Ausgabe 01 | 2018

BERUFSBERATUNG

Projekt «GO-Apprentissage»

Mit Coaching den Direkteinstieg fördern

Im Kanton Genf finden nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler direkt nach der Volksschule den Weg in eine berufliche Grundbildung. Das Pilotprojekt «GO-Apprentissage» setzt nun auf Lehrstellenberater/innen. Sie sollen eine Brücke zwischen Schulen und Betrieben schlagen und die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche unterstützen.

Von Ingrid Rollier, PANORAMA-Redaktorin

Die Lehrstellenberaterin besucht das Unternehmen, in dem Hamit Karatas (2. von rechts) eine Lehrstelle gefunden hat, und lädt die Bildungsverantwortlichen ein, ihre Berufe in der Schule vorzustellen. (Bild: Ingrid Rollier)

Die Lehrstellenberaterin besucht das Unternehmen, in dem Hamit Karatas (2. von rechts) eine Lehrstelle gefunden hat, und lädt die Bildungsverantwortlichen ein, ihre Berufe in der Schule vorzustellen. (Bild: Ingrid Rollier)

Theo Emery ist im letzten Oberstufenschuljahr. Er möchte eine Lehre im Verkauf oder als Mechaniker machen und wendet sich an die Lehrstellenberaterin seiner Schule. Sie hilft ihm beim Verfassen des Lebenslaufs und des Bewerbungsschreibens, bei der Kontaktaufnahme mit Lehrbetrieben und der Suche nach Schnuppermöglichkeiten. Beim Schnuppern merkt Theo, dass diese Berufsfelder doch nichts für ihn sind. Die Berufsberaterin hilft ihm, seine Vorlieben klarer zu erkennen und ein neues Berufsziel zu definieren: Er möchte Pharma-Assistent werden. Zusammen mit der Lehrstellenberaterin passt Theo seinen Lebenslauf und das Bewerbungsschreiben seinem neuen Berufsziel an. Nach einer Schnupperlehre erhält er die Zusage für eine Lehrstelle von einem Betrieb, in dem er heute mit Freude seine berufliche Grundbildung absolviert. Seit Anfang 2016 nehmen im Kanton Genf vier Oberstufenschulen am Pilotprojekt «GO-Apprentissage» teil. Jede der vier Schulen hat eine Lehrstellenberaterin oder einen Lehrstellenberater mit einem 70-Prozent-Pensum angestellt. Diese Fachleute stehen den Schülerinnen und Schülern im letzten obligatorischen Schuljahr bei der Lehrstellensuche zur Seite und fungieren als Vermittler zwischen den Jugendlichen und den Lehrbetrieben. Sie arbeiten eng mit den Berufsberaterinnen und -beratern zusammen und sind dem kantonalen Dienst für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung angeschlossen. «Wir haben dafür Fachpersonen ausgesucht, welche die Arbeitswelt, die berufliche Grundbildung und die Rekrutierungsstrategien der Betriebe sehr gut kennen», sagt der Leiter des Dienstes, Jean-Pierre Cattin. «Sie verfügen über eine Ausbildung auf Tertiärstufe sowie über Berufserfahrung in der Betreuung von Jugendlichen, der beruflichen Integration oder im Personalwesen.» Im Kanton Genf beginnen nur wenige Schülerinnen und Schüler direkt nach der obligatorischen Schulzeit eine duale berufliche Grundbildung (2017 waren es 3,4%). Dennoch machen eidgenössische Fähigkeitszeugnisse letztlich 25 Prozent der Abschlüsse auf Sekundarstufe II aus. «Die grosse Mehrheit der Jugendlichen kommt nach einem Umweg doch noch auf die duale Berufsbildung zurück», erklärt Jean-Pierre Cattin diese Diskrepanz. «Dazwischen durchlaufen sie eine Phase von schulischen Misserfolgen, die das Selbstbild bekanntermassen negativ beeinflussen.» Das vom SBFI unterstützte Projekt «GO-Apprentissage» soll mehr Jugendliche schon am Ende der Volksschule zu einer beruflichen Grundbildung in einem Lehrbetrieb bewegen. Es unterstützt Schüler/innen im letzten obligatorischen Schuljahr mit individuellem Coaching bei der Lehrstellensuche und vermittelt ihnen durch Betriebs- und Berufspräsentationen Einblicke in die Berufswelt. Das Ziel ist, dass sich acht Prozent der Jugendlichen direkt nach der obligatorischen Schulzeit für die duale Berufsbildung entscheiden. Der Ende 2017 erstellte Tätigkeitsbericht zum Projekt zeigt, dass dieses Ziel in zwei der teilnehmenden Schulen bereits übertroffen wurde. In diesen Schulen haben fast zehn Prozent der ehemaligen Schülerinnen und Schüler eine duale berufliche Grundbildung begonnen. In der dritten teilnehmenden Schule waren es fünf Prozent und in der vierten zwei Prozent. Besonders erfolgreich war das Projekt dort, wo Schüler/innen, die bereits ein Berufsziel hatten, direkt mit dem Lehrstellenberater Kontakt aufnehmen konnten, wo die Bewerbungsdossiers der Jugendlichen (ähnlich wie bei einem Personalvermittlungsbüro) von den Beratern eingereicht wurden oder wo die Schüler/innen bei Berufspräsentationen Kontakt zu Lernenden hatten.

