Ausgabe 03 | 2012

Fokus "Unsichere Arbeitswelt"

Arbeitsbedingungen

Immer mehr Menschen arbeiten in prekären Verhältnissen

Die Eckwerte für ein berufliches Engagement haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Scheinbar unerschütterliche Prinzipien wie «Betriebstreue», «Sicherer Arbeitsplatz» oder «Grenze zwischen Arbeit und Freizeit» verlieren zunehmend an Bedeutung.

Von Thomas Huonker. Er ist ist Dozent, Publizist und Historiker in Zürich.

In Japan häufen sich Selbstmorde von Männern, die mit 30 oder 40 Jahren noch keine Festanstellung gefunden haben. Andere dieser wachsenden Gruppe hausen in Parks, wieder im Elternhaus oder in Internet-Cafés, zerfressen von der Scham, keinen sicheren Platz in der Gesellschaft zu haben. Ihre Eltern, die heute 50- bis 80-Jährigen, hatten in der boomenden Industriemacht Japan seit den 1950er-Jahren kaum Sorgen dieser Art. In anderen Ländern wurde die Jobsicherheit gar nie so grossgeschrieben wie in Japan – doch ist dort die Jugendarbeitslosigkeit im Gefolge der Finanzkrise umso höher. In Spanien und in Griechenland stehen über die Hälfte der unter 25-Jährigen ohne Arbeitsplatz da.

Prekariat und Arbeitsplatzabbau

So dramatisch ist die Situation in der Schweiz nicht. Die meisten, auch jugendlichen Arbeitnehmer haben eine Stelle. Doch auch sie können sich dabei nicht sicher fühlen. Das Neuwort Prekariat ist der Sammelname für all jene, meist jüngeren Arbeitskräfte, die sich vom einen schlecht bezahlten Praktikum ins andere hangeln müssen, die auf Abruf arbeiten müssen, deren Teilzeitstellen jedes Jahr anders verteilt, reduziert oder ganz abgeschafft werden können. Für viele Arbeitnehmer ist diese – oft auch als Scheinselbständigkeit getarnte – chronische Unsicherheit lebensprägend.

Es gibt eine wachsende Zahl von Beschäftigten, die, meist vom selben Arbeitgeber, nur noch temporär während einiger Monate angestellt werden, und dies über Jahre hinweg. Andere sind niedrig qualifizierte Arbeitskräfte, die permanent zwischen Arbeitslosigkeit und prekärer Anstellung hin- und herpendeln.

Gemäss einer im letzten Jahr vom Staatssekretariat für Wirtschaft publizierten Studie fühlen sich rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz häufig oder sehr häufig gestresst. Dies sind 30 Prozent mehr als noch vor 10 Jahren. Viele werden deswegen depressiv, greifen zu Medikamenten oder Suchtmitteln. Andere können irgendwann einfach nicht mehr. Sie fallen in den Zustand, der Burn-out heisst. Die als Ausbrennen empfundene Sinnkrise kann auch Berufsleute in vermeintlich sicheren Positionen anfallen. Langjährige Facharbeiter in der Industrie, die den abrupten Wechsel zwischen Überstunden und Kurzarbeit nicht mehr ertragen. Auch Kaderangehörige, denen die Hektik ständiger Neustrukturierungen zusetzt oder die von einem Tag auf den andern zurückgestuft werden.

Umfragen zeigen, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten die Hauptsorge der Schweizer die Sicherheit des Arbeitsplatzes ist. Gerade da musste aber intensiv umgelernt werden: Globale Holdings schliessen unter regem Zuspruch der Aktienmärkte sogar rentierende Betriebe, wenn sich nur schon abzeichnet, dass anderswo noch mehr Profit möglich ist. Der Werkplatz Schweiz ist während der letzten Jahrzehnte systematisch «verscherbelt» worden. Ganze Branchen wie der Textilbereich wanderten ab. Traditionsfirmen wie Sulzer oder Landis & Gyr haben lediglich die Filetstücke in der Schweiz behalten. Inzwischen arbeiten bloss noch 22 Prozent der Erwerbstätigen im Industriesektor (1970 waren es 47 Prozent).

Quellen der Verunsicherung

Der Sicherheitsverlust im identitätsstiftenden Bereich der Arbeitswelt begann wohl nicht erst mit dem Grounding der Swissair. Doch dieser Schock machte der Schweiz besonders klar, dass es den sicheren Arbeitsplatz nirgends mehr gibt. Früher bestand die zwar ungeschriebene, aber unbestrittene Übereinkunft zwischen den Arbeitsvertragspartnern «Ich verkaufe dir meine Arbeitskraft, du gibst mir Sicherheit». Diese Regel ist Geschichte. Das gilt sogar für ehemalige Garanten für «Lebensstellen» wie SBB oder Post. Folgerichtig identifizieren sich insbesondere junge Arbeitnehmer je länger, je weniger mit ihrer Firma, sondern mit ihrer Aufgabe. Eine kürzlich weltweit durchgeführte Umfrage des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse-Coopers bei 16- bis 30-Jährigen hat ergeben, dass jeder zweite Befragte davon ausgeht, während seines Arbeitslebens für bis zu fünf Arbeitgeber tätig zu sein.

