Ausgabe 02 | 2020

BERUFSBILDUNG

Reform der MEM-Berufe

«Die Wettbewerbsfähigkeit ist von zentraler Bedeutung»

Das Projekt «Future MEM» umfasst die Reform der acht technischen beruflichen Grundbildungen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) in der Schweiz. Arthur Glättli, Geschäftsleiter Swissmem Berufsbildung, und Roland Stoll, Leiter Grundbildung Swissmechanic, geben einen Einblick in ihr Projekt.

Interview: Laura Perret Ducommun, PANORAMA-Redaktorin

Enge Zusammenarbeit von zwei Verbänden: Roland Stoll, Leiter Grundbildung bei Swissmechanic (links), und Arthur Glättli, Geschäftsleiter Berufsbildung bei Swissmem, sind für die Reform der acht technischen Berufe der MEM-Industrie verantwortlich. 
(Bild: Swissmem/Swissmechanic)

Enge Zusammenarbeit von zwei Verbänden: Roland Stoll, Leiter Grundbildung bei Swissmechanic (links), und Arthur Glättli, Geschäftsleiter Berufsbildung bei Swissmem, sind für die Reform der acht technischen Berufe der MEM-Industrie verantwortlich.
(Bild: Swissmem/Swissmechanic)

PANORAMA: Warum werden die technischen Grundbildungen reformiert? Arthur Glättli: Die letzte grössere Berufsreform in der MEM-Industrie fand im Jahr 2009 statt. Auf diesen Zeitpunkt hin wurde ein Ausbildungsmodell für die MEM-Branche geschaffen, das auf Handlungskompetenzen basierte. Zusätzlich wurden die Ausbildungsinhalte aktualisiert. Die MEM-Industrie sieht sich seither mit einem raschen technologischen Wandel konfrontiert. Ein zentraler Aspekt ist die Digitalisierung entlang der ganzen Wertschöpfungskette.
Roland Stoll: Unterschiedliche Methoden und digitale Technologien vernetzen Menschen, Produkte, Maschinen, Systeme, Servicedienstleistungen und Unternehmen. Obwohl schon viele Unternehmen weit fortgeschritten sind und einen hohen Automatisierungsgrad aufweisen, gibt es noch immer einen erheblichen Entwicklungsbedarf. Das erfordert auch neue Kompetenzen für die Fachleute unserer Branche.

Gibt es neben der Digitalisierung und Automatisierung noch andere Herausforderungen?
Roland Stoll: Den gesellschaftlichen Wandel. Die Erwartungen und Lebensvorstellungen von jungen Leuten, speziell von jungen Frauen, müssen in die Gestaltung der Berufe einfliessen. Die beste Bildungsstruktur nützt wenig, wenn die jungen Menschen die Berufe nicht attraktiv finden und Lehrstellen nicht besetzt werden können. Die rechtzeitige Entwicklung eines qualitativ hochstehenden Aus- und Weiterbildungsangebots ist für den Erhalt und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von zentraler Bedeutung – auf den globalen Märkten, aber auch im Inland.

Welche Berufe sind von der Reform betroffen?
Arthur Glättli: Bis ins Jahr 2023 werden alle acht technischen MEM-Berufe einer Überprüfung unterzogen und an die zukünftigen Bedürfnisse angepasst. Folgende Berufe, welche die Verbände Swissmem und Swissmechanic verantworten, sind betroffen: Anlagen- und Apparatebauer/in EFZ, Automatiker/in EFZ, Automatikmonteur/in EFZ, Elektroniker/in EFZ, Konstrukteur/in EFZ, Polymechaniker/in EFZ, Produktionsmechaniker/in EFZ, Mechanikpraktiker/in EBA. Das Projekt wird ergebnisoffen angegangen. Das bedeutet, dass Anpassungen des Ausbildungsmodells und der Berufsstruktur möglich sind.

Warum wurden mehrere Berufe in diesem Reformprojekt zusammengefasst?
Arthur Glättli: Bereits heute bilden die acht technischen Berufe der MEM-Branche ein einheitliches Ausbildungsmodell. Dies ermöglicht Synergien für jene Firmen und Ausbildungsinstitutionen, die mehrere oder alle Berufe dieser Gruppe ausbilden. Die acht Berufe decken zusammen die wichtigsten Kompetenzen ab, welche die Unternehmen zur Erzeugung, Montage und Wartung ihrer Anlagen und Produkte benötigen. Die einzelnen Berufe unterscheiden sich einerseits in der fachlichen Ausrichtung, andererseits im Anspruchsniveau. So gibt es beispielsweise im Berufsfeld Mechanik die vierjährige Lehre zum Polymechaniker, die dreijährige Lehre zum Produktionsmechaniker und die zweijährige Lehre zum Mechanikpraktiker.

Wie haben Sie dieses Projektorganisiert?
Roland Stoll: In der Schweizerischen Kommission für Berufsentwicklung und Qualität der MEM-Branche, der SKOBEQ-MEM, sind Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, das SBFI, Vertreter der kantonalen Berufsbildungsämter, der Berufsfachschuldirektoren sowie Berufsfachschullehrer vertreten. Die SKOBEQ-MEM ist das oberste Steuerungsorgan des Projekts und wird durch Frau Dr. Sonja Studer (Präsidentin) von Swissmem und Herrn Dr. Jürg Marti (Vizepräsident) von Swissmechanic präsidiert. Arthur Glättli und ich bilden zusammen mit Jörg Aebischer von der Firma eduxept die Projektleitung.

