Ausgabe 05 | 2014

BERUFSBERATUNG

Forschung

Motivierende Gesprächsführung in der Berufsberatung

Die Motivation spielt eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, anstehende Veränderungen erfolgreich anzugehen. Um die Motivation zu steigern, könnte in der Studien- und Laufbahnberatung künftig auch eine spezifische Gesprächsmethode aus der klinischen Psychologie zum Einsatz kommen.

Von Shékina Rochat, Berufsberaterin und Doktorandin an der Universität Lausanne

In den letzten Jahren hat die Forschung auf dem Gebiet der Berufsberatung ihre Aufmerksamkeit immer stärker auf die Motivation gelenkt – das heisst auf die Gesamtheit der Ziele, Überzeugungen und Emotionen, die zur Handlungsbereitschaft führen. Motivation ist für das erfolgreiche Gelingen eines jeden Vorhabens unabdingbar. Doch nicht selten fehlt es Personen, die sich an die Berufsberatung wenden, an der notwendigen Motivation, um die nötigen Schritte für eine berufliche Veränderung in Angriff zu nehmen. Gerade Menschen, die nicht aus eigenem Antrieb handeln, sondern denen der Gang zur Berufsberatung von ihrem Umfeld oder von einer Institution nahegelegt wurde, bringen oft nicht die nötige Motivation mit. Dasselbe trifft auf Personen zu, die den Zeitpunkt für eine Veränderung für ungünstig halten. Für Berufsberater sind solche Situationen schwierig, denn die von ihnen vorgeschlagenen Massnahmen sind für Klienten gedacht, die motiviert sind, die vorgeschlagenen Schritte umzusetzen. Eine kürzlich in der Schweiz durchgeführte Studie hat aufgezeigt, dass die herkömmlichen Dienstleistungen der Studien- und Laufbahnberatung die motivationale Komponente der Berufswahl kaum zu beeinflussen vermögen.

Motivationsschwierigkeiten überwinden

Umso wichtiger ist es, neue Instrumente zu finden, mit denen Berufsberater ihre Klienten dabei unterstützen können, Motivationsschwierigkeiten zu überwinden. In diesem Zusammenhang dürften die Ansätze der klinischen Psychologie interessant sein. Dort wurden Methoden entwickelt, mit denen sich die Motivation von Patienten, eine bestimmte Behandlung in Angriff zu nehmen, steigern lässt. Zu den bekanntesten und wirksamsten Ansätzen gehört die motivierende Gesprächsführung, eine Methode aus dem Bereich der Suchtbehandlung. Im Verlauf eines solchen Gesprächs geht der Therapeut der ambivalenten Einstellung seines Patienten gegenüber einer Verhaltensänderung auf den Grund. Diese Ambivalenz – das gleichzeitige Vorhandensein von Argumenten für oder gegen eine Verhaltensänderung – kann nämlich Zweifel aufkommen lassen und den Patienten davon abhalten, sich zu einer Änderung zu verpflichten. Das Besondere an der Methode ist, dass der Patient selbst die Argumente für eine Verhaltensänderung liefern muss. Diese Art der Gesprächsführung setzt voraus, dass der Therapeut seine Expertenrolle ablegt und eine Zusammenarbeit mit dem Patienten eingeht, der die Vor- und Nachteile der Verhaltensänderung selber bewertet. Die Aufgabe des Therapeuten in diesem «Change Talk» besteht darin, den Patienten bei der Suche nach Argumenten für eine Verhaltensänderung zu unterstützen und die vorgebrachten Argumente mithilfe verschiedener therapeutischer Gesprächstechniken zu verstärken. Gleichzeitig muss der Therapeut angemessen auf die vom Patienten vorgebrachten Argumente für die Beibehaltung des gegenwärtigen Zustands reagieren und auf Anzeichen für Streitpunkte achten, die die Beziehung zum Patienten beeinträchtigen könnten.

Die problematische Schwelle Schule-Arbeitswelt

Die Wirksamkeit der gerade bei Jugendlichen erfolgreichen Methode konnte in verschiedenen gesundheitsrelevanten Themenbereichen wie Suchtbekämpfung und Ernährung mehrfach nachgewiesen werden. Auch die Berufsberatung verspricht sich von diesem Ansatz Erfolge. Deshalb führt die Universität Lausanne in Zusammenarbeit mit dem Amt für Studien- und Laufbahnberatung des Kantons Waadt eine Studie durch, die die Wirksamkeit der Gesprächsmethode bei der Beratung von Jugendlichen an der Schwelle Schule–Arbeitswelt untersucht. Der Übergang von der obligatorischen Schule in die Arbeitswelt ist für Jugendliche in der Regel die erste Schwelle ihrer beruflichen Laufbahn. Er bringt umfassende Veränderungen mit sich, die die weitere Laufbahn massgeblich beeinflussen. Wer an dieser Schwelle scheitert, gerät leicht ins Abseits. Die schwierige Situation von Jugendlichen, die den Sprung in eine nachobligatorische Ausbildung nicht schaffen, verlangt nach Lösungen, die den Übergang erleichtern. Auch in diesem Zusammenhang hat sich gezeigt, dass die Motivation für einen erfolgreichen Übergang eine zentrale Rolle spielt. Die für Schüler an der Schwelle Schule–Arbeitswelt erbrachten Leistungen der Berufsberatung eignen sich hervorragend, um die motivierende Gesprächsführung in der Laufbahnplanung einzuführen und deren Wirksamkeit zu testen.

Studie zur Wirksamkeit der Berufsberatung

Seit dem Schuljahr 2014 nehmen elf Berufsberatende in Waadtländer Schulen an der Studie teil. Die Untersuchung beginnt mit einer Kontrollgruppe aus rund 60 Schülerinnen und Schülern, die kurz vor dem Austritt aus der obligatorischen Schule stehen. Sie werden von den Berufsberatenden betreut, bevor diese eine Schulung in motivierender Gesprächsführung durchlaufen haben. Die Schulung für die Berufsberater beginnt im Juni 2015 und umfasst einen zweitägigen Workshop und eine anschliessende Supervisionssitzung. Nach Beendigung dieser Schulung betreuen die Berufsberatenden eine zweite Schülergruppe, die Gruppe für die quasi-experimentelle Untersuchung. Beide Schülergruppen werden aufgefordert, vor und nach ihrem Gespräch mit dem Berufsberater einen Fragebogen auszufüllen. Die Antworten sollen Aufschluss darüber geben, wie sich die Beratung auf die Unentschlossenheit auswirkt und inwiefern sie die Motivation für den Eintritt in die Berufswelt zu steigern vermag. Drei Monate und sechs Monate später wird eine neue Messung durchgeführt, um die längerfristige Wirkung der Beratung zu ermitteln. Die Beratungsgespräche werden zudem aufgezeichnet und die Inhalte analysiert, damit die Wirkung der Schulung in motivierender Gesprächsführung auf die Beratungstätigkeit beurteilt werden kann. Die Studie beabsichtigt, den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt zu erleichtern; längerfristig dürften die eingesetzten Motivationstechniken aber auch zu einer Verkürzung der Übergangsphase zwischen obligatorischer Schule und dem Eintritt in die Berufsbildung beitragen. Weiter soll die Studie die Bedeutung der Kompetenzen von an Schulen tätigen Berufsberatenden betonen, indem sie den Nutzen von gelenkten Gesprächen aufzeigt. Letztlich soll die Studie die praxis-orientierte akademische Forschung fördern, die einen echten Austausch von Kompetenzen im Dienst der Klienten ermöglicht.

Links und Literaturhinweise

Miller, W. R., Rollnick, S. (2013): L’entretien motivationnel – Aider la personne à engager le changement. Paris, InterEditions.
Hirschi, A. (2009): Career adaptability development in adolescence: Multiple predictors and effect on sense of power and life satisfaction. In: Journal of Vocational Behavior (Nr. 74 [2], S. 145-155). Amsterdam, Elsevier.
Masdonati, J., Massoudi, K., Rossier, J. (2009): Effectiveness of career counseling and the impact of the working alliance. In: Journal of Career Development (Nr. 36 [2], S. 183-203). London, Sage.
Naar-King, S., Suarez, M. (2011): L’entretien motivationnel avec les adolescents et les jeunes adultes. Paris, InterEditions.
Ford, M. E. (1992): Motivating humans: Goals, emotions and personal agency beliefs. London, Sage.

3 Fragen

«Im Handeln einen Sinn erkennen»

an Clémence Ecoffey, Berufsberaterin im Studien- und Laufbahnberatungszentrum «Centre OSP Nord» in Yverdon VD.

(Bild: zvg)

Welche Rolle spielt die Motivation im Beratungsgespräch? Die Motivation ist selten auf den ersten Blick erkennbar, aber meistens trotzdem vorhanden. Die Klienten kommen mit bestimmten Erwartungen zu uns, ihre Motivation wird durch verschiedenste Variablen beeinflusst.

Welche motivationsfördernden Instrumente stehen Ihnen zur Verfügung?
Wir versuchen, zusammen mit den Klientinnen und Klienten jene Elemente ausfindig zu machen, die sie zum Weitermachen antreiben oder die sie behindern. Anschliessend überlegen wir uns, wie sie allfällige Hindernisse überwinden und ihre Stärken nutzen können, um ihre Motivation zu steigern. Dafür greifen wir auf verschiedene Instrumente und Techniken zurück. So ermutigen wir etwa die Klienten, sich kleine, kurzfristige Ziele zu setzen, die ihnen ihre Fortschritte bewusst machen. Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen einen Sinn in ihrem Handeln erkennen und ein Vorhaben erarbeiten.

Warum nehmen Sie an der Studie und der Schulung in motivierender Gesprächsführung teil?
Ich bin sehr neugierig und möchte eine mir bisher unbekannte Gesprächstechnik kennenlernen. Wenn auch die von mir betreuten Jugendlichen davon profitieren können, so ist mir das ein zusätzlicher Ansporn. ir

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