Die Ursachen der sozialen Verunsicherung, die ja nicht auf die Arbeitswelt beschränkt ist, sind vielfältig. Wirtschaftshistoriker sehen den Umbruch in der Rezession von 1974, Erdölkrise genannt. Sie zeigte die Risiken des Raubbaus an natürlichen Ressourcen und war das Ende der Illusion, der regulierte Kapitalismus der Nachkriegszeit sei krisenfest. Die Finanzkrise von 2008 doppelte nach und machte Schluss mit dem neoliberalen Aberglauben, der Markt regle sich selbst. Ernsthafte Ökonomen raten nun, nach dem Absturz von Hedgefonds- Gurus wie Michael Milken und Martin Ebner, zum Horten von Gold, Bargeld und Lebensmitteln.

Philosophen und Historiker orten Quellen der Verunsicherung im Geist der Postmoderne. Ab den 1980er-Jahren galt zunächst in der Kunst, aber bald auch im Alltag die Parole «anything goes». Nach dem Kollaps der sozialistischen Staatskolosse im Osten 1989, soweit die Parteiführer nicht, wie in China, unter Beibehaltung einiger kommunistischer Embleme schon Ende der 1970er-Jahre voll auf den Kapitalismus setzten, galt die postmoderne Haltlosigkeit und die generelle Gier nach allem auch dort als chic – abgesehen von Begleiterscheinungen der Verwestlichung wie Drogen, Aids und Rückkehr der Armut.

Gewinner und Verlierer

Umgelernt werden musste nicht nur auf globaler, sondern auch auf individueller und lokaler Ebene. Manche lernten, von Glarus nach Zürich, von Zürich nach Basel, von Neuenburg nach Bern zu pendeln, täglich. Wer darauf hoffte, nach 40 oder 50 Jahren im gleichen Betrieb zur sicheren Pension hinzu noch eine goldene Uhr für Firmentreue zu erhalten, musste lernen, dass Arbeitnehmer über 50 bevorzugt abgebaut werden, und dies ohne goldenen Fallschirm. Häufige Stellenwechsel, früher eine Schande, dienen heute der Karriereplanung.

Zwar gelten die Renten manchen Futurologen aufgrund demografischer Erwägungen – unter Ausklammerung sichernder sozialpolitischer Entscheide – als ungesichert. Dennoch gehören der Auf bau von AHV und IV, Arbeitslosenund Mutterschaftsversicherung zu den Highlights sozialer Sicherheit in den letzten Jahrzehnten.

Ungeachtet dieser sozialen Sicherheitsnetze, zahlen wir von klein auf den prinzipiellen Preis der grossen Freiheit des modernen Individuums. Allen steht die Welt offen, jede und jeder kann überall alles werden, 20-jährige Fussballer und Showstars werden zu Millionären, einstige Kolchoseleiter zu Oligarchen, Bauern zu Baulandbesitzern. Doch wer es nicht schafft, ist selber schuld. Er oder sie vertat alle Möglichkeiten, traf die falschen Entscheidungen, war der Freiheit nicht gewachsen und ist out, ein Verlierer der Modernisierung mehr.

Die smarten Gewinner der Modernisierung hingegen sind, zusammen mit den reichen und superreichen VIPs des Jetsets, auch gut bezahlte Fachkräfte trendiger Bereiche. Doch auch sie haben ihre Probleme. Der Stress wächst oft schneller als die Produktivität. Die modernen, stark beschleunigten Kommunikationsformen wie Internet-Newsticker, E-Mail, SMS, Skype und eine mittlerweile schier grenzenlose Anzahl Apps bringen auch multitaskingfähige und blitzgescheite Hirne irgendwann im Lauf des Tages oder der Woche an ihre Kapazitätsgrenzen. Manches so rasch Übermittelte bleibt unbearbeitet liegen, das Unerledigte häuft sich schneller denn je.

Die vordergründigen Systemgewinner sind jedoch bloss die Spitze des Eisbergs. Für eine stets wachsende Zahl von Beschäftigten gerät der lebensnotwendige Wechsel zwischen Freizeit, Familie und Erholung einerseits und Verfügbarkeit für den Arbeitgeber andererseits total ausser Rhythmus und Balance. Denn mit modernen Hilfsmitteln ist das ganze Büro auch ausserhalb der Arbeitszeit stets dabei. Es besteht eine reelle Gefahr, gratis Dauerpikettdienst zu leisten. Modelle der fliessenden oder «Vertrauensarbeitszeit » mit höheren Anteilen an Heimarbeit können überdehnt werden, und zwar aufgrund der sozialen Kräfteverhältnisse und der allgemeinen Jobunsicherheit eher zulasten der ausführenden Arbeitskräfte als der Delegierenden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Messung der Arbeitszeit sogar zum Politikum innerhalb des eidgenössischen Parlaments geworden ist. Während die Arbeitgeberseite für einen liberalen Umgang mit der Arbeitszeit plädiert, setzen sich die Gewerkschaften, bildlich betrachtet, für die Stechuhr ein. Eine derartigen Wandel in so kurzer Zeit nannte man schon früher «verkehrte Welt».

Links und Literaturhinweise

Grebner S. (Hrsg.), Stressstudie 2010, Stress bei Schweizer Erwerbstätigen – Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen, Personenmerkmalen, Befinden und Gesundheit, Seco, 2011.

Kommentare
 
 
 
imgCaptcha
 

Nächste Ausgabe

PANORAMA Nr. 4 | 2020 mit dem Fokus «Laufbahnmuster» erscheint am 21. August.