Individuelle Unterstützung

Zu Beginn des letzten Oberstufenjahrs geht die Lehrstellenberaterin Emna Ajroudi in die Schulklassen und spricht über die duale berufliche Grundbildung, erzählt von der Berufswelt und erklärt den Jugendlichen, wie sie ihnen bei der Lehrstellensuche helfen kann. Ihr Unterstützungsangebot versteht sich als Ergänzung zur individuellen Berufsberatung und zum Berufswahlunterricht. Emna Ajroudi tauscht sich regelmässig mit den Lehrpersonen und dem zuständigen Berufsberater aus. Dieser unterstützt die Jugendlichen, deren Berufswahlprozess noch nicht abgeschlossen ist, während Ajroudi die Schüler/innen begleitet, die bereits ein Berufsziel haben: «Die Jugendlichen brauchen Zeit und Unterstützung, um die Informationen zu den verschiedenen Berufen zu verarbeiten», sagt die Lehrstellenberaterin. «Ich unterhalte mich eingehend mit ihnen, um sie besser kennenzulernen und einen Lebenslauf zu erstellen, der alle relevanten Punkte enthält. Ich zeige ihnen, dass Aktivitäten wie Mithilfe im Quartierzentrum oder Babysitten ihren Lebenslauf aufwerten können. Oft fehlt es ihnen am nötigen Selbstvertrauen, um in einem Betrieb anzurufen und um ein Vorstellungsgespräch zu bitten oder um an den Bewerbungsveranstaltungen des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Weiterbildung teilzunehmen.» Die Lehrstellenberaterin erstellt mit den Jugendlichen das Bewerbungsdossier, übt mit ihnen das Vorstellungsgespräch und bespricht mit ihnen die Wahl der richtigen Kleidung oder den Weg zum Vorstellungsort. Das Dossier wird für jeden angeschriebenen Betrieb angepasst und überarbeitet, wenn sich das Berufsziel ändert. Die Schulabgänger/innen stehen oft in Konkurrenz mit älteren Jugendlichen, die schon ein oder mehrere Jahre Unterricht auf Sekundarstufe II hatten, was sie vor allem für Lehrbetriebe im Dienstleistungssektor interessanter macht. Hamit Karatas zum Beispiel wollte Kaufmann werden. «Wir haben meine Bewerbung an viele Lehrbetriebe geschickt, aber am Anfang habe ich nur Absagen bekommen», erinnert er sich. Der Tätigkeitsbericht zum Projekt zeigt denn auch, dass es gerade für Schülerinnen und Schüler aus den nicht gymnasialen Schultypen schwer ist, ohne individuelle Begleitung eine Lehrstelle zu finden. Hamit Karatas wollte schon aufgeben, doch die Lehrstellenberaterin konnte ihn wieder motivieren. Sie ermutigte ihn, die Suche auf den Verkaufsbereich auszuweiten. Schliesslich konnte er eine Schnupperlehre bei einem Autohändler machen, wo es ihm sehr gut gefiel. In diesem Betrieb erhielt er dann auch eine Lehrstelle als Detailhandelsassistent. Rund 50 Prozent aller Schülerinnen und Schüler aus nicht gymnasialen Schultypen, die 2016/2017 einen Lehrvertrag unterzeichnet haben, stammen aus Schulen, die am