Ausgabe 04 | 2012

Fokus "Cleantech"

Nachhaltige Berufsbildung

Von gepackten und verpassten Chancen

Soll die Welt energieeffizienter und emissionsärmer werden, braucht es Fachleute. Die Akteure der schweizerischen Berufsbildung haben darauf reagiert, die einen mehr, die anderen weniger. Der Bildungs- und Nachhaltigkeitsspezialist Ueli Bernhard beobachtet die Entwicklung seit Jahren. Er zieht eine vorsichtig positive Bilanz über das bisher Erreichte.

Von Andreas Minder

Polybauer halfen bereits Ressourcen schonen, als noch niemand von Cleantech sprach.

Polybauer halfen bereits Ressourcen schonen, als noch niemand von Cleantech sprach.

«Der Masterplan Cleantech ist kein gesamtwirtschaftliches, sondern ein Industriekonzept », sagt Ueli Bernhard, Geschäftsleiter der Green Jobs Bernhard GmbH und «grüne Eminenz» in Bildungsfragen. Der Analyse- und Strategiebericht für Ressourceneffizienz und erneuerbare Energien des Bundes denke vorwiegend an den zweiten Sektor, dabei betreffe das Thema sämtliche Berufsfelder. «Aus realpolitischen Gründen ist es jedoch vertretbar, mit einem engen Ansatz zu beginnen.» Im Anschluss an die Konferenz «Rio+20» und dank nationalen Initiativen für eine grünere Wirtschaft werde der intelligente und nachhaltige Umgang mit Ressourcen ohnehin in alle Wirtschaftsbranchen Einzug halten – inklusive Finanz- und Versicherungssektor.

Doch zurück zum Fokus des Masterplans: Im gewerblich-industriellen Bereich tut sich einiges. Die Polybauer zum Beispiel machten schon Cleantech, als man das noch lange nicht so nannte. Früher als Dachdecker, Flachdachbauerinnen, Fassadenbauer, Fassaden-, Gerüst-, und Storenmonteure oder Bauisoleurinnen, seit 2008 als Polybauer und Polybaupraktikerinnen.

«Seit man von der Energiewende zu sprechen begann, wurde das Thema aber noch wichtiger», stellt Beat Hanselmann, Leiter Bildung in der Geschäftsleitung des Vereins Polybau, fest. Für Diskussionen sorgte hier in den letzten Jahren die Frage, ob es zu den bisherigen fünf Fachrichtungen (Abdichten, Dachdecken, Fassadenbau, Gerüstbau, Sonnenschutz-Systeme) eine zusätzliche für den Bereich Solar brauche. Man entschied sich schliesslich für eine andere Lösung: In der Grundbildung wurde der Bildungsplan für alle Fachrichtungen um Leistungsziele im Bereich Sonnenenergienutzung und Solaranlagen ergänzt und entsprechend mit Stunden dotiert. Der offen formulierte Bildungsplan liess diese Änderung zu, ohne dass eine offizielle Revision nötig wurde. In der Weiterbildung wird ab Herbst oder Winter gemeinsam mit fachlich verwandten Organisationen der Arbeitswelt (OdA) die Berufsprüfung Projektleiter/in Solarmontage angeboten. Erneuerbare Energien sind auch fester Bestandteil der bestehenden Polier-Ausbildungen und des Diplomlehrgangs zum Energieberater Gebäude mit eidgenössischem Fachausweis.

Trumpf auf dem Lehrstellenmarkt

«In den letzten zehn Jahren hatten wir bei den Lehrlingszahlen einen enormen Boom», sagt Hanselmann. Trotzdem rechnen auch die Polybauer angesichts geburtenschwacher Jahrgänge mit einem Rückgang. Der Verband hat mit einem Nachwuchsförderungsprojekt darauf reagiert. Eine der Botschaften, mit denen man den Beruf für junge Leute attraktiv machen will, ist die erneuerbare Energie: «Polybauer – die Klimaschützer! » lautet der Slogan. «Cleantech ermöglicht es Verbänden und Lehrbetrieben, sich mit ihren Berufen besser auf dem Lehrstellenmarkt zu positionieren », beobachtet Ueli Bernhard.

Gemäss Masterplan Cleantech stehen die Polybauer mit ihren Ausbildungsaktivitäten nicht isoliert da. 2010 hat das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) 55 Bildungsgänge aus dem Gebäudebereich auf ihre Cleantech-Tauglichkeit geprüft und festgestellt, dass die meisten gerade oder kürzlich revidiert wurden. Berufsnachwuchskräfte, die in den letzten Jahren eine Ausbildung abgeschlossen haben, seien damit auf dem neusten Ausbildungsstand, folgert daraus das BBT im Masterplan Cleantech. Eine Umfrage bei 25 Berufsverbänden ergab ausserdem, dass drei von vier OdAs Weiterbildung im Cleantech- Bereich anbieten.

Trotz günstigem Befund hat das BBT kürzlich zwei Projekte für weitere Abklärungen lanciert. Mit den Abklärungen für eine «Schweizer Cleantech-Bildungslandschaft und ein mögliches Impulsprogramm im Bereich der Weiterbildung » wurden das Ingenieurunternehmen Basler + Partner in Zollikon und das Bieler Beratungsunternehmen Sanu beauftragt. Das zweite Projekt betrifft die berufliche Grundbindung. Das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB), das Bildungszentrum WWF und das Ingenieurbüro Planair in Yverdon wurden beauftragt, alle Bildungspläne der beruflichen Grundbildung auf Cleantech-relevante Inhalte zu analysieren. Bereits Ende 2012 sollen Empfehlungen für die Optimierung der Berufsbilder vorliegen.