Gibt es andere relevante Partner?
Arthur Glättli: Die Projektleitung wird regelmässig die Bildungspartner konsultieren. Dazu gehören Bund und Kantone, mit denen wir gesetzliche Rahmenbedingungen sowie Finanzierungs- und Umsetzungsfragen klären werden. Es gibt auch eine Begleitgruppe mit Führungspersonen aus Unternehmen. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Bedürfnisse der Betriebe die zentrale Richtschnur für diese Berufsreform bleiben. Je nach Projektphase und Aufgabenstellung werden Projektgruppen zur Bearbeitung von Teilprojekten zusammengestellt. Parallel dazu wird die Koordination des Projektes mit anderen Projekten und Initiativen der MEM-Branche sichergestellt.

Wie ist die Finanzierung geregelt?
Roland Stoll: Das Projekt wird primär durch die beiden Verbände Swissmem und Swissmechanic finanziert. Aber auch die folgenden Arbeitgeberverbände unterstützen das Projekt finanziell und personell: die AFDT (Association des fabricants de décolletages et de taillages), der SEMA (Schweizerischer Verband der Elektromaschinenbaufirmen), SWISS PRECISION (Schweizer Verband der Drehteile-Industrie) und der VSAS (Verband Schaltanlagen und Automatik Schweiz). Das Projekt erhält zudem finanzielle Unterstützung vom SBFI.

Wo stehen Sie heute bei diesem Projekt?
Arthur Glättli: Die SKOBEQ-MEM hat das Projekt mit Zielvorgaben, Projektetappen und Zeitplan Ende 2018 genehmigt. Die Analysen zur Erlangung des Vortickets erfolgten 2019. Aus der durchgeführten Zukunfts- und Berufsfeldanalyse, diversen Umfragen und Workshops resultierte eine Vielzahl von Anregungen und Handlungsoptionen. Diese wurden gesammelt und bezüglich ihres Einflusses auf die Ausbildungsstruktur, die Inhalte und die Umsetzung kategorisiert. Auf dieser Basis wurde der Antrag zum Vorticket erarbeitet und dem SBFI vorgelegt. Das SBFI hat dann Mitte Dezember 2019 das Vorticket erteilt für die Totalrevision der Verordnungen über die beruflichen Grundbildungen der MEM-Berufe.

Was sind Ihre ersten Erkenntnisse?
Roland Stoll: Die aktuellen Berufsbilder der MEM-Branche erfüllen gegenwärtig noch weitgehend die Bildungsbedürfnisse der Betriebe. Allerdings macht es der Fachkräftemangel notwendig, dass die Attraktivität der MEM-Berufe für Jugendliche, insbesondere für Mädchen, steigt, dass wir uns für Abgänger der mittleren Schulstufe öffnen und dass eine Erwachsenenberufslehre geschaffen werden kann. Auch die Forderung nach individuelleren Bildungswegen macht eine Modifikation der Grundbildungen der MEM-Branche notwendig. Daneben sind die Ausbildungsinhalte den technologischen Entwicklungen und dem Verhalten und den Erwartungen der Jugendlichen anzupassen.

Wie kann man das zukünftige Modell skizzieren?
Arthur Glättli: Ein gegebenenfalls modifiziertes Qualifikationsverfahren soll nach wie vor umfassende Handlungskompetenzen und Wissensbestände prüfen. Um die Flexibilität der Berufsbildung zu erhöhen, wird ein modulares Ausbildungskonzept geprüft. Die Grundstruktur einer Basisausbildung und einer Spezialisierung, die den individuellen Bedürfnissen der Firmen angepasst ist, wird beibehalten. Die Basis-ausbildung wird enger definiert. Durch die Basisausbildung können Synergien zwischen den verschiedenen Berufen genutzt werden. Die Module der Spezialisierungsausbildung können neu mit ÜK-Modulen und schulischen Modulen angereichert werden. Die Modularisierung ermöglicht auch eine zeitliche und teilweise inhaltliche Individualisierung der Berufslehre. Die Lehrdauer muss aber aus gesetzlichen Gründen im Lehrvertrag fixiert werden, und in der Praxis wird der vorgegebene Bildungsweg weiterhin die Regel sein. Das modulare System ermöglicht zudem die Erwachsenenlehre und die Umschulung bestehender Fachleute.

Welche Empfehlungen würden Sie an andere Branchen weitergeben, die ebenfalls ihre Berufe reformieren sollten?
Roland Stoll: Jede Branche hat ihre eigenen Bedürfnisse und Gegebenheiten. Unser neues Ausbildungsmodell könnte allenfalls Ausbildungsmodelle für andere Branchen inspirieren. In jedem Fall betrachten wir unser Modell als einen Beitrag zum nationalen Projekt «flex2b», in dem Modelle für die Zukunft gesucht werden.

Links und Literaturhinweise

www.futuremem.swiss

Kasten

MEM-Industrie

Die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) erwirtschaftet rund 7 Prozent des Bruttoinlandproduktes (2018) und nimmt damit in der schweizerischen Volkswirtschaft eine Schlüsselstellung ein. Sie ist mit rund 320'000 Beschäftigten, darunter 24'000 Lernende, die grösste industrielle Arbeitgeberin der Schweiz. Zudem leistet die MEM-Branche mit Innovation, Kreativität und unternehmerischem Geist weltweit einen wichtigen Beitrag zur effizienten und nachhaltigen Erzeugung von Energie und zur Entwicklung von umwelt- und ressourcenschonenden Produktions- und Recyclingmethoden.

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