Projekt «GO-Apprentissage» teilnehmen. Zudem begannen sechs Jugendliche aus diesen Schulen eine EBA-Ausbildung, während aus den anderen 15 Schulen nur drei EBA-Lernende hervorgingen. Das zeige, so der Bericht, dass das Projekt «GO-Apprentissage» zielführend sei. Indem das Projekt die Laufbahnentscheidungen der Jugendlichen am Ende der Oberstufe unterstützt, trägt es auch zum Kampf gegen Lehrabbrüche und Misserfolge bei. Damit fördert es die Umsetzung der obligatorischen Ausbildungszeit bis 18 Jahre, die im Kanton Genf 2018 in Kraft tritt. Rund 1570 Betriebe wurden von den Lehrstellenberatern oder den Jugendlichen kontaktiert. Emna Ajroudi spricht gezielt Lehrbetriebe an, die zum Profil der Jugendlichen passen, und schlägt ihnen konkrete Bewerbungen vor. Im Allgemeinen zeigen die Lehrbetriebe grosses Interesse am Projekt «GO-Apprentissage». «Uns fehlen geeignete Kandidaten für die Lehrstellen und wir möchten mehr Jugendliche beschäftigen, die direkt aus der Volksschule kommen», sagt Ismaël Gonzalez, Bildungsverantwortlicher beim Automobilunternehmen AMAG. «Wir erhalten Bewerbungen von älteren Jugendlichen, die zwar einen grösseren schulischen Rucksack haben. Dieser hat aber häufig nichts mit unseren Berufen zu tun.» Für den Berufsbildner ist es sehr hilfreich, mit einer Kontaktperson zusammenzuarbeiten, die ihm vorbereitete Dossiers präsentiert und ihm die Kontaktaufnahme mit interessierten Kandidaten erleichtert. Aufgrund der sehr guten Ergebnisse, von denen neben dem Tätigkeitsbericht auch eine Umfrage bei Jugendlichen und Lehrpersonen zeugt (siehe Kasten), hat der Kanton Genf das SBFI ersucht, das Pilotprojekt um zwei Jahre zu verlängern und ab dem Schuljahr 2018/2019 auf acht Schulen zu erweitern.

Links und Literaturhinweise

Cattin, J.-P. (2017): GO-Apprentissage: rapport d’activité de l’année scolaire 2016/2017. Genf, OFPC.

Kasten

Jugendliche und Lehrpersonen geben dem Projekt gute Noten

Eine Umfrage in den teilnehmenden Schulen ergab, dass 95 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Begleitung durch die Lehrstellenberater/innen hilfreich fanden: Sie lernten, ein Bewerbungsdossier zu erstellen (92%), fühlten sich besser auf ein Bewerbungsgespräch vorbereitet (88%), kannten die Anforderungen der Lehrbetriebe besser (91%), hatten Informationen zu den Eintrittstests erhalten (81%) und fühlten sich bei der Lehrstellensuche unterstützt (90%). Auch sämtliche befragten Lehrpersonen gaben an, dass die Jugendlichen dank dem Projekt «GO-Apprentissage» besser über die Anforderungen der Lehrbetriebe und den Bewerbungsprozess Bescheid wissen. Sie schätzten das Projekt insgesamt als positiv ein und empfahlen, dieses auf alle Oberstufenschulen auszuweiten.

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