Ausgabe 02 | 2015

Fokus "Migration und Integration"

Lehrstellenvermittlung

Ein ganz normaler Junge

Arbnor Kelmendi sucht eine Lehrstelle als Informatiker. Sarah Descombes hilft ihm im Rahmen von Match-Prof dabei. Warum ist das nötig? Und wie geht die Beraterin vor?

Von Stefan Krucker, Chefredaktor PANORAMA

Hat trotz guten Schulleistungen schon 28 Absagen kassiert: Arbnor Kelmendi. (Bild: Stefan Krucker)

Hat trotz guten Schulleistungen schon 28 Absagen kassiert: Arbnor Kelmendi. (Bild: Stefan Krucker)

SC Ittigen gegen SV Kaufdorf, 61. Minute: Arbnor Kelmendi schiesst sein letztes Tor der Saison. Ittigen gewinnt mit 4:1. Der Torschütze drückt seine Ellbogen gegen den Oberkörper, ballt seine Hände zu Fäusten, hebt sie leicht an und ruft: «Yeahh!» Arbnor ist 15-jährig, wohnt in Ittigen bei Bern und besucht die neunte Klasse der Sekundarschule. In der Freizeit spielt er Fussball, hört Rap, trifft sich mit Kollegen. Heute fragt ihn Sarah Descombes, Beraterin: «Was haben Sie bis jetzt schon für die Lehrstellensuche gemacht?» Die beiden sitzen bei der Pro Lehrstelle AG Bern am Besprechungstisch. Die KMU befindet sich in einer 4-Zimmer-Wohnung in der Nähe der Innenstadt. Die Räume sind einfach, aber freundlich eingerichtet. Die Beraterin spricht ruhig, interessiert und faktenorientiert mit dem Jugendlichen. «Ich habe ungefähr 30 Bewerbungen verschickt, fast alle für Informatik, Systemtechnik», antwortet Arbnor. Er spricht akzentfrei Schweizerdeutsch, wenn auch etwas stockend. Wie ein ganz normaler 15-jähriger Junge, dem die richtigen Worte nicht immer einfallen. 28 Absagen hat er schon erhalten. In den Briefen stehe immer das Gleiche: Sie hätten einen besseren Bewerber gefunden. Immerhin an einem Ort hat er schnuppern gehen können, und eine andere Firma hat ihn zu einem Eignungstest eingeladen. Arbnor will immer noch Informatiker werden, denn in der Schnupperlehre hat ihm das Herumschrauben an den Computern grossen Spass gemacht. Auch Automobilmechatroniker könne er sich vorstellen. Und als weitere Alternative nennt er den Detailhandelsfachmann.

Konkrete Tipps

Sarah Descombes wechselt mit ihrem Schützling an den PC. Sie öffnet die Word-Dateien und bespricht mit Arbnor mögliche Verbesserungen im Motivationsschreiben und im Lebenslauf. Sie gibt ihm konkrete Tipps, belässt die Verantwortung aber jederzeit bei ihm. «Es geht um Ihre Zukunft!», sagt sie schon mal zu ihren Jugendlichen und erklärt: «Wir können niemanden vermitteln, der nicht will. Wenn ein Jugendlicher nicht in der Schnupperlehre auftaucht, können wir nicht für ihn hingehen.» Bei Arbnor hat sie keine Angst. Er sei motiviert, zuverlässig und engagiert. Er schreibe sofort zurück, wenn sie ihm eine E-Mail sende. Und er lerne schnell: Ihre Tipps könne er sofort umsetzen. Er besucht zudem das höhere Schulniveau, hat gute Noten und der Multicheck sei auch ganz in Ordnung. Arbnor Kelmendi ist in der Schweiz geboren. Seine Eltern stammen aus Albanien. Die Mutter arbeitet als Raumpflegerin, der Vater als Lagerist. Beide können Arbnor bei den Bewerbungen nicht gross helfen. Auch sein Lehrer sei sich nicht sicher, ob er betreffend Bewerbungen noch auf dem aktuellen Stand sei, und habe ihn daher in das Projekt «Match-Prof BE» (siehe Kasten) angemeldet. Sarah Descombes klickt auf «Speichern unter». Die Bewerbungsunterlagen haben nun eine gute Qualität, und die nächsten Schritte sind mit Arbnor abgesprochen. Die Beraterin begleitet ihren Kunden zur Tür. Erstaunt stellt sie fest, dass dieser trotz winterlicher Temperaturen keine Jacke bei sich hat. Wie ein ganz normaler, verträumter, «unverwundbarer» Junge eben. Frau Descombes wünscht ihm eine gute Woche.

Klinken putzen

Danach beginnt ihre Arbeit als «Klinkenputzerin», wie sie es ausdrückt. Sarah Descombes erstellt ein PDF-Dokument des Dossiers von Arbnor und schickt es an zehn ausgewählte Lehrbetriebe aus dem Netzwerk ihres Arbeitgebers. Nach ein paar Tagen fragt sie nach, erklärt, gibt ergänzende Informationen. Wenn sie erfolgreich ist, fädelt sie ein erstes Treffen oder eine Schnupperlehre ein. Nun stösst ihr Chef Lucas Landolt zu uns. Er schneidet in kurzer Zeit eine Vielzahl von Themen an. Früher arbeitete er in der Informatikbranche, und vor einigen Jahren hat er Pro Lehrstelle gegründet. Landolt sagt: «Wir sind die Fürsprecher von Jugendlichen, bei denen das Potenzial noch brachliegt.» Es gebe zwei Schlüssel zu einem Fall: Einer sei das Dossier, da müsse man immer ansetzen. Der zweite sei, dass sich die Jugendlichen alleine nicht so gut verkaufen könnten. Seine Firma hingegen könne eine Referenz abgeben gegenüber dem Betrieb: «Wir bewirtschaften um die 800 Betriebe aktiv. Wenn wir zu den sogenannten Türwächtern einen guten Draht haben, dann kann einer schnuppern gehen und wird bei guten Leistungen eingestellt. Das wäre ohne unsere persönlichen Beziehungen nicht möglich.» Der Kanton bezahlt die Pro Lehrstelle AG nach Aufwand, das Kostendach liegt bei 2500 Franken pro Fall. Landolt betont: «Ein zehntes Schuljahr ist viel teurer, und es ist auch nicht garantiert, dass der Jugendliche danach eine Lehrstelle findet.»

Links und Literaturhinweise

www.matchprof.ch
www.erz.be.ch/matchprof
www.prolehrstelle.ch

Kasten

Match-Prof

Das SBFI finanziert unter dem Titel «Match-Prof» Projekte, die Jugendliche und junge Erwachsene in die Berufsbildung und damit in den Arbeitsmarkt integrieren. Die Zahl der offenen Lehrstellen und der Personen in Zwischenlösungen soll markant gesenkt werden, indem das Matching zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt verbessert wird. Von sechs eingegebenen Projekten wurde bisher eines bewilligt: Match-Prof BE. Der Kanton Bern setzt dabei auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. Er hat die drei Vermittlungsinstitutionen Pro Lehrstelle AG, Berner Stellennetz Integra und Fondation gad Stiftung beauftragt, bis zu 60 Jugendliche der ersten und zweiten Einwanderergeneration in die berufliche Grundbildung zu vermitteln. Die Jugendlichen müssen die folgenden Kriterien erfüllen: Kein Fall für das «Case Management Berufsbildung», fehlende Unterstützung durch das Umfeld, gute Sprachkenntnisse, durch die Berufsberatung abgeklärter Berufswunsch, Schnupperlehrberichte und Bewerbungsdossier vorhanden.

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