Berufsübergreifende Schlüsselqualifikationen

Für Ueli Bernhard ist klar, in welche Richtung die Bildungsreglementierung gehen sollte. «Es müssten Schlüsselqualifikationen für ganze Ausbildungsfelder formuliert werden.» Unter Ausbildungsfeldern versteht er verwandte Berufe, die in Bezug auf Ressourcen ähnliche Kompetenzen erfordern. Beispiel Automobil: Reduktion von Emissionen und Energieeffizienz sind die Leitgedanken, die in den Berufsbildern des Automobil-Mechatronikers, der Automobil-Kauffrau, des Automobil-Diagnostikers und der Fahrlehrerin gleichermassen ihren Niederschlag finden sollten. In den einzelnen Prüfungsordnungen, Bildungsverordnungen und -plänen könnten sie in die berufsspezifische Form gegossen werden. Wo und in welcher Form die übergreifenden ausbildungsfeldspezifischen Qualifikationen verankert werden könnten, ist für Bernhard noch nicht klar. Zentral sei, dass sie zusammen mit den betroffenen Verbänden entwickelt würden: «Wenn die OdAs in diesem Prozess eine angemessene Rolle erhalten, erhöht dies die Chance, dass sie erkennen, was für ein Zukunftsmarkt Cleantech darstellt.»

Ein zweiter Vorteil der Zusammenarbeit im Ausbildungsfeld betrifft die Schnittstellen. Die verschiedenen Berufsleute, die Gebäude bauen, einrichten und renovieren, sollten möglichst reibungslos zusammenarbeiten. Das erfordert gegenseitiges Verständnis und Abstimmung. Die geplante Berufsprüfung «Projektleiter/in Solarmontage» ist ein gelungenes Beispiel dafür. Fünf Verbände stehen hinter der Ausbildung, und sieben EFZ-Berufe (Elektroinstallateur, Heizungsinstallateur, Metallbauer, Polybauer, Spengler, Sanitärinstallateur, Zimmerleute) sind zugelassen. Damit solche Lösungen Schule machen, schweben Bernhard «Ausbildungsfelderkonferenzen » vor, in denen sich die Akteure eines Berufsfelds treffen und ihre Ausbildungen gemeinsam konzipieren.

Strategische Verantwortung liegt beim BBT

Die Verbände sind für Bernhard wichtige, aber längst nicht die einzigen Akteure in der Berufsbildung, die gefordert sind, sich zu Cleantech Gedanken zu machen und zu handeln. Das Berufsbildungsgesetz schreibt sämtlichen Verbundpartnern vor, ein genügendes Berufsbildungsangebot «insbesondere in zukunftsfähigen Berufsfeldern» anzustreben (BBG Art. 1). «Das BBT hat hier eine strategische Verantwortung für Cleantech», folgert Bernhard. «Diesen Auftrag kann das Amt vor allem durch seine Aufsichtsfunktion wahrnehmen.» Bezüglich der Reglementierung spiele das BBT seine Rolle gut, findet Bernhard. Hier würden Nachhaltigkeitsanliegen Rechnung getragen.

«Wie die Bestimmungen gelebt werden, ist eine andere Frage», fügt Bernhard an. Diesbezüglich könnte das BBT mehr tun: Durch stärkere Einflussnahmen auf die Qualifikationsverfahren, auf die Kommissionen für Berufsentwicklung und Qualität und auf das EHB. Das Institut habe zu wenig erkannt, welche bildungsökonomische Chance Cleantech darstelle. «Die Entwicklung von Berufen mit Qualifikationen in der Ressourcenökonomie sollte zu einem Leistungsauftrag des EHB werden.» Viel Handlungsbedarf macht der Bildungsexperte bei den Berufsfachschulen aus. Viele stünden Cleantech ratlos gegenüber: Dem engen Begriff des Masterplans und erst recht einem umfassenden Verständnis von grüner Wirtschaft. «Die Rektoren stehen vor einer Chance, ihr Institut in diesem Bereich als innovative Berufsfachschule zu positionieren

Links und Literaturhinweise

Website des Bundes zum Thema Cleantech
Frei M., Braun N., Fachkräftesituation in Berufen mit Cleantech-Potenzial, Auswertungen anhand des Indikatorensystems Fachkräftemangel, BSS, Basel 2010.
Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Übersicht über die nationalen Aktivitäten, BBT, Februar 2012. Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der Berufsbildung, Standortbericht, BBT, März 2011.
Bernhard U., Zurbrügg S., Cleantechwissen. Cleantech in der höheren Berufsbildung, Greenjobs, Bern, 2010.
Bernhard U., Zurbrügg S., Nachhaltige Entwicklung in Lehre, Forschung und Betrieb von Fachhochschulen, Greenjobs, Bern, 2010.
Website von OdA Umwelt

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OdA Umwelt

Demnächst wird die «OdA Umwelt» operativ. Sie wird sich um das Netzwerk der Umweltberufe kümmern. Mitglieder sind derzeit der Schweizerische Verband der Umweltfachleute (SVU) und die Fachfrauen Umwelt (FFU). Der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) und weitere Verbände wurden angefragt.
www.umweltprofis.ch

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