Ausgabe 03 | 2012

BERUFSBILDUNG

Kosten-Nutzen-Studie

Lehrlinge rentieren auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten

Zwei Drittel der ausbildenden Betriebe erzielen schon während der Lehrzeit einen Nettonutzen aus ihrem Engagement. Dies bestätigt nach 2000 und 2004 eine dritte Untersuchung.

Von Stefan C. Wolter und Mirjam Strupler, Forschungsstelle für Bildungsökonomie der Universität Bern

Der Nettonutzen durch Lehrverhältnisse summierte sich im Jahr 2009 für die Ausbildungsbetriebe auf 474 Millionen Franken, bei Bruttoinvestitionen der Unternehmen von 5,35 Milliarden Franken. Der hohe Nettonutzen zeigt, dass sich die Lehrlingsausbildung auch in wirtschaftlich schwierigen und volatilen Zeiten lohnte. Allerdings nicht für alle: Etwa einem Drittel der Ausbildungsbetriebe erwachsen Nettokosten. Die Mehrheit davon kann diese Investitionen allerdings schon recht kurzfristig amortisieren. Unternehmen mit über hundert Mitarbeitenden, das sind hauptsächlich jene Betriebe, die auch eher Nettokosten bei der Ausbildung verzeichnen, konnten pro ausgebildeten Lernenden 16 000 Franken bei der Rekrutierung und Einarbeitung von Fachkräften sparen. Dieser Aspekt der eigenen Lehrlingsausbildung dürfte angesichts des sich in vielen Berufen abzeichnenden Fachkräftemangels in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.

Teure kaufmännische Grundbildung

Zum ersten Mal präsentiert die Studie Zahlen für eine ganze Lehrzeit gemäss neuer kaufmännischer Grundbildung: Die Ausbildung hat sich leicht verteuert, wobei dies nur zum Teil direkt auf die Reform zurückgeführt werden kann. Der reformbedingte Anteil an der Verteuerung ist wohl vor allem eine Folge des degressiven Schulmodells. Der durch die zusätzlichen Schultage verursachte Nutzenausfall in den ersten zwei Lehrjahren wurde im dritten Lehrjahr nicht vollständig kompensiert. Daneben ist die Verteuerung aber vor allem durch zwei reformunabhängige Faktoren bedingt. Es gab mehr Abwesenheitstage der Lernenden, und in der Finanzbranche wurde deutlich anders, teilweise auch kostenintensiver, ausgebildet.

Ebenfalls erstmals wurde der Nettonutzen der Lehrberufe Fachfrau/-mann Gesundheit (FaGe) und Fachfrau/-mann Betreuung (FaBe) berechnet. Der Beruf FaGe ist im Rahmen der Kosten-Nutzen- Analysen ein Spezialfall, weil viele ausbildende Betriebe teils namhafte Subventionen für die Ausbildung erhalten. Die Subventionen gelangen mehrheitlich an Spitäler, die auch ohne diese Unterstützung kostendeckend ausbilden würden, während in die Sektoren, wo die Ausbildung tendenziell eher Nettokosten verursacht (Spitex und Langzeitpflege), praktisch keine Subventionen fliessen.

Hohe Ausschöpfungsquote

Die Untersuchung ermittelt eine ansehnliche Ausbildungsquote von über vierzig Prozent der Betriebe. Für die übrigen theoretisch ausbildungsfähigen, aber nicht ausbildenden Betriebe würde sich die Ausbildung nicht in jedem Fall lohnen. Namentlich sehr kleine oder sehr spezialisierte Betriebe hätten zu wenig Einsatzmöglichkeiten für Lernende und könnten deshalb die Ausbildungskosten nicht mit einem produktiven Nutzen der Lernenden decken. Aber es gibt sicher noch Betriebe, die ausbilden könnten. Dazu zählen etwa solche in ausländischem Besitz, die sich bei kleinen Firmengrössen signifikant weniger an der Lehrlingsausbildung beteiligen. Und schliesslich gibt es eine ansehnliche Zahl von Betrieben, die früher ausgebildet haben und eigentlich auch planen, dies wieder zu tun. Weit mehr als die Hälfte unter ihnen gibt den Mangel an adäquat qualifizierten Schulabgängern als Motiv für den temporären Ausstieg aus der Lehrlingsausbildung an. Eine gute Schulbildung ist deshalb ein wichtiger Faktor für die Ausbildungsbereitschaft der Schweizer Betriebe.

Links und Literaturhinweise

Strupler M., Wolter St., Die duale Lehre eine Erfolgsgeschichte – auch für Betriebe, Ergebnisse der dritten Kosten-Nutzen-Erhebung der Lehrlingsausbildung aus der Sicht der Betriebe, Rüegger, Chur/Glarus, 2012.
Frühere Erhebungen untersuchten die Lehrverhältnisse in den Jahren 2000 und 2004: Panorama 2/2003 (S.40-43) und Panorama 5/2007 (S.17-18)

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