020 das freiliegende Potenzial der heimischen Erwerbsbevölkerung entsprechend den Bedürfnissen der Wirtschaft aktiveren sollen (siehe Tabelle). Die Publikation «Fachkräfteinitiative – Situationsanalyse und Massnahmenbericht» vom 21. Mai 2013 geht jedoch vielfach nicht über Absichtserklärungen hinaus.

Verschiedene Akteure involviert

Als Nächstes werden Bund, Kantone und Sozialpartner in ihren Kompetenzbereichen das Massnahmenpaket umsetzen müssen. Als Hauptreservoir an zukünftigen qualifizierten Arbeitskräften sieht der Bund die 1,5 Millionen Angestellten, die über einen Lehrabschluss oder eine vergleichbare Ausbildung verfügen. Sie arbeiten zwar gut, haben aber eine «falsche» oder ungenügende Qualifikation, um gegen ausländische Spezialisten anzukommen. Diese Gruppe soll besonders gefördert werden, indem zum Beispiel mehr Geld in die höhere Berufsbildung sowie in die Aus- und Weiterbildung an Fachhochschulen fliesst oder indem langjährige Arbeitserfahrung mit Berufstiteln und Zertifikaten anerkannt wird. Das gesamte Vorhaben ist komplex. So entspringt etwa das Ziel, die Quote der 25-Jährigen, die über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen, auf 95 Prozent zu erhöhen, nicht direkt dieser Initiative, sondern ist Teil der «Gesamtschweizerischen Strategie zur Armutsbekämpfung». Die Massnahmen betreffen zudem ganz unterschiedliche Bereiche wie Bildung, soziale Sicherheit und Innovation sowie verschiedene Wirtschaftssektoren und Berufsfelder. Zahlreiche Verantwortliche in verschiedenen Departementen des Bundes und der Kantone sind daran beteiligt. Die Sozialpartner begrüssen die Initiative, sind aber noch nicht ausreichend involviert. Einige Instrumente und finanzielle Ressourcen, die für die Erreichung der Ziele des WBF nötig sind (Bundesgesetz über die Weiterbildung, Betreuungsstrukturen für Kinder erwerbstätiger Frauen usw.), bedürfen eines gemeinsamen politischen Willens, auf den man sich wohl schwer wird einigen können.

Unverbindlicher Appellcharakter

Die verschiedenen Beteiligten sollen die Massnahmen innerhalb ihres Fach- und Kompetenzbereichs umsetzen. Die Fachkräfteinitiative als Teil der Arbeitsmarktpolitik hat die Ausgangssituation eingehend analysiert und knüpft an bereits bestehende Massnahmen an (kantonale Massnahmen zur Förderung der Ausbildung im Gesundheitsbereich, Förderung der Attraktivität von Ausbildungen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik usw.). Leider besteht für das Gesamtprojekt weder ein konkreter Zeitplan noch ein Umsetzungsprogramm. Selbst Bundesrat Schneider-Ammann gibt zu, dass die Initiative den Eindruck eines unverbindlichen Appellcharakters hinterlassen könne. Davon abgesehen muss die Initiative zwei weitere grosse Hindernisse überwinden:
– Mit 79 Prozent (Stand 2009) ist der Beschäftigungsgrad der 15- bis 64-Jährigen in der Schweiz bereits heute auf einem europäischen Rekordwert.
– Das Wachstum der erwerbsfähigen Bevölkerung verlangsamt sich zunehmend: Die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, geht stetig zurück und auch die Zahl der Studierenden an den Hochschulen dürfte ab 2014 sinken. Diese Tatsachen sollten alle betroffenen Kreise davon überzeugen, dass ein geeintes Vorgehen dringlich und eine konsequente Steuerung notwendig sind. Selbst bei einer erfolgreichen Umsetzung der Fachkräfteinitiative wird die Wirtschaft weiterhin auf die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte angewiesen sein

Links und Literaturhinweise

www.wbf.admin.ch

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