Ausgabe 05 | 2015

Fokus "Ausbildungsabbruch"

Studie

Wachstumsschocks an Universitäten

Ein Drittel der Studienanfänger studiert ein Boomfach. Da die Betreuungsverhältnisse nur verzögert angepasst werden, verzeichnen diese Studienfächer hohe Abbruchquoten. Kleinere Studierendenkohorten reduzieren das Risiko eines Studienabbruchs hingegen nicht.

Von Andrea Diem und Stefan C. Wolter. Andrea Diem ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Stefan C. Wolter Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) in Aarau.

Die Studienabbrüche an Schweizer Universitäten sind zwar langfristig zurückgegangen, aber betreffen immer noch fast einen Viertel der Studierenden. Erste Forschungsbefunde haben gezeigt, dass individuelle Faktoren der Studierenden unterschiedliche Risiken eines Studienabbruches teilweise zu erklären vermögen, naheliegend dürfte aber auch sein, dass institutionelle und strukturelle Faktoren des Universitätsbetriebs ebenfalls einen Einfluss auf den Studienerfolg haben. Neuere Analysen aus den USA zeigen beispielsweise, dass in Jahren, in denen sich die Zahl der Studierenden deutlich erhöht hatte, gleichzeitig auch die Misserfolgsquoten stiegen. Erklärt wird dieser Effekt mit dem wohlbelegten Tatbestand, dass die öffentlichen Ausgaben und somit auch die Betreuungsverhältnisse an einer Universität oder in einem Fachbereich nur sehr langsam auf Zunahmen der Studierendenzahl reagieren, was somit auch teilweise die Zunahme der Studienabbrüche bei den grösseren Studierendenkohorten zu erklären vermag.

Schwankungen haben Auswirkungen

Spielen solche Mechanismen auch in der Schweiz? Ein Blick in die Daten des Schweizerischen Hochschulinformationssystems (SHIS) für die Studierendekohorten von 1975 bis 2008 zeigt, dass grosse Schwankungen in den Studienanfängerzahlen in den einzelnen Fächern und Universitäten häufig vorkommen: Rund jeder dritte Studienanfänger ist an seiner Universität für ein Fach eingeschrieben, bei dem sich die Studienanfängerzahl gegenüber dem Schnitt der beiden Vorjahre (trendbereinigt) um mehr als 10 Prozent erhöht hat. Umgekehrt ist rund jeder vierte Studienanfänger in einem Fach immatrikuliert, in welchem der Studierendenrückgang mehr als 10 Prozent beträgt (siehe Abbildung). Analysiert man nun die Wirkung solcher schockartigen Veränderungen der Studierendenzahlen auf das individuelle Risiko eines Studienabbruchs, zeigt sich ein statistisch signifikanter, wenn auch moderater Anstieg bei grösseren Studierendenzahlen. Der Ansturm in Modefächer führt also nicht einfach zu vermehrten Studienfachwechseln, sondern erhöht das Risiko eines definitiven Drop-outs aus der Universität. Kleinere Studierendenkohorten reduzieren das Risiko eines Studienabbruchs hingegen nicht. Da sich die Ressourcen einer Universität langsam, aber in etwa symmetrisch an steigende oder sinkende Studierendenzahlen anpassen, stellt sich die Frage, warum die Studienabbrüche unterschiedlich auf ein Steigen oder ein Sinken der Studierendenzahlen reagieren. Im Vordergrund der noch zu überprüfenden Hypothese steht die Vermutung, dass bei steigenden Studierendenzahlen die betroffenen Fachbereiche einen grossen Anreiz haben, mittels strengerer Selektion wieder zu den alten Betreuungsverhältnissen zurückzukehren. Sinkt die Zahl der Studierenden hingegen, besteht kein Anreiz der Institution, zu den alten, schlechteren Betreuungsverhältnissen zurückkehren zu wollen.

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