Ausgabe 04 | 2012

BERUFSBERATUNG

Lehrstellenbörsen

Bewerbungsgespräche in der Aula

An Begegnungsanlässen mit lokalen Lehrbetrieben haben Schülerinnen und Schüler in einem pädagogisch begleiteten Umfeld die Gelegenheit, sich in einer realen Situation auf die Lehrstellensuche vorzubereiten. Manchmal werden sogar entscheidende Weichen gestellt.

Von Stefan Krucker

Die erste Begegnung: Schüler und Berufsbildner im Gespräch.

Die erste Begegnung: Schüler und Berufsbildner im Gespräch.

Michel Stöckli besucht die 9. Klasse in Köniz bei Bern. Am heutigen Schultag überlegt er sich etwas länger als üblich, was er anziehen will. Denn heute ist in Köniz Lehrstellenbörse angesagt. Dort will er einen guten Eindruck machen. In der Aula des Schulhauses haben 15 Ausbildungsbetriebe aus der Umgebung ihren Stand bezogen. Alle Betriebe, vom grossen Nahrungsmittelhersteller Wander AG bis zum kleinen Kaminfegergeschäft Heinz Nacht, haben zur Verfügung: ein Plakat, einen Tisch und vier Stühle. Die Hauptsache ist, dass aus jedem Unternehmen ein Berufsbildner oder eine Berufsbildnerin anwesend ist, manchmal zusätzlich auch ein Lehrling. Sie stehen den rund 100 Oberstufenschülerinnen und -schülern aus der Gemeinde Köniz, die sich angemeldet haben, für ein Kontaktgespräch zur Verfügung. In den Gesprächen, die rund 10 Minuten dauern, stellen die Berufsbildner den Schülern Fragen wie: Warum möchtest du dich bei uns bewerben? Was weisst du über uns und unsere Branche? Was fasziniert dich an diesem Beruf ? Was kannst du besonders gut?

«Die Leute waren freundlich und haben gute Fragen gestellt», sagt Michel Stöckli, der sich für das KV interessiert und drei Stände besucht hat. «Und ich wurde für einen Informationsabend und eine Schnupperlehre eingeladen.» Damit ist er zufrieden. Sein Auftreten und sein Dossier haben den Berufsbildnern offenbar zugesagt.

«Die Lehrstellenbörse ist vor allem eine grosse Chance, um schnell in Kontakt zu kommen mit Betrieben», erklärt Niels Lang, Schulleiter und Koordinator der Lehrstellenbörse in Köniz, den Zweck des Anlasses. Jugendliche auf Lehrstellensuche melden sich normalerweise auf Ausschreibungen im kantonalen Lehrstellennachweis, in der Presse oder spontan bei den Lehrbetrieben. «Weil die Börse sehr lokal ist – aus der Gemeinde für die Gemeinde – sind die Chancen auf eine Lehrstelle wohl grösser als anderswo», fügt Lang hinzu. In einzelnen Fällen sei es aufgrund des gegenseitigen Kennenlernens an der Lehrstellenbörse später tatsächlich zum Vertragsabschluss gekommen.

Stellenwert der Vorbereitung

Noch wichtiger findet Lang aber, dass sich die Jugendlichen wirklich mit dem Thema Bewerben auseinandersetzen müssen: «Die Jugendlichen mussten Energie investieren, ein Bewerbungsdossier erstellen und aktiv auf die Lehrbetriebe zugehen.» Im Gegenzug garantiere ihnen die Lehrstellenbörse einen ersten Kontakt. «Sie können sich mündlich präsentieren, unabhängig davon, welche Schulnoten sie zum Beispiel haben.»

Die Vorbereitung auf die Lehrstellenbörse schildert Michel Stöckli so: «In der Schule wurde uns gezeigt, wie man eine gute Bewerbung erstellt. Danach habe ich mich zu Hause zusammen mit meinem Vater an die Arbeit gemacht.» An der Lehrstellenbörse teilgenommen hätten nur jene Schülerinnen und Schüler, deren Wunschberufe auch tatsächlich mit einem Stand vertreten waren. Deshalb hätten sie bereits zwei Monate im Voraus erfahren, welche Betriebe an der Börse teilnehmen würden. Koordinator Lang plädiert in diesem Zusammenhang für Qualität statt Quantität: «Es ist mir lieber, wenn 80 Motivierte kommen als 300 zu einem grossen Teil Unmotivierte. Der Wert der Lehrstellenbörse ist es gerade, dass alle seriös bei der Sache sind und trotzdem noch Fehler machen dürfen.»

Beispiel macht Schule

Lehrstellenbörsen liegen schweizweit im Trend: Köniz und Zürich begannen vor drei Jahren mit diesen Veranstaltungen, dieses Jahr gab es auch Lehrstellenbörsen in Aarau und Baden sowie in Neuenburg die erste «Nuit de l’apprentissage ». Auch in der Cité des Métiers in Genf findet ein sogenanntes «Recrutement en direct» statt.

Zürich verzeichnete im ersten Jahr einen eher mässigen Erfolg und hat für die Folgejahre ein wichtiges Element des Konzepts aus Köniz übernommen: Von den Schülern wird nun auch hier verlangt, dass sie sich gezielt auf die Börse vorbereiten. Sie müssen ihr vollständiges Bewerbungsdossier und ein Motivationsschreiben für eine bestimmte Stelle mitbringen. Nach dem gleichen Strickmuster arbeiten Aarau und Baden. Im Unterschied zu den anderen Austragungsorten wird dort in der Ausschreibung aber ausgeschlossen, dass an der Börse bereits Lehrstellen- Zusagen gemacht werden. Es sollen ausschliesslich die nächsten Schritte vereinbart werden.

Die «Nuit de l’apprentissage» in Neuenburg verfolgt die gleichen Ziele wie die Veranstaltungen in der Deutschschweiz, einfach zu einer anderen Tageszeit. Hier ist das Motto etwas offensiver formuliert als in der Deutschschweiz, trifft den Kern der Sache aber besonders gut: «10 minutes pour convaincre!»

Die Motivation der Betriebe

In Köniz bezahlen die Betriebe seit dem zweiten Durchführungsjahr eine Standgebühr. Diese beträgt je nach Grösse des Unternehmens 500 oder 1000 Franken. Und es braucht immerhin ein bis zwei Leute, die während des Tages vor Ort sind und die Kontaktgespräche führen. Die Motivation der Betriebe zur Teilnahme, vor allem von jenen, die die Lehrstellen für das laufende Jahr noch nicht besetzen konnten, liegt auf der Hand. Und diese Situation dürfte in den nächsten Jahren angesichts sinkender Schulabgängerzahlen häufiger als auch schon vorkommen. Im Unterschied zu den anderen Lehrstellenbörsen nehmen in Köniz aber auch einige Unternehmen teil, die für das laufende Jahr gar keine Lehrstelle zu vergeben, oder diese bereits besetzt haben.

«Lehrstellenzusagen erteilen wir an der Lehrstellenbörse nicht», sagt Nicolas Schafer von der Raiffeisenbank Sensetal. «Wir wollen den jungen Leuten einfach eine Kontaktmöglichkeit bieten.» Wer sich konkret für eine Lehrstelle interessiere, müsse von sich aus nochmals die Initiative ergreifen und das normale Bewerbungsverfahren durchlaufen. Auch für Markus Schneider vom Restaurant Haberbüni steht die Berufsorientierung im Vordergrund: «Mir hat die Idee gut gefallen, auf die Jungen zuzugehen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vorzustellen. » Ausserdem wolle er einen Beitrag dazu leisten, den Jugendlichen aufzuzeigen, dass die handwerklichen Berufe auch attraktiv seien, nicht nur das Gymnasium und das anschliessende Studium.

Die Rolle der Lehrpersonen

Im Konzept der Lehrstellenbörse Köniz ist auch vorgesehen, Wochenplätze sowie nichtselektive Schnupperlehren zur Berufserkundung zu vermitteln und damit Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klasse anzusprechen. Wochenplätze sind dauerhafte Arbeitsstellen für Jugendliche. Sie arbeiten einige Stunden pro Woche und kommen so schon früh in Kontakt mit der Arbeitswelt. Ein konkreter Beruf steht hier noch nicht im Vordergrund. Verschiedentlich wurde das integrative Potenzial solcher Stellen hervorgehoben, unter anderem vom Projekt «LIFT» (www.nsw-rse.ch).

Leider war das Angebot an Wochenplätzen in Köniz bisher gering, mit der Folge, dass viele Lehrer von 7. Klassen auf eine Teilnahme an der Börse verzichtet haben. Generell steht und fällt in Köniz die Teilnahme an der Lehrstellenbörse mit den Lehrpersonen: Da die Börse während des Unterrichts stattfindet, müssen die Lehrer einverstanden sein und ihre Schüler anmelden. Ausserdem müssen sie im Vorfeld der Lehrstellenbörse mit den Schülerinnen und Schülern die Lehrstellensuche angehen und das Erstellen eines Bewerbungsdossiers konkret üben.

Links und Literaturhinweise

Lehrstellenbörsen gibt es in den folgenden Orten:
- Köniz (BE)
- Zürich
- Aarau und Baden (AG)
- Neuenburg
- Genf

Kasten

Weitere Informationen

Die Bezeichnung «Lehrstellenbörse» wird einerseits für Datenbanken von offenen Lehrstellen – allen voran die kantonalen Lehrstellennachweise LENA – verwendet. Die hier vorgestellten Lehrstellenbörsen sind hingegen Tischmessen, an denen Vorstellungsgespräche geübt und Kontakte zu Lehrbetrieben geknüpft werden können. Sie unterscheiden sich auch von den Berufsinformationsmessen, die einer ersten allgemeinen Orientierung über die Berufswelt dienen und von Verbänden und Arbeitgebern für ihr Berufsbildungsmarketing genutzt werden. Lehrstellenbörsen gibt es an diesen Orten:

- Köniz bei Bern: www.koeniz.ch
- Zürich: www.lehrstellen-matching.ch
- Aarau und Baden: www.lehrstellenboerse.bdag.ch
- Neuenburg: www.ne.ch/ocosp
- Genf: www.citedesmetiers.